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Preisträger Jens Petersen, Jahrgang 1976.

33. Ingeborg-Bachmann-Preis

Apokalypse in der Parallelwelt

Ein dürftiger Jahrgang: Die Verleihung des 33. Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt. Jens Petersen gewinnt aber souverän und auch zu Recht den Preis. Von Christoph Schröder

Einmal im Jahr wird die Stadt Klagenfurt zu einer Parallelwelt. Dann macht sich der gesamte deutschsprachige Literaturbetrieb auf an den Wörthersee, zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur, zum Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Und zum Baden im See. Bewegt man sich fünf Tage lang in dieser Parallelwelt, kommt man nicht umhin, alles darin und sich selbst wichtig zu nehmen, sonst wäre es nicht zu ertragen.

Eine alte Klagenfurt-Regel besagt: Wetter schlecht - Literatur gut. Stimmt nicht. Es regnete ausgiebig. Und die vorgelesenen Texte bewegten sich, freundlich gesagt, auf allenfalls durchschnittlichem Niveau, mit deutlichen Ausschlägen nach unten.

Besonders der erste Lesetag ließ um den aktuellen Zustand der deutschsprachigen Literatur fürchten, sollte man denn Klagenfurt als Gradmesser überhaupt gelten lassen. Was man zu hören und zu sehen bekam: Eine bieder erzählte und grausam herausberlinerte Ost-Schmonzette von Karsten Krampitz, die es zwar nicht in die Endrunde schaffte, aber völlig überraschend den im Internet vergebenen und mit 7000 Euro dotierten Publikumspreis gewann. Der junge Österreicher Philipp Weiss las die Geschichte eines Schriftstellers, in dessen Magen ein Manuskript gefunden wird. Im Anschluss an seine Lesung aß der Autor Teile seines Textes auf. Da hatte es doch auch schon radikalere Gesten gegeben. Die Österreicherin Linda Stift eröffnete den zweiten Tag mit einer heftig diskutierten Sozial-Operette aus der Wir-Perspektive einer Gruppe von Wirtschaftsflüchtlingen. Kein Sieger in Sicht bis zu diesem Zeitpunkt.

Doch das Wetter besserte sich, das Niveau ebenfalls: Der 1976 in Pinneberg geborene und in Zürich lebende Jens Petersen, im Haupt- oder Nebenberuf Arzt, stellte sich mit einem schnöseligen Kurzfilm vor; sein atmosphärisch hochaufgeladener Text unternimmt immer wieder sprachliche und motivische Ausflüge in den Kitsch, steigert sich aber gegen Ende in eine beklemmende Eindringlichkeit.

"Bis dass der Tod", so der Titel, ist die im Präsens erzählte klaustrophische Geschichte eines jungen Mannes, der in einer scheinbar entvölkerten, postapokalyptischen Landschaft seine schwerkranke Lebensgefährtin tötet, dem dann aber der Mut zum Selbstmord fehlt. Petersen gewann schließlich doch souverän und auch zu Recht den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis.

Der wäre auch dem hochsympathischen Gregor Sander zu gönnen gewesen, der in "Winterfisch" bruchstückartig drei exemplarische Biografien vor dem Hintergrund deutsch-deutscher Erfahrungen ausbreitet. Eine stille, kompositorisch ausgewogene Erzählung, angesiedelt im schweigsamen Ambiente der norddeutschen Ebene, ausgezeichnet mit dem 3sat-Preis (7500 Euro).

Katharina Born, Tochter des Lyrikers Nicolas Born, trug eine sprachlich risikoarme Generationen- und Konfliktgeschichte aus dem Post-68er-Milieu vor, in dem die Gewaltstruktur untergründig angelegt ist und deren Charme zumindest in ihrem an Edgar Reitz' "Heimat" erinnernden Setting besteht. Ein ausbaufähiger Romanauszug, für den sie den Ernst-Willner-Preis (7000 Euro) erhielt.

Solide, aber, gemessen an ihren emotional besetzten Themen, auch leblos und glatt fielen die Wettbewerbsbeiträge im Großen und Ganzen aus. Auffallend in diesem Klagenfurter Jahr war die erfreuliche Abwesenheit von sprachverschwurbelter Innerlichkeitsprosa. Andererseits: Auch den Humor, der in Gestalt von Tilman Rammstedts Beitrag 2008 siegte, suchte man vergeblich.

Da war man doch froh, wenn jemand einmal etwas wagte, auch wenn es nicht vollends glückte: Ralf Bönt wählte für seinen Novellenauszug "Der Fotoeffekt" ein Phonon, ein frei umherschwirrendes Teilchen, als Erzähler, um in kühnen Schnitten und rasanten Perspektivwechseln zwei Forschergrößen des 19. Jahrhunderts, die Physiker Michael Faraday und Heinrich Hertz, mitsamt ihrer dem Entdeckungsdrang geschuldeten Quecksilbervergiftung zusammenzuführen. Eine originelle Konstruktion, die an ihren prätentiösen Formulierungen litt und mit dem Kelag-Preis (10 000 Euro) gut bedient war.

Bemerkenswert, dass unter den sieben Autoren in der Endrunde sich sechs Deutsche befanden - schon in den Tagen zuvor war die runderneuerte Jury immer wieder in deutsch-österreichische Grabenkämpfe und Realismusdebatten verstrickt: Karin Fleischanderl spiegelte in ihrer wunderbaren Dauerschlechtgelauntheit die Qualität so manchen Textes, ohne allerdings sachliche Argumente zu haben. Paul Jandl lieferte sich mit scharfzüngiger Intelligenz verbale Duelle mit Ijoma Mangold, dessen soziologisch-intellektuellen Zugriff die Beiträge der Autoren nicht immer verdient hatten. Burkhard Spinnen war als Jury-Vorsitzender ein wohltuend ausgleichendes Element; der Schweizer Alain Claude Sulzer hatte, wie schon im Vorjahr, prinzipiell wenig zu sagen.

Seit 33 Jahren hält sich der Bewerb, wie er hier genannt wird, am Leben; das spricht trotz allem eindeutig für ihn. Eines ist allerdings geblieben: das eklatante Moderatorenproblem. Nach dem Kurzauftritt des furchterregenden Dieter Moor hatte man es nun mit einer Clarissa Stadler zu tun, die in einer Mischung aus Narzissmus und Inkompetenz penetrant in die Diskussionen der Jury hineinplapperte und deren Impertinenz täglich neue Höhepunkte erreichte.

Stichwort Parallelwelt: In eben dieser ließ Büchnerpreisträger Josef Winkler zur Eröffnung eine höchst erwartbare und wohlfeile Beschimpfung der Kärntner und Klagenfurter Honoratioren vom Stapel. Denen, darunter Jörg Haiders Witwe, gefroren kurzzeitig die Gesichtszüge. Sie werden es überleben. Große Aufregung in der Stadt, die in der echten Welt keinen interessierte, weil am Tag darauf eine andere Parallelwelt ihren letzten Herzschlag tat. Bye bye Neverland, auf Wiedersehen Klagenfurt.

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