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Antikriegs-Lyrik: Das Leben auf der Saite des Todes

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Von: Björn Hayer

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„... brüchiger Häuser Straßenzüge“, beschrieb Günter Kunert. Ein Bild aus Trostjanez, rund 400 Kilometer östlich von Kiew, Ende März 2022.
„... brüchiger Häuser Straßenzüge“, beschrieb Günter Kunert. Ein Bild aus Trostjanez, rund 400 Kilometer östlich von Kiew, Ende März 2022. © dpa

Antikriegslyrik konnte noch keinen bewaffneten Konflikt verhindern – aber sie überwindet die beklemmende Sprachlosigkeit.

Dass Literatur der Welten Lauf kaum verändern kann, belegen schon die Verse von Andreas Gryphius: „Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret. / Das Rathaus liegt im Graus“, schrieb der Barockdichter im Schatten des Dreißigjährigen Kriegs. Doch nicht den zerstörten Gebäuden gelten, so der Titel seines Sonetts, „Die Tränen des Vaterlands“ (um 1658), sondern: „Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, / Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“ Die nie wieder heilenden Wunden im Inneren, die tiefen Traumata – sie bezeugen am nachhaltigsten die Effekte militärischer Konflikte.

Eigentlich müsste die Menschheit angesichts einer derart drastischen und, bezieht man antike Texte ein, nahezu 2000 Jahre währenden Geschichte der Antikriegslyrik doch ihre Lehren gezogen haben. Aber von dieser Illusion sind wir dieser Tage weit entfernt. Und dennoch lohnt ein Trotzdem, dennoch lohnt es, in einer Zeit erneuter Waffengewalt im Herzen Europas einen Blick auf dieses Genre und seine Wirkung zu werfen.

Nahezu jede historische Retrospektive beweist, dass man allzu leicht den prophetischen Charakter einschlägiger Gedichte unterschätzt. Bertolt Brechts Miniatur „An meine Landsleute“ (1949) liest sich wie ein Menetekel für alles kommende Unheil. Mahnend appelliert sein lyrisches Ich an jene, „die ihr überlebtet in gestorbenen Städten / Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen! / Zieht nun in eure Kriege nicht“. Wie die Welt kopfsteht, so entgleitet dem Textsubjekt im dritten Vers gleichsam die Grammatik, würde das „nicht“ doch üblicherweise auf das „nun“ folgen. Bleiben diese Rufe unerhört, so steht fest, dass es bald wieder Ruinen und tote Kinder geben wird. So ist es dann auch an vielen Orten auf unserem Planeten gekommen.

Von der allgemeinen Verfinsterung nach 1945 geben indes zahlreiche Poeme Kunde. „Aus der Nacht“, so beschreibt es Rose Ausländer in ihrem Text „Manche haben sich gerettet“ (1965), „krochen Hände / ziegelrot vom Blut / der Ermordeten“. Erich Fried verleiht wiederum in seiner Miniatur „oder weiterleben“ der gänzlichen Entmenschlichung infolge bewaffneter Konflikte Ausdruck. Die Versehrten und Überlebenden sind zu siechenden Tieren geworden, „sie scharren nach Fraß“ und „knabbern an Knochen und Leder“. Ihre Mägen sind leer, ihr Geist sowieso, haben sie doch inmitten der Zerstörung längst „vergessen was Liebe ist“.

Obgleich auch diese und andere Gedichte letztlich nur die Verwüstung, die die Bomben hinterlassen, dokumentieren, sind sie selbst deutlich mehr als nichts. In ihnen steckt zu Buchstaben geronnene Erinnerung. Als kulturelles Archiv von Gefühlen und Gedanken einer Epoche setzen die lyrischen Arbeiten der Auslöschung durch den Krieg die konservierende Macht des Wortes entgegen. Wohl wissend darum warnt die in der Hitler-Diktatur ins Exil geflüchtete Hilde Domin in ihren Versen (1978) vor dem „Löffel des Vergessens“, dessen Verwendung nur eine „Schale aus Schatten“, die reine Leere, hinterlasse.

Dichtung hält somit unser Gedächtnis wach. Nur was nützt uns dies für den Augenblick? Wozu verhelfen uns derlei Einsichten, wenn die Bilder aus der Ukraine mehr und mehr Angst in uns hervorrufen? Eine Antwort auf diese Fragen gibt ein Gedicht aus dem letzten Band des 2019 verstorbenen Günter Kunert. Es beginnt zunächst mit einem Passé: Alles zieht am lyrischen Ich vorüber, „Gesichter gewesener Generationen / brüchiger Häuser Straßenzüge“. Derweil sind „alle Bombenschwärme / längst verflogen und neu besiedelt von Fremden / wie ich einer ward. Kein Asphalt / bewahrt meine Spuren. Menschen / kommen und gehen wie Tage / und ich gelange wieder und wieder / zurück in die Schrift / Heimat / derer ich noch sicher bin.“ Schon der Titel des Textes, „Überleben“ (2019), verrät, dass hier ein Mann der Nachkriegsgeschichte darüber reflektiert, wie er nicht an all den Agonien des 20. Jahrhunderts zugrunde ging. Der Schluss des Poems gibt Aufschluss darüber. Es ist das beständige Schreiben, das ihn aufrecht hielt und ihm ein Refugium bot, uneinnehmbar für alle Feldherren und Usurpatoren.

Lyrik definiert sich als gebundene Sprache, als eine Komposition, der selbst in jeglicher avantgardistischen Spielerei noch ein Rest Struktur innewohnt – durch die Verse, durch möglicherweise Metrum, Rhythmus, Reime. Kurzum, Dichