Interview

Anzeichen von Wahrheit

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Vor zehn Jahren schrieb der französische Autor und Filmemacher Emmanuel Carrère "Ein russischer Roman". Darin erzählt er autobiografisch von der Suche nach einem ehemaligen Kriegsgefangenen, seiner Mutter, die nicht über seinen Großvater sprechen möchte und die Beziehung zu seiner damaligen Freundin Sophie. Nun wurde der Roman auf Deutsch übersetzt. Ein erschreckend ehrliches Buch.

Sind Sie ein aufrichtiger Autor, Monsieur Carrère?
Ich weiß nicht, ich bin jedenfalls nicht das Gegenteil. Das liegt vielleicht an meiner autobiografischen Arbeit, die in der Tat sowohl so aufrichtig als auch so wahrheitsgemäß ist, wie ich es sein kann. Deshalb gefällt mir der Begriff der Autofiktion nicht sonderlich, der fiktive Anteil an dem, was ich schreibe, liegt quasi bei Null.

Ist "Ein russischer Roman" also eher ein Tagebuch?
Nein, wenngleich der Roman Dinge beinhaltet, die von der Art eines Tagebuchs sind. Er ist eine autobiografische Erzählung, die versucht, Dinge, die man oft trennt, gleichzeitig zu behandeln. Man könnte sich leicht zwei Bücher statt einem vorstellen. Als gäbe es ein Buch über die ganze Geschichte in Russland, die russische Sprache, die Suche nach einem verschwundenen Familienmitglied. Und auf der anderen Seite ist es eine zeitgenössische Liebesgeschichte, die ich mit meiner damaligen Gefährtin erlebte und die sehr schlecht endete. Die Herausforderung bestand darin, sich zu sagen, dass das alles dasselbe Buch ist, aus dem einfachen Grund, weil dieselbe Person diese Dinge im selben Moment erlebt hat. In unserer Erfahrung, in der Realität, sind die Dinge nicht voneinander getrennt.

Gibt es dennoch Momente, die nicht ins Buch gekommen sind?
Ja, natürlich. Die Arbeit ist der Filmmontage ähnlich: reichlich Material, das man versucht zu organisieren, indem man es auf unerwartete Weise aneinanderreiht, Verbindungen schafft, an die man zunächst nicht gedacht hat. Das ist etwas, was die Filmmontage mit der Psychoanalyse gemeinsam hat. Als gäbe es so etwas wie ungehinderte Assoziationen oder Aneinanderreihungen, die Anzeichen von Wahrheit produzieren. Ich würde sagen, Aufrichtigkeit ist eine Tugend, sie ist aber nicht gleichzusetzen mit Wahrheit. Man kann sehr ehrlich sein und dennoch Dinge sagen, die falsch sind. Falsch nicht nur im faktischen Sinn, sondern Dinge, die falsch liegen. Ich strebe dabei nach Wahrheit und das ist sehr viel schwieriger als aufrichtig zu sein. Wenn man aufrichtig ist, dann weiß man es, auch wenn der Leser es nicht unbedingt weiß. Man weiß beim Schreiben ja immer, ob man aufrichtig ist, ob es das ist, was man denkt, fühlt, was echt ist oder Fiktion. Letzteres mag ich auch, aber ich will nach einem höheren Bogen, einem anderen Status suchen, eben der Wahrheit.

Haben Sie Ihr Buch nach der Veröffentlichung noch einmal gelesen?
Ja, natürlich. Aber nie an einem Stück, denn es ist ein Buch, an dem ich in gewisser Hinsicht hänge und das mir auf der anderen Seite unangenehm ist. Ich habe den Eindruck - und ich habe nicht nur den Eindruck, ich weiß -, dass ich Dinge über meine damalige Gefährtin geschrieben habe, die ich nicht hätte schreiben sollen. Dinge, die, wenn Sie so wollen, indiskret sind. Das hat keine Dramen provoziert, aber war doch von verletzender Natur. Man hat jedes Recht über sich selbst, alles zu schreiben, was man will. Man entscheidet ja für sich selbst, was man erzählen will und wo man eine Grenze zieht. Bei Anderen hingegen muss man sehr respektvoll und vorsichtig sein. Ich meine das in meinen anderen Büchern gewesen zu sein, in diesem gibt es jedoch gewisse Dinge, die mich beschämen. Ich möchte so etwas nicht wieder tun.

Finden Sie dennoch, dass Sie aufrichtig geblieben sind?
Ich bin absolut aufrichtig geblieben. Gut, es gibt sicher Dinge im Buch, die nicht der Wahrheit entsprechen, das beschämt mich in moralischer Hinsicht. Das ist weder ein künstlerisches Problem noch eine Frage von Wahrheit, sondern wirklich das Gefühl, in moralischer Hinsicht eine Linie überschritten zu haben. Ich schreibe mitunter Dinge, die ein bisschen schockierend sind. Ganz tief in mir drin bin ich aber moralisch. Das bedeutet nicht, dass ich mich gut verhalte. Man kann moralisch sein und sich schlecht verhalten. Nicht immer, aber es kommt vor. Das hindert einen nicht daran, ganz genau zu wissen, was gut und was schlecht ist.

Es ist schließlich auch immer eine subjektive und persönliche Wahrnehmung.
Ja. Aber nicht nur subjektiv oder persönlich. Jemanden zu verletzen, das geht eigentlich nicht. Ich habe ein Buch über eine öffentliche Persönlichkeit geschrieben, das „Limonow“ heißt. Ich fühlte mich eher im Recht, über diese Person Dinge zu sagen, die ihr missfallen könnten, als bei einer privaten Person. In diesem Fall hatte ich nicht die gleichen moralischen Skrupel.

