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Ein Stachel im Fleisch unserer gleichgestellten Gesellschaft: Nicht alle Menschen können schwanger werden.

Schwangerschaft und Feminismus

Antje Schrupp: „Schwangerwerdenkönnen“ – Hey, Baby

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Feministinnen reden nicht gerne über Fortpflanzung. Die Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp in ihrem Buch „Schwangerwerdenkönnen“ aber schon.

Während ich diesen Essay schreibe, lese ich parallel eine Textsammlung von Clara Wichmann. Sie war eine kluge und originelle Denkerin, Anarchistin, Pazifistin, Feministin. Ich hätte gerne mehr von ihr gelesen. Aber ihr politisches Schaffen endete abrupt, als sie 1922, im Alter von nur 36 Jahren, bei der Geburt ihres ersten Kindes starb“: So beginnt Antje Schrupps Buch „Schwangerwerdenkönnen“. Ein postmodern zusammengezogenes, von ihr selbst entwickelter Wortbandwurm, bei dem Google ungläubig fragt: „Meinten Sie schwanger werden können?“ und unter anderem die Seite www.netdoktor.de anbietet („Schwanger werden – so klappt’s“). Schwangerwerdenkönnen ist gefährlich, hat vielen Frauen den Tod gebracht. Aber ist es wirklich die natürlichste und normalste Sache der Welt?

Ein Kind wächst im Bauch einer Frau heran... Stopp, würde die promovierte Politikwissenschaftlerin und Feministin Antje Schrupp bereits hier einhaken. Sie schreibt stattdessen von „Personen, die schwanger werden können“. Denn das seien ja mitnichten alle Frauen. Ältere Frauen, aus medizinischen Gründen unfruchtbare Frauen, Frauen ohne Gebärmutter, sie alle können nicht schwanger werden. Männer hingegen unter Umständen schon, denn Transmänner verfügen durchaus über einen Uterus und haben bereits vereinzelt Schwangerschaften ausgetragen, manchmal medienwirksam, meist ganz unbeachtet.

Früher waren Frauen ununterbrochen schwanger, das war ihr Schicksal. Heute braucht es hierzulande für eine Frau schon gute Gründe, um überhaupt schwanger zu werden. Alles nicht so einfach also, zumindest nicht die natürlichste Sache der Welt. Auf jeden Fall eine politisch relevante Sache, feministisch relevant sowieso.

„Auf eine Lebenserwartung von rund achtzig Jahren gesehen, sind Frauen heute kaum noch schwanger. Welche Pflichten und Rechte ergeben sich aber daraus, wenn sie es doch werden? Welche Diskriminierungen? Gehört ihr Bauch ihnen?“ Solche Fragen stellt Schrupp, es sind solche von brennender Aktualität.

„Was, ausgerechnet du schreibt ein Buch darüber?“

Antje Schrupp vergleicht das Thema mit „dem Elefanten im Raum“ der zeitgenössischen Gender-Debatten, nämlich der unleugbaren Tatsache, dass trotz jeglicher Hinterfragung von Geschlecht nicht alle schwanger werden können, sich von dieser Fähigkeit jedoch vieles ableitet. Sie beleuchtet die Schwangerschaft tiefgreifend philosophisch und leite daraus feministische Grundsätze zu Mutterschaft ab. Zwar, so die Autorin, geschehe bei einer Schwangerschaft natürlich ganz objektiv und materiell etwas – ein Baby wachse in der Gebärmutter eines Menschen heran. „Aber wie wir mit dieser Tatsache umgehen, das ist eine kulturelle Übereinkunft und damit legitimer Gegenstand politischer Verhandlungen.“ Schließlich habe auch die Auflösung der klassischen Familienformen das Thema Kinderhaben auf die politische Agenda gespült: „Je mehr die klassischen familiären Institutionen sich in einem postpatriarchalen Durcheinander auflösen.“

