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Karl Marx (l.) und Friedrich Engels im familiären Umfeld.

Einführungen

Appell ans Weiterdenken

Einführungen haben Konjunktur. Reizvoll ist ihre Kürze. Doch sie sollten die eigene Lektüre möglichst nicht ersetzen.

Von Thomas Meyer

Einführungen haben Konjunktur. Jeder Verlag, der etwas auf sich hält, bietet eine Reihe an, in der Biographien und Werkerläuterungen, Handbücher zu Grundbegriffen und Kommentare zu klassischen Texten erscheinen. Dabei ist im Laufe der Zeit neben einer deutlichen Qualitätssteigerung auch ein weitaus freierer Umgang mit dem Genre festzustellen. Die Bände bereiten nicht mehr bloß auf die Lektüre von Platons „Sophistes“ oder Heideggers „Sein und Zeit“ vor oder geben Auskunft zur Geschichte der Moral, sondern sind oft eigenständige Forschungsleistungen zu Personen, Begriffen und Werken.

Dass auch die beste Einführung nur dann nützt, wenn die Primärtexte gelesen wurden, kann zunehmend als frommer Wunsch gelten. Denn oft schlägt die verführerische Qualität von Einführungen die notwendige Textkenntnis aus dem Feld. Die Frage, ob dazu in Zeiten von Bachelor und Master künftig die anstrengenden, durch nichts zu ersetzenden Lektüreseminare weiter möglich sein werden, dürfte dagegen bereits beantwortet sein.

Die Wiederentdeckung von Ernst Cassirer verdankt sich der Reihe „Denker“

Doch man sollte umgekehrt den positiven Einfluss von Einführungen nicht unterschätzen. So ist die Wiederentdeckung Ernst Cassirers nicht dem vielbeschworenen „cultural turn“ zu verdanken, sondern Andreas Graesers Buch in der Reihe „Denker“ des Beck-Verlages. Durch Quentin Skinners Machiavelli-Bändchen im Junius-Verlag wurde man endlich auch hierzulande auf die sogenannte Cambridge-School der ideengeschichtlichen Forschung aufmerksam. Und der Suhrkamp-Verlag hat mit seiner „Studien-Bibliothek“ einen Teil des Dilemmas der Einführungen aufgehoben: Dort werden die behandelten Texte gleich mit abgedruckt, und durch Stellen- und Sachkommentare erläutert, die den Forschungsstand wiedergeben.

An drei ganz unterschiedlichen Neuerscheinungen lässt sich der allgemeine Befund gut veranschaulichen. Das im Metzler-Verlag erschienene Platon-Handbuch setzt ganz auf eine systematisierte Übersicht zu dessen Leben und Werk. Neben den historischen Kontexten werden in erster Linie Platons Arbeitsfelder und die wichtigsten Begriffe in umfangreichen Artikeln dargestellt. Dabei wird nicht Dialog für Dialog abgehandelt, sondern es werden Zusammenhänge offengelegt, die sich aus den Argumentationsverläufen über das einzelne Werk hinaus erschließen lassen.

Die klassischen Dreierkonstellationen, wie frühe, mittlere und späte Dialoge, oder thematische Verbindungen, so etwa beim „Staat“, „Staatsmann“ und den „Gesetzen“ werden ebenso wie die in den Dialogen selbst genannten Bezüge – „Theaitetos“, „Sophistes“ und „Staatsmann“ – in den Interpretationen berücksichtigt. Auch die Rezeption des platonischen Oeuvres findet eine umfassende Würdigung. Was Christoph Horn, Jörn Müller und Joachim Söder zusammen mit weiteren Experten geschaffen haben, ist beachtlich. Ein Schwerpunkt des Handbuches liegt in der Berücksichtigung der aktuellen Forschung: So sind die Ergebnisse des Platon-Bandes des „Ueberweg“ ebenso eingearbeitet wie wichtige englisch- und französischsprachige Literatur. Allenfalls überrascht, dass die in den USA einflussreichen Arbeiten von Seth Benardete, Stanley Rosen oder Catherine Zuckert keinen Niederschlag gefunden haben.

Die erfolgreiche Reihe „Klassiker Auslegen“ im Akademie-Verlag hat der Tübinger Philosoph Otfried Höffe begründet. In der Regel werden dort einzelne Werke abschnittweise von Fachleuten in den Gesamtzusammenhang eingeordnet, erläutert und auf systematische Absichten oder Schwierigkeiten hin abgeklopft. Der jetzt erschienene Band bildet auf den ersten Blick keine Ausnahme, gleichwohl ist die „Deutsche Ideologie“ von Karl Marx und Friedrich Engels nur als Fragment hinterlassen worden. Das hieß für den Herausgeber Harald Bluhm und seine Mitautoren, dass sie aus den Bruchstücken Sinnzusammenhänge herstellen mussten, die gleichzeitig die extrem heterogene, weil durch politische Konstellationen beeinflusste Deutungsgeschichte der Schrift zu berücksichtigen hatte.

Bluhm versammelt sehr unterschiedliche Stimmen, die die Vielfältigkeit der „Deutschen Ideologie“ in ihren zum Teil widersprechenden Interpretationen lebendig machen. So schreibt etwa der konservative Philosoph Alasdair MacIntyre neben Hegelianern mit unterschiedlichen Ansätzen wie Andreas Arndt und Michael Quante oder der Autor einer Theorie der Gemeinschaft, Udo Tietz. Auf diese Weise erhält der Leser zusätzlich zu den wesentlichen Argumenten des Textes, der zu den kompliziertesten Schriften von Marx und Engels gehört, ein ausgewogenes Panorama heutiger Marxismus-Forschung.

Neben den Handbüchern und Kommentaren in den Verlagen Metzler, Akademie oder Suhrkamp, sind die Einführungen bei C.H. Beck, Campus, Reclam und Junius besonders empfehlenswert. In der Reihe des Letzteren legte ein vierköpfiges Autorenteam um den Jenenser Soziologen Hartmut Rosa jetzt eine kluge und pointierte Zusammenschau von „Theorien der Gemeinschaft“ vor. „Gemeinschaft“ ist zwar als Idee bis hin zu Platon und Aristoteles als Thematik zu belegen, doch hat eine Theoriebildung, die speziell auf diesen Begriff gegründet ist, erst 1887 mit Ferdinand Tönnies’ Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“ begonnen. Entsprechend systematischer werden die Bemerkungen des Autorenkollektivs, wenn „Gemeinschaft“ als modernes Konzept – hier sei nur an die Auseinandersetzungen zwischen „Liberalen“ und „Kommunitariern“ erinnert – auftritt.

Besonders gelungen sind die Passagen, in denen die Binnenspannung von „Gemeinschaft“, die stets zwischen funktionalen Differenzierungen und normativen Einheitsvorstellungen existiert, zum Ausgangspunkt gesellschaftstheoretischer Überlegungen wird. Damit ist ein Punkt erreicht, den alle guten Einführungen erreichten sollten: einen Appell an das eigene Weiterdenken mitzuliefern.

Harald Bluhm (Hrsg.): Karl Marx/Friedrich Engels. Die deutsche Ideologie. Akademie-Verlag , Berlin 2010, 232 Seiten, 19,80 Euro. Christoph Horn u.a. (Hrsg.): Platon-Handbuch. Leben–Werk–Wirkung. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2010, 537 Seiten, 49,95 Euro. Hartmut Rosa u.a.: Theorien der Gemeinschaft zur Einführung. Junius Verlag , Hamburg 2010, 208 Seiten, 13,90 Euro.

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