Warum ist das so viel schwerer bei Personen, die Ihnen nahe stehen? Gab es negative Reaktionen auf Ihr Buch, Menschen, die verletzt waren?
Es gab zwei Personen, die verletzt waren. Die junge Frau, die in der Zeit meine Gefährtin war und meine Mutter. Ich habe sie verletzt, dann haben wir uns versöhnt. Aber ich weiß, es gab Momente, in denen sie mir das wirklich übel genommen haben.

Was meine Mutter betrifft, ist das schwierig, weil es im Buch um diesen Großvater geht, der sehr wahrscheinlich als Kollaborateur im Zweiten Weltkrieg erschossen wurde. Eine mysteriöse Figur, ein Schatten, der historisch gesehen eine schlechte Entscheidung getroffen hat und schlimm dafür bezahlt hat. Meine Mutter litt sehr unter der Vorstellung, dass diese Geschichte veröffentlicht werden soll. Ich habe ihr geantwortet, dass mir diese Geschichte auf gleiche Weise gehört wie ihr. Dass es notwendig ist, sie zur Sprache zu bringen und ich dazu genauso das Recht hatte wie sie, sich zu wünschen, dass ich es nicht tue. Da habe ich weniger Gewissensbisse als bei dem, was meine Gefährtin betrifft.

Ist es Ihnen gelungen, mit der Geschichte von Ihrem Großvater abzuschließen, so wie Sie es vorhatten?
Was diese Geschichte betrifft, ja.

Und was gibt Ihnen das?
Erleichterung irgendwie. Na gut, es ist keine vollkommene Erleichterung, aber gäbe es eine Absicht hinter dem Buch, dann wäre es wohl jene, diesem Mann, der nie bestattet wurde, ein Grab zu geben. Und das habe ich gemacht, denke ich.

Es gibt also den Vater Ihrer Mutter, und dann Sie, ihren Sohn. Was wird eines Tages die Geschichte Ihrer Kinder sein?
Natürlich gibt es in jeder Familie Ungesagtes, aber ein Phantom wie diesen Großvater gibt es nicht oft. Das reicht für eine Familie, oder?

Was würden Sie sagen, wenn Ihr Sohn eines Tages auf die Idee käme, über Ihre Mutter zu schreiben?
Sagen wir mal, ich befinde mich nicht in der Position, ihm das auszureden. Aber das wäre keine einfache Situation. Ich könnte ihm nur sagen: Ja, mach es, aber pass trotzdem auf sie auf, wenn sie noch am Leben ist.

Weil es auch in diesem Fall einfacher wäre, über eine öffentliche Person zu schreiben?
Ja, na klar. Jemand aus der Öffentlichkeit akzeptiert, dass man unangenehme Dinge über ihn schreibt. Für den Guardian habe ich ein langes Porträt über unseren Präsidenten Macron gemacht. Es ging nicht darum, seine Fehler zu aufzuzeigen. Ich habe ihn gewählt, ich bin froh, dass er der Kopf meines Landes ist. Aber im Grunde genommen ist mir egal, was ich über Macron denke oder ob es Dinge sind, die unangenehm für ihn wären. Er ist der Präsident meines Landes, er stellt sich aus.In dem Moment, in dem er das ist, gibt er als öffentliche Person jedem das Recht, ihn zu kritisieren, wenn auch nicht, in Verruf zu bringen.

Wenn man von Fake-News und dem Vorwurf der Lügenpresse hört – fehlt uns heutzutage Mut zur Aufrichtigkeit?
Es gilt immer, eine Art Ausgleich zwischen Ehrlichkeit und Respekt gegenüber der anderen Person zu finden. Genau diese Fragen stellen sich, wenn man wie ich nicht fiktional schreibt. Über Madame Bovary können Sie ja schreiben, was Sie wollen.

Es ist so gesehen sehr erstaunlich, dass Sie Ihre richtige Mail-Adresse in Ihrem Buch verwenden.
Ja, aber es ist nur eine Mail-Adresse. Wenn Sie Ihre Telefonnummer hergeben, können Sie wirklich belästigt werden. Bei der Mail-Adresse riskieren sie höchstens, unangenehme Mails zu erhalten, die sie sofort in den Papierkorb verfrachten können. Was übrigens wirklich lustig ist: Das Buch ist vor zehn Jahren erschienen und meine Adresse ist immer noch dieselbe.

Antworten denn noch Leute auf diesen höchst erotischen Brief, den Sie über die Zeitung Le Monde an Ihre Freundin schrieben und den Sie im Buch veröffentlicht haben?
Aber ja. Ich habe wirklich viele E-Mails erhalten, sehr verschiedene Reaktionen. Ich mag es, dass etwas, was ich geschrieben habe, eine direkte und augenblickliche Reaktion beim Leser hervorruft.

Welche Rolle spielt der Leser für Ihre Arbeit?
Es gibt zugleich eine nicht sehr hohe Anzahl an Lesern, an die ich beim Schreiben denke, die auch Figuren in meinen Büchern sind. Meine Frau, manche Freunde, ein Verleger. Und dann gibt es den abstrakten Leser, diese Leserfigur, an den ich sehr wirkungsvoll denke. Es ist ein bisschen, als würde man eine Partie Schach spielen und ich mir sagen, dass er erwartet, dass ich den und den nächsten Zug spiele. Ich mag diese Nähe zum Leser.

Ihre Bücher bauen tatsächlich eine Art Brücke zwischen dem Leser und Ihnen. Man hat das Gefühl dabei zu sein.
Das hoffe ich, das hoffe ich.

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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