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Antiquar Wolfgang Rüger: „Ich bin Sklave von Jeff Bezos“

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„Wir Antiquare halten das gesamte Wissen der Menschheit vorrätig“, sagt Wolfgang Rüger.
„Wir Antiquare halten das gesamte Wissen der Menschheit vorrätig“, sagt Wolfgang Rüger. © Christoph Boeckheler

Der Frankfurter Antiquar Wolfgang Rüger über seine Situation als Händler bei Amazon, bürokratische Hemmnisse, das Internet als „gigantische Wertevernichtungsmaschine“ – und die Frage, warum er seinen Beruf dennoch liebt.

Herr Rüger, was haben Sie gemacht, bevor Sie Antiquar wurden?

Ich war zehn Jahre lang Journalist. Leitender Feuilletonredakteur beim „Journal Frankfurt“. Sie waren übrigens mein erster Arbeitgeber bei der taz.

Keine Ahnung. Erzählen Sie.

Ich bin in Hohenlohe aufgewachsen. Als ich 22 war, ging ich zum Studieren nach Marburg. 1985 wechselte ich nach Frankfurt und arbeitete bei mehreren Stadtzeitungen. Daneben versuchte ich für große Zeitungen zu schreiben. U.a. für die taz. Sie waren damals dort mein Ansprechpartner.

Das habe ich völlig vergessen.

Ich schrieb auch für die „Zeit“ und die FAZ. Aber nur sporadisch. Mein Spezialgebiet war der literarische Underground. Im „Journal Frankfurt“ hatten wir damals ein wirklich einzigartiges Feuilleton. Die Presseabteilungen in den Verlagen haben uns geliebt, weil wir über Themen geschrieben haben, die in den anderen Feuilletons nicht vorkamen. Autoren, für die wir uns damals weit aus dem Fenster gelehnt haben, sind heute etabliert. Und die Nobodies, die damals für mich geschrieben haben, sind heute leitende Redakteure in den etablierten Zeitungen, Funk- und Fernsehanstalten oder etablierte Schriftsteller wie zum Beispiel Thomas Hettche, den ich auch als erster in meinem eigenen Verlag publiziert habe. Aus den meisten von damals ist etwas geworden. Nur ich hab’s nur bis zum Buchschupser gebracht (lacht).

Ich weiß, dass Sie sich jede Kultur- und Literatursendung im deutschen Fernsehen ansehen.

Das ist Teil meines Berufs und Selbstverständnisses. Ich bin laut Enzensberger der klassische sekundäre Analphabet. Das heißt, ich möchte über alles Mögliche Bescheid wissen. Wenn jemand in meinen Laden kommt, mir einen Namen an den Kopf wirft, muss ich wissen, von was er spricht. Geht es um einen Balletttänzer, einen Physiker, einen Fernsehkoch oder einen vergessenen Avantgardisten. Ich muss wissen, um was es in einem Buch geht, ohne es gelesen zu haben. Ich muss die Klassikertitel im Kopf haben, genauso wie die Neuerscheinungen.

Wie viele Bücher haben Sie im Laden?

Im Moment lagern wir in der Dreieichstraße auf drei Stockwerken circa 45 000 Bücher aus 80 Sachgebieten. In den letzten 30 Jahren habe ich schätzungsweise eine halbe Million Bücher in der Hand gehabt. Bei der Menge ist das A und O ein visuelles Gedächtnis und eine akkurate Ordnung. Wenn ein Kunde in den Laden kommt und nach einem Buch fragt, das er im Internet auf meiner Seite gesehen hat, habe ich in der Regel nur wenige Minuten, um es ihm in die Hand zu drücken. Wenn ich das nicht schaffe, ist das Geschäft gelaufen.

Die Leute haben heute keine Zeit mehr.