Ist das Gebären in den Hintergrund getreten? Ein Fünftel aller Frauen in Deutschland bleibt derzeit kinderlos, die meisten aus freien Stücken. Und von den anderen hat jede Dritte nur ein einziges Kind. „Es ist also kein Wunder, dass für uns das Frausein nicht mehr viel mit Gebären zu tun hat und wir das Zur-Frau-werden nicht unbedingt mit dem Übergang vom Kindheitszustand ins Stadium der Menstruierenden in Zusammenhang bringen. Als wir das Thema einmal auf Facebook diskutierten, schrieb eine: Ich war zwar ein paar Mal schwanger, aber den größten Teil meines Lebens bin ich es nicht.“

Das Buch: 

Antje Schrupp: Schwangerwerdenkönnen – ein Essay über Körper, Geschlecht und Politik. Ulrike Helmer 2019. 192 S., 17 Euro.

Antje Schrupp ist selbst kinderlos, was eigentlich nichts zur Sache tun sollte. Tut es aber offenbar doch: „Eine der häufigsten Reaktionen, wenn ich von diesem Buchprojekt erzählte, war die ungläubige Frage: Was, ausgerechnet du schreibst ein Buch über das Schwangerwerdenkönnen? Ja, ausgerechnet ich, die ich doch selbst nie schwanger war! Aber ist es so abwegig, wenn man sich als nicht Betroffene mit diesem Thema beschäftigt, zum Beispiel als Politikwissenschaftlerin?“

Schon alleine Schrupps journalistische Recherchearbeit ist beeindruckend, sie hat den Stand der Wissenschaft mal eben als fesselndes Potpourri zusammengetragen. Hat auf fundierte und anschauliche Weise Daten, Aussagen, Zahlen und Zitate von Medizinerinnen, Statistikern, Philosophinnen, Wissenschaftlern, Politikerinnen und vielen anderen fast wie nebenbei zusammengeführt. Antje Schrupp schreibt darüber, dass in manchen Ländern bereits bis zu vier Prozent aller Kinder durch In-Vitro-Fertilisation gezeugt werden. Und über das Leid der Menschen mit Kinderwunsch, die trotz aller Versuche nicht schwanger werden. Über die Hindernisse, die Menschen in den Weg gelegt werden, die nicht in den üblichen und sozial akzeptierten Familienkonstellationen leben wollen. Und über Patriarchale Geschlechterhierarchien, die eben auch dadurch entstehen, dass nicht gebärfähige Menschen Zugang und Kontrolle über Kinder erhalten und über Versorgungspflichten bestimmen.

„Schwangerwerdenkönnen“ ist vor allem im Online-Diskurs schnell zu einer Art Triggerwerk für Antifeministinnen und -feministen geworden. Ist Schrupps Herleitung denn wirklich nicht einfach ein weiterer postmoderner Versuch, von Frauen reden zu können, ohne das Wort „Frau“ zu benutzen? Sich verbal und argumentativ zu winden, um Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen? Nein, genau darum geht es nicht. „Es steht für Körperlichkeit, schwanger werden zu können, und für das Angewiesensein auf andere.“ Und Schwangerschaften seien auch ein Stachel im Fleisch unserer gleichgestellten Gesellschaft. Es können nicht alle Menschen schwanger werden, sondern nur etwa die Hälfte, weshalb sich das Schwangerwerden nicht gerecht untereinander aufteilen lässt wie etwa das Einkaufen oder das Badputzen. „Emanzipation und Schwangerwerdenkönnen passen nicht so recht zusammen. Für Feministinnen ist das Thema belastet, da das Schwangerwerdenkönnen der Frauen jahrhundertelang als Begründung und Legitimation für die Unterdrückung der Frauen diente.“

Antje Schrupp gelingt in „Schwangerwerdenkönnen“ ein eleganter, wichtiger Schlenker im Diskurs über Gender und Geschlecht. Sie schafft das Kunststück, auf so noch nicht gelesene Weise biologische Argumente mit fortschrittlichem Denken zu Geschlechtlichkeit zu verbinden, das die binären Differenz überwinden kann.

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