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Antrittslesung von Stadtschreiberin Marion Poschmann – So leicht wie ein Kirschblütenblatt

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Von: Andrea Pollmeier

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Marion Poschmann als Stadtschreiberin von Bergen.
Marion Poschmann als Stadtschreiberin von Bergen. Foto: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Zurück zu den „Kieferninseln“: Marion Poschmanns Antrittslesung als Stadtschreiberin von Bergen.

Die Antrittslesung der Stadtschreiberin von Bergen fand in diesem Jahr zwar ohne Maskenpflicht, aber in dicke Jacken eingehüllt statt. Das Heizsystem in der Nikolauskapelle war ausgefallen. Trotzdem gelang es der Preisträgerin Marion Poschmann, ihrer Lesung den Charakter einer entspannt vorgetragenen Abenteuerreise zu verleihen.

Auf dem Programm Passagen aus ihrem Buch „Die Kieferninseln“ (Suhrkamp Verlag), das 2017 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis gestanden hat. Die Reise, von der sie im Roman erzählt, führt nach Japan; dorthin hat es den im Ehestreit Abstand suchenden deutschen Wissenschaftler Gilbert Silvester verschlagen. Geschickt liest Marion Poschmann ihren Text; man spürt die Vertrautheit mit der Erzählung und die Freude, sie vorzutragen.

Langsam nähert sich der sich selbst so bezeichnende „Kaffeeland“-Freund Gilbert dem „Teeland“ Japan an. Tipps entnimmt er dem Werk „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ des berühmten Haiku-Dichters Matsuo Basho (1644–1694), der diesen Klassiker der japanischen Reiseliteratur geschrieben hat. Am Bahnhof in Tokio trifft Gilbert, der sich in seiner Forschung „im Rahmen eines Drittmittelprojekts“ als Privatdozent auf die Bedeutung von Bärten in der Kunst spezialisiert hat, auf einen jungen Menschen mit Spitzbart. Dieser bereitet sich mit einer in Japan – wie Poschmann betont – vielbeachteten Anleitung zur Selbsttötung auf das eigene Lebensende vor.

Ein Ziel, aber ein seltsames

Die beiden beschließen, die Reise zu dem dafür besonders geeigneten Ort – der auch im Reisebuch Bashos gewürdigt wird – gemeinsam anzutreten. Denn je schöner der Ort, desto besser sei der Effekt, heiße es. Die Reise nach Japan hat für Gilbert nun ein Ziel. Sie folgt einem dem Roman vorangestellten Motto des Haiku-Dichters: „Willst du etwas über Kiefern wissen – geh zu den Kiefern.“

Die für christlich geprägte, westliche Leser bizarr anmutende Idee, einer Art Wanderroute für Suizidwillige zu folgen, wirke in Japan, so die Autorin im Gespräch mit Ortsvorsteherin Alexandra Weizel, nicht so außergewöhnlich. Dort gebe es einen offeneren Umgang mit der Vorstellung von einem selbstbestimmten Tod. „Mich hat schockiert, wie präsent das Thema in der literarischen Tradition und Ästhetik Japans ist“, sagt Marion Poschmann und erinnert an Kriegsrituale der Samurai. Im Schwertkampf müsse sich der Kämpfer so leicht vom Leben lösen wie ein Kirschblüttenblatt, das vom Baum fällt. Solch ästhetisierende Metaphern hätten sie „aufgerüttelt“, erzählt die Autorin. 2014 hat Poschmann drei Monate als Stipendiatin am Goethe-Institut in Kyoto verbracht. In dieser Zeit ist die Idee zu dem Roman über „Die Kieferninseln“ entstanden. Welche Themen und Inspirationen der Aufenthalt im Stadtschreiberhaus des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim in Poschmann wachrufen wird, bleibt an diesem Abend noch offen.

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