Exakt. Das gleiche im Internet. Die Leute erwarten, dass das Buch am nächsten Tag im Briefkasten liegt. Wir verschicken in der Regel eine Stunde nach Bestelleingang. Meine Frau trägt praktisch im Stundenrhythmus die Sendungen zur Postfiliale. Umso schlimmer, wenn die Post dann nicht mitarbeitet und die Sendungen tage- oder wochenlang unterwegs sind. Für den Kunden ist immer der Händler der Schuldige, selbst wenn wir per Trackingnummer beweisen können, dass wir am Bestelltag das Buch bei der Post abgeliefert haben.

Hatten Sie sich so das Antiquardasein vorgestellt?

Nein. Ich habe sechs Jahre lang alle möglichen Scheißjobs gemacht, um mir den Traum vom eigenen Antiquariat erfüllen zu können. Ich habe meine gesamten Ersparnisse in dieses Projekt gesteckt. Im Oktober 1999 war es soweit. Ich eröffnete meinen Laden, den ich eingerichtet hatte wie meine Lieblingsantiquariate in Los Angeles. drei Monate nach Eröffnung war klar, dass ich mit diesem Konzept in Frankfurt gleich wieder schließen kann und dass ich meine Bücher auch übers Internet anbieten muss, wenn ich überleben will. Dabei muss man wissen, dass ich der größte Internethasser auf diesem Planeten bin und bis heute kein Handy besitze.

Ein harter Lernprozess.

Ja. Seit über 20 Jahren bin ich jetzt der Sklave von Jeff Bezos.

Dem Gründer von Amazon.

Genau. Ihm gehören heute alle Internetplattformen, über die hauptsächlich die Buchgeschäfte laufen: Amazon, abebooks, zvab. Es gibt nichts, was ich mehr hasse als diese Firma. Amazon ist das Nordkorea des Internets. Die perfekte Diktatur. Als Händler haben Sie bei Amazon nur Pflichten und absolut keine Rechte. Für Amazon zählt nur der Kunde. Die Händler werden behandelt wie der letzte Dreck. Ein glücklicher Tag in meinem Leben wird sein, wenn ich diese Firma in den Wind schießen kann. Im Moment bin ich leider auf diesen Umsatz noch angewiesen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Zur Person

Wolfgang Rüger, Jahrgang 1959, ist seit Mitte der 90er Jahre Antiquar, seit Oktober 1999 hat er ein Ladengeschäft i in Frankfurt-Sachsenhausen.

Das Antiquariat Wolfgang Rüger, Dreieichstraße 52, ist Mo.-Mi. 12-19 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.

www.antiquariat-rueger.de

Alle Pflichten unterliegen bei Amazon einer Statistik. Jeder Händler hat zum Beispiel eine Stornoquote von 2,5 Prozent, die nicht überschritten werden darf. Wenn ich nur eine Bestellung in der Woche stornieren muss, zum Beispiel weil ich das Buch vor einer halben Stunde im Laden verkauft habe, bin ich schon über 2,5 Prozent. Storniere ich zwei Bestellungen erhalte ich eine Abmahnung. „Rate an Bestellmängeln: weniger als 1%. Rate verspäteter Lieferungen: weniger als 4%. Rate gültiger Sendungsverfolgungsnummern: über 95%“. Ich habe bei über 9000 Kundenbewertungen ein Ranking von 99 Prozent, erhalte von Amazon in meiner Gesamtperformance aber nur 220 von 1000 möglichen Punkten. Wenn ich unter 200 rutsche, ist mein Konto „gefährdet“ und es „besteht das Risiko einer Kontodeaktivierung“. Bei Amazon sind Sie vollkommen hilflos Computerprogrammen ausgeliefert. Eine schwachsinnige KI wirft zum Beispiel viele meiner teureren Sammlerstücke wegen „potenziellen Preisfehlers“ aus dem Angebot. Die KI vergleicht den Preis meiner signierten Erstausgabe mit dem Preis des billigsten Taschenbuchs gleichen Titels und kommt dann zu dem Ergebnis, dass mein Preis dem Amazonkunden nicht zumutbar ist. Mein Preis würde sein „Einkaufserlebnis“ schmälern. Obwohl bei Amazon alles computergesteuert ist, hat es auf der anderen Seite den technisch erbärmlichsten Händlerbereich. So muss ich zum Beispiel bei Amazon noch manuell Titel stornieren, was bei den kleineren Plattformen automatisch mit den Updates erledigt wird.

