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Antje Rávik Strubel bei der klassischen Shortlist-Lesung im Literaturhaus Frankfurt.
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Antje Rávik Strubel bei der klassischen Shortlist-Lesung im Literaturhaus Frankfurt.

Shortlist für den Deutschen Buchpreis

Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“ – Wovon man nicht stirbt

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Antje Rávik Strubel erzählt in ihrem Roman „Blaue Frau“ auf verschlungenen Wegen von einer Vergewaltigung.

Um Macht und Machtmissbrauch, um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit dreht sich der komplexe Roman „Blaue Frau“ von Antje Rávik Strubel. Der Kern, um den sich ein lautloser Wirbel, eine stille Explosion entwickelt – etwas in dieser Art scheint das keineswegs blaue Umschlagbild des Buchs zu zeigen –, besteht offensichtlich (aber letztlich unausgesprochen) in einer Vergewaltigung.

„Manchmal muss man Dinge tun, die einem nicht gefallen, weißt du“, sagt der Mann, der die entsprechende Situation für einen anderen Mann einfädelt. „Ich nicht“, sagt die Frau, die soeben mit einem jähen Erschrecken gemerkt hat, dass hier etwas nicht stimmt. „Davon stirbt man nicht“, sagt der Mann, der es einfädelt. „Sind solche Anschuldigungen im Moment nicht sehr in Mode?“, fragt die Frau, der sich die vergewaltigte Frau direkt danach anvertraut.

Sie kennen sich alle nicht besonders gut, wobei die Frau, der sich die vergewaltigte Frau anvertraut, mit dem offensichtlichen Vergewaltiger zumindest etwas besser bekannt ist, ihm vertraut, ihn schätzt. Der Vergewaltiger ist ein deutscher Kulturmensch und Multiplikator. Die Frau, die findet, dass solche Anschuldigungen im Moment sehr in Mode sind, ist Schweizerin. Die Frau, die offensichtlich vergewaltigt worden ist (der Multiplikator „multiplizierte den Schmerz“, denkt sie), ist eine sehr junge Tschechin.

Das ist nicht unwesentlich. Eine sehr junge Tschechin zu sein, stellt die sehr junge Tschechin fest, kann unsichtbar machen oder auf eine Art sichtbar, in der sie nicht sichtbar sein will. Sie selbst will einfach sie selbst sein, so sehr sie selbst und damit nicht einzuordnen, dass sie auch nicht als Frau oder Mann bezeichnet werden will. Soll sie sich an den Notdienst für Frauen wenden? „Sie wird eine Frau in Not sein. Dabei ist sie nie in ihrem Leben jemals eine Frau gewesen. Jedenfalls hat sie nie auf diese Weise an sich gedacht, ,kleiner Mohikaner‘. Sie ist auch kein Mann. ,Nur um das klarzustellen‘, sagt sie laut. Aber da ist niemand, der das in Zweifel zieht.“ Sie wendet sich nicht an den Notdienst. Vorerst nicht.

„Kleiner Mohikaner“ wird sie in einem Chatroom genannt, der „Rio“ heißt und in dem sie sich als Jugendliche wohlgefühlt hat. Hier ist sie gesehen worden, wie sie gesehen werden möchte, den Namen Mohikaner hat sie sich selbst gegeben. Sie heißt Adina, wie Wedekinds Lulu bekommt sie aber neue Namen, Sala, Nina, probeweise auch Alexina. Die einen geben ihr einen neuen Namen, weil sie sie lieben, die anderen, weil sie zu faul sind, sich ihren richtigen Namen zu merken. Adina macht sich nicht viele Gedanken um sich. Die hippe Berliner Fotografin Rickie, die sie nett und offenherzig ausnutzt, sagt zu ihr: „,Du fühlst dich doch nicht ausgenutzt.‘ Da lachte sie, weil es nichts gab, was an ihr auszunutzen gewesen wäre.“

Ein komplexer, vielschichtiger Roman, der vielleicht auch als Zeitroman über Identitätsfragen den Sprung auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. So lange hat Strubel aber daran gearbeitet, dass der Start noch vor der MeToo-Debatte lag. Und erst aus heutiger Sicht spiegelt sich in Adinas Geschichte der Harvey-Weinstein-Skandal. Der, wie man aber sieht, umgekehrt nicht erst den Anlass dafür hätte liefern müssen, über das Ausnutzen scharfer Machtgefälle nachzudenken. Strubel hat es jedenfalls schon vorher getan. „Die Wörter, die wir im Kopf haben“, heißt es im Buch, sind „die Welt, in der wir uns bewegen“.

Man spürt, wie Strubel gerungen hat, das Ergebnis ist ernst und poetisch und wirkt doch zugleich etwas überorchestriert und darin wiederum eine Spur unfertig. Vielleicht fordert Strubel auch nur einiges von uns, unserer Lesegeduld und eine ordentliche Aufmerksamkeitsspanne.

Das Buch

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 430 Seiten, 24 Euro.

Adina ist eine ansprechende Romanfigur, eine Projektionsfläche für ihre jeweilige Umgebung im Buch, für Leserin und Leser aber eine spannende und nicht einfach greifbare Figur, die sich Zuschreibungen freundlich entzieht. Dass Strubel, Jahrgang 1974, ihr schon in dem 20 Jahre alten Episodenroman „Unter Schnee“ einen Abschnitt gewidmet hat, erzählt etwas darüber, wie schreibende Menschen ihren Figuren verbunden bleiben.

Trotzdem ist es überraschend und allein mit der völligen Freiheit einer Romanautorin zu erklären, dass auch Strubel selbst sich in „Blaue Frau“ einfindet, im retardierenden Gespräch mit der ganz unkörperlichen Titelheldin. „Wenn die blaue Frau auftaucht, muss die Erzählung innehalten“, heißt es dazu. Sie ist vielleicht eine Art Muse, eine Muse für Autorinnen mit Kommunikationsbedarf. Sie erscheint allerdings nur, wenn sie erscheinen will, sie kann sich rar machen, ist aber immer wieder für knappe, recht nüchterne und offene Gespräche zu haben. „Ich sage ihr, wie ungewöhnlich unsere Begegnungen für mich sind. ... Sie möchte wissen, was ,gewöhnlich‘ für mich bedeutet.“

Dass das Ich in den Blaue-Frau-Abschnitten so dermaßen unverhohlen Strubel selbst ist, zeigt sich übrigens erst spät.

Dazwischen, in absolut nichtchronologischer Abfolge, der Weg von Adina. Strubel nutzt die Zeitsprünge, um Adinas existenzielles Verlorensein zu demonstrieren, lange bevor wir auch nur im mindesten erfahren, was passiert ist. Sie macht uns außerdem mit umso größerer Wucht klar, dass Unaussprechliches geschehen ist. Das heißt: nicht mehr Aussprechliches. Denn die Schweizerin weiß schließlich Bescheid, und es wird immer Leute geben, die Bescheid wissen.

Adina war der „letzte Teenager“ (letzte Mohikaner) des tschechischen Städtchens Harrachov, jenem Skiort, in dem „Unter Schnee“ spielte. Dann macht sie sich nach Berlin auf, in einem Reisebus „in die richtige Richtung“. Sie ist Anfang zwanzig, lernt fleißig Deutsch, hat keine großen Pläne, lässt sich auf einen Job in der Uckermark ein. Nach der Vergewaltigung strandet sie in Finnland, eher zufällig und aus tiefer Ratlosigkeit. Sie hilft schwarz in der Bar eines Hotels in Helsinki aus und lernt dort den EU-Diplomaten Leonides kennen, eine eindrucksvolle Figur mit einem klangvollen König-der-Tiere-Namen.

Als Este kennt Leonides die Schwierigkeit des Unsichtbar- und Unwichtigseins, hat aber andere Schlüsse daraus gezogen. Leonides ist weder unsichtbar noch unwichtig. Ferner ist er sehr sensibel, merkt aber trotzdem nichts. „Bei seinem Einfühlungsvermögen, das für ganz Europa reicht, hätte ihm auffallen müssen, dass etwas nicht stimmte mit ihrer Haut, ihrem Zurückzucken im Bett, etwas, das in Ordnung gebracht werden musste.“

Stattdessen hält er große, allerdings auch anständige Reden. „Nur wenn wir den Überlebenden aller totalitären Regime Gehör verschaffen, kommen wir zu einer europäischen Verständigung“, erklärt er. Adina fühlt sich angesprochen, obwohl sie sich, einer ihrer sympathischsten Züge, nicht wichtig nimmt – „um ein Überleben, denkt sie, handelt es sich aber doch“.

Wie Strubel also Adinas Geschichte mit repräsentativer EU-Politik verbindet, ist ungewöhnlich (und ganz ironiefrei). Das Ende bleibt dann offen. Ist „Blaue Frau“ eine verblüffend geradlinige EU-Hommage, ist es vielmehr eine EU-Kritik? Das wird auch davon abhängen, wie die Geschichte für Adina weitergeht. Das schon vorher vielfach eingeführte Motiv eines Messers lässt einen unfriedlichen Ausgang nicht ausgeschlossen erscheinen.

Dass „Blaue Frau“ an dieser Stelle gleichwohl auf der Ebene eines Zeitungsessays angekommen ist, macht es interessanterweise nicht schlechter. Es ist lediglich irritierend, nachdem Strubel eine so große und verwobene Erzählmaschine angeworfen hat.

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