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Manuel Chaves Nogales: „Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes“

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Von: Martin Oehlen

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Deutschland im Jahr 1933: Bei einer Pause im Wald liest die deutschfaschistische Führungsriege Zeitung.
Deutschland im Jahr 1933: Bei einer Pause im Wald liest die deutschfaschistische Führungsriege Zeitung. © imago

Die erschütternd klarsichtigen Reisereportagen des spanischen Journalisten Manuel Chaves Nogales aus Deutschland im Frühjahr 1933

Manuel Chaves Nogales beendet im Mai 1933 seine Reportagereihe über Nazi-Deutschland mit einer Klage über die Wiener Kunstakademie. Hätte man dort einst den „Kunstmaler, der nicht malen konnte“, trotz offensichtlicher Talentlosigkeit aufgenommen, hätte sich die Welt „diesen Hitler“ erspart. Der spanische Journalist, der für die Tageszeitung „Ahora“ arbeitete, hatte auf seiner Dienstreise glasklar erkannt, worauf die Entwicklung zusteuerte: „Deutschland will den Krieg; es wird ihn beginnen, sobald es dazu in der Lage ist. Es wird bald dazu in der Lage sein.“

Der Kölner Kupido Verlag von Frank Henseleit präsentiert hiermit den zweiten Band der Werkausgabe von Manuel Chaves Nogales (1897-1944). Nach dem Auftakt mit „Ifni – Spaniens letztes koloniales Abenteuer“ folgt nun „Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes“. Der Band versammelt die Reportagen einer Reise durch Nazi-Deutschland im bitteren Frühling nach der Machtergreifung, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen.

Der Journalist der Zeitung „Ahora“ bietet vitale Momentaufnahmen von einem Land, das wie von Sinnen dem Abgrund entgegenstürmt. Verblüffend ist in dem Zusammenhang Henseleits Hinweis im Vorwort, wonach Nogales kein Deutsch gesprochen habe.

Ein ums andere Mal verweist der Spanier auf die Kriegsbereitschaft der Deutschen. Auch die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung drängt sich ihm sofort in den Blick. Dabei gelangt er abermals zu einem erstaunlich klaren Urteil: „Nun, da Hitler an die Macht gekommen ist, wird er seine Versprechungen von der ‚Ausrottung‘ der Juden wahrmachen. Man beachte, dass dieses Wort von der ‚Ausrottung‘ von ihm selbst stammt. Wer heute als ‚Jude‘ in Deutschland lebt, hat ein absolut eingeschränktes Leben; materiell ist es ihm unmöglich, seinen Alltag zu bestreiten.“

Über das Buch

Manuel Chaves Nogales: Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes. A. d. Span. v. Frank Henseleit. Kupido, Köln 2022. 160 S., 24,80 Euro.

Nogales staunt ein ums andere Mal. Es ist ein entsetztes Staunen. So fragt er sich, warum ausgerechnet Frauen zu den stärksten Stützen des Regimes zählen – „dieselben, die Hitler mit einer bloßen Handbewegung in die Küche schickte“. Weiter gibt er zu bedenken, ob womöglich auch Spanien dem Faschismus anheimfallen könnte – da sind es noch drei Jahre bis zur Franco-Diktatur. Nach dem Militärputsch von 1936 geht Manuel Chaves Nogales ins Exil nach Paris. Von dort flieht er 1940 vor der einmarschierenden deutschen Wehrmacht und der Gestapo weiter nach London.

Auf seiner Deutschlandreise im Jahre 1933 gelingt es dem Reporter, ein Drei-Fragen-Interview mit Propagandaminister Joseph Goebbels zu führen. Unter Auflagen, die er ignoriert. Die Aufforderung, die Antworten unkommentiert zu veröffentlichen, nimmt er zur Kenntnis und stellt ihnen dennoch den Hinweis voran, Goebbels sei „vom Typ des gekränkten Irren: verbissen und unversöhnlich“. Der Nazi-Politiker zähle „zur lächerlichen, grotesken Sorte Mensch“, sei ein „Emporkömmling“ und lange Zeit „die Witzfigur der liberalen Journalisten“ gewesen.

Der Reporter versteht sich als intensiv kommentierender Beobachter. Die Eindrücke, die er sammelt, sind so glühend, dass er sich auch eine besondere Dystopie ausdenkt. Am 23. Mai 1933 widmet er sich in seinem Bericht der „Eroberung der Jugend“ und beginnt ihn mit den Worten: „In Zukunft werden alle Kinder, die in Deutschland geboren werden, mit dem Hakenkreuz am Bauchnabel auf die Welt kommen. Ich zweifle nicht daran, dass deutsche Wissenschaftler das genetische Muster des Nationalsozialismus entschlüsseln und eine Methode entwickeln werden, wie man es Schwangeren injizieren kann.“

Manuel Chaves Nogales spricht früh aus, was viele noch Jahre später nicht wahrhaben wollen. Selbstverständlich bewerten wir heute, auf der Basis einer monumentalen internationalen Forschungsarbeit, manche Aspekte anders als der 35 Jahre alte Reporter. Doch allemal ist dies ein starkes Zeitdokument: Beobachtungen aus den ersten Wochen der Nazi-Diktatur – sozusagen um fünf Minuten nach zwölf.

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