Was ärgert Sie noch?

Amazon nötigt tagtäglich den Händler und entmündigt den Kunden. Im Grunde wird der Amazonkunde zum vollkommen asozialen Wesen erzogen. Ein Bewusstsein für das Gegenüber, die Umwelt, die Gesellschaft im Allgemeinen wird komplett abtrainiert. Der typische Amazonkunde kauft heute nur noch nach Abbildung und liest keine Händlerangaben mehr. Wenn man weiß, dass die Abbildungen in der Regel von einer KI generiert werden und mit dem Angebotenen oft nichts zu tun haben, sind Unzufriedenheiten auf beiden Seiten progammiert. Für mich ist unbegreiflich, wie man bei Amazon freiwillig einkaufen kann. Allein die Angebotsseite ist doch eine Zumutung. Wenn ich zum Beispiel nach einem Buch suche, erhalte ich zuerst Angebote für Katzenfutter, Haarwuchsmittel oder die neusten Amazongeräte bevor ich, wenn ich Glück habe, das Gesuchte angezeigt bekomme. Am allerwenigsten begreife ich Buchhändler, die Bücher über Amazon einkaufen. Die sägen doch am eigenen Ast. Wer den Antiquariaten etwas Gutes tun will, sollte seine antiquarischen Bücher über die genossenschaftlich betriebene Plattform www.antiquariat.de bestellen.

Sie sind ein richtiger Amazonfeind.

Es vergeht praktisch keine Woche, wo sie sich nicht eine neue Schweinerei ausdenken. Einkaufen auf offene Rechnung, Zahlungsziel sechs Wochen. Für manche Händler ist das existenzbedrohend, wenn man wochenlang nicht an sein Geld kommt, aber zum Beispiel monatlich Gehälter der Angestellten bezahlen muss. Jetzt gibt’s für den Kunden den kostenlosen Rücksendeaufkleber, der dem Händler in Rechnung gestellt wird, obwohl der deutsche Gesetzgeber entschieden hat, dass der Kunde die Rücksendekosten übernehmen muss. Der neueste Gimmick: Einkaufen auf Raten. Als kleiner Einzelhändler ist das bürokratisch gar nicht machbar. Gegen keine der Richtlinien kann man sich als Händler wehren. Entweder man unterwirft sich oder man fliegt raus. Amazons Reichtum resultiert aus der Ausbeutung der Händler. Für jeden Einkaufsklick muss ich 1,01 Euro bezahlen. Der Verkauf kostet 15 Prozent Provision, selbst von den Versandkosten muss ich 15 Prozent abgeben.

Da braucht man ein dickes Fell.

Man muss heute mit Leib und Seele und großer Leidenschaft für das Buch Antiquar sein, sonst macht dieser Beruf keinen Spaß mehr. Auch die EU-Bürokratie, die jedes Jahr zunimmt, ist das reine Grauen. Ich muss seit Jahren für 27 EU-Länder eine extra Steuererklärung machen. Seit Januar 2023 kann ich wegen der neuen Verpackungsverordnung in zehn EU-Länder nichts mehr liefern. Die Umsatzeinbußen allein für Österreich belaufen sich bei uns dadurch im Jahr auf circa 8000 Euro.

Das Internet ist also mehr Fluch als Segen für den Antiquar?

Natürlich eröffnet das Internet die ganze Welt als Markt, ich kann Bücher an Menschen verkaufen, die nie im Leben in meinen Laden kämen. Aber die Transparenz des Internets treibt die Preise ins Bodenlose. Verkaufen kann prinzipiell nur, wer das attraktivste Angebot hat. Großfirmen wie medimops arbeiten mit speziellen Programmen, die immer für den billigsten Preis sorgen. Bei Bestsellern kann man zusehen, wie der Preis innerhalb weniger Tage nach Erscheinen gegen Null geht. Daher rühren auch die ungeraden Supermarktpreise: 1,57 Euro. Kaufen Sie bei Firmen mit geraden Buchpreisen, denn dort arbeiten Menschen, denen ihre Waren und Kunden wichtig sind, und nicht Maschinen, für die nur die Gewinnoptimierung zählt. Das Internet ist heute in jeder Hinsicht eine gigantische Wertevernichtungsmaschine.

Wie bleibt ein Antiquar wie Sie dann am Leben?

Indem ich von morgens bis nachts arbeite und den Markt permanent im Auge habe. Mitte der 1990er Jahre habe ich als Versandantiquar nur vom Verkauf signierter Erstausgaben gelebt. Von den 20 Sammlern, die mich damals ernährt haben, lebt heute keiner mehr. Mit meinem damaligen Angebot war ich in Europa konkurrenzlos. Heute würde ich daran verhungern, weil die Sammler wegsterben und keine nachkommen. Ich musste die Angebotspalette also verändern. Das A und O ist der Nachschub. Beim Ankauf sind Fachwissen und Seriosität gefragt. Den Rest kann jeder Depp machen oder ein Algorithmus.

Wie geht so ein Ankauf vonstatten?

Wenn ich eine Wohnung betrete, sehe ich mit einem Blick, ob die Büchersammlung was taugt oder nicht. Die meisten Leute sind heute froh, wenn noch einer kommt und die Sachen mitnimmt und sie nicht im Müll landen. Am schwierigsten ist die Sammlerwitwe. Da hat der verstorbene Ehemann ein Leben lang Erstausgaben gesammelt. Auf dem Tisch vor ihr die penible Auflistung der Sammlerstücke. Unterm Strich hatte die Sammlung einen Einkaufswert von 52 000 DM. Und dann komme ich und sage: 1 Meter Bergengruen: Altpapier. 1 Meter Böll: Altpapier. 1 Meter Wohmann: Altpapier. Nur den halben Meter Ernst Jünger würde ich ankaufen. In den meisten Fällen bin ich der Überbringer der schlechten Nachricht.

So, jetzt haben Sie die Bücher angekauft, wie geht’s dann weiter?

Im Laden ist das Geschäft ganz einfach. Jemand zieht ein Buch aus dem Regal, geht an die Kasse und bezahlt. Im Internet ist jedes Buch ein zeitintensiver Verwaltungsakt. Für jedes Buch muss ich als Erstes eine Preisrecherche machen. Dann als attraktivster Anbieter (Preis/Zustand) das Buch im Internet hochladen. Wenn es bestellt wird, muss das Buch auf den sechs Internetplattformen, auf denen ich meinen Bestand anbiete, wieder gelöscht werden. Dann Rechnung schreiben und zur Post tragen. Im schlimmsten Fall läuft nach vier Wochen das Mahnwesen an. Wegen vier Euro drei Mahnungen schreiben, dann Inkassobüro und zu guter Letzt vielleicht noch eine Strafanzeige wegen Betrugs. Ich schreibe jede Woche ein bis zwei Stunden Mahnungen. In der Regel habe ich vier Wochen Zeit, um das neu angekaufte Buch wieder loszuwerden. Danach bin ich von drei bis vier Anbietern unterboten. Ich habe hier 45 000 Bücher, die ich nicht verkaufen kann, weil ich im Extremfall einen Cent zu teuer bin.

Jetzt haben Sie so viel geschimpft, haben Sie zum Schluss nicht noch etwas Erfreuliches zu berichten?

Ich bin mit meinem Leben vollkommen zufrieden, habe den schönsten Arbeitsplatz, den ich mir denken kann. Da ich keine Rente bekomme, muss ich arbeiten, bis ich tot umfalle. Ich hoffe, dass ich bis zu meinem Lebensende im Einsatz für das gedruckte Buch sein darf. Das Buch ist die größte Errungenschaft des Menschen. Wir Antiquare sind die Letzten, die aufheben. Wir halten das gesamte Wissen der Menschheit vorrätig.

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