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Mit Anzug und Brause

Des Seemanns heimlicher Beruf

Von RUTH FÜHNER

Seemann ist kein Beruf wie alle anderen. Mit den Phantasien und Sehnsuchtsräumen, die er eröffnet, hält er die ungefähre Mitte zwischen Ritter (historisch wie lebensgeschichtlich früher) und Filmstar (später bzw. gleichzeitig). Auf diese Ausnahmestellung des Seemannsberufs geht Heimerdinger in seiner volkskundlichen Dissertation Der Seemann. Ein Berufsstand und seine kulturelle Inszenierung allerdings nur implizit ein - und das ist schade, denn so bleiben die Außenkonturen des Bildes undeutlich, das er von innen her so detailreich wie dramaturgisch und methodisch überzeugend entwirft. Schade auch, dass dieser akademischen Arbeit die alte Scheu vor selbstbewusster, auf Effekt und Spannung setzender Selbstinszenierung auf Schritt und Tritt anzumerken ist. So bleibt es der Leserin überlassen, die Aha!-Ausrufezeichen an den Rand zu setzen - und dazu ist glücklicherweise häufig Grund.

Vom Matrosenanzug auf alten Familienfotos über den "Ahoj"-Ruf der Brausetütchen bis zur Gewissheit, dass "Seemanns Braut (…) die See" ist (und er nur ihr treu sein kann): Solche bisher verstreute Einzelwahrnehmungen fügen sich bei der Lektüre wie Mosaiksteinchen zu einem Muster. Und es erweist sich wieder einmal, dass es keine Wirklichkeit gibt, die vor den unterschiedlichsten, einander widersprechenden und doch aufeinander bezogenen Interpretationen und ideologischen Indienstnahmen sicher wäre. So warb Ende des 19. Jahrhunderts die evangelische Seemannsmission mit dem Bild vom verrohten und betrunkenen Matrosen für die Rettung seines Seelenheils - während gleichzeitig die deutsche Flottenpropaganda per Matrosenanzug und Vereinswesen bis in die küstenfernsten Regionen das Bild des schmucken Patrioten zu See verbreitete.

Heimerdinger setzt ein mit den Faktoren, die in den letzten anderthalb Jahrhunderten das reale Leben an Bord prägten und veränderten - die Dampfschifffahrt, das Aufkommen der Container, das Ausflaggen (mit dem Reedereien nationale Auflagen umgehen), die globale Beschleunigung. Es folgt die Analyse der ideologischen bzw. massenkulturellen Bilder, die diesen Prozess begleiten. Sechs Topoi arbeitet Heimerdinger heraus, in denen Literatur, Musik, Film und Werbung die Seemannsfigur fassen - den starken, den wilden, den freien, den erotischen, den geselligen und nicht zuletzt: den leidenden Seemann. Spannend ist dabei, wie die facettenreichen Bilder, die dabei entstehen, zwar mitunter durchaus an die Lebenswelt anschließen, sich aber häufiger ihr gegenüber verselbständigen - eigentlich ja auch kein Wunder, denn der größte Teil der Wirklichkeit zur See bleibt Außenstehenden unzugänglich. Sie sehen nur die Landseite - Matrosenuniformen in Vergnügungsvierteln und die Frauen, die einsam zurückbleiben, wenn das Schiff ablegt.

Trotzdem wird in den abschließenden Interviewanalysen deutlich, dass Stereotypen über den Seemannsberuf eine große Rolle für die Selbstinterpretation spielen - sie dienen den gewesenen Kapitäne, Lotsen und Marinesoldaten, mit denen Heimerdinger sprach, um sich von ihnen zu distanzieren oder sich mit ihnen einverstanden zu erklären, sie variieren und differenzieren sie. Es gibt zwar kein Außerhalb der kulturellen Konstruktionen, heißt das, aber es lässt sich auch mit diesen Konstrukten spielen, bis sie sich der individuellen Wirklichkeit annähern. In der notwendigen Lücke, die bleibt, im Abstand also zwischen dem selbst Erlebten und dem Muster vermutet Heimerdinger, jetzt doch einmal gedämpft pathetisch, das, was das "Kulturwesen Mensch" ausmache. Und dann, ganz am Ende dieses Buches, ahnt man dann doch noch, was es mit der herausragenden Stellung des Seemanns auf sich haben könnte. Sein Verschwinden hinterm Horizont ist es, das Freiraum lässt für Träumereien und Phantasien von einem ganz anderen Leben, für einen Hauch von Utopie. Und das gilt nicht nur für jene, die an Land zurückgeblieben sind und nichts wissen von den Härten des Lebens auf See. Es gilt selbst für die, die sie erfahren haben und die aus dem Seemannsgarn des biographischen Erzählens den Faden einer sinnvollen Existenz spinnen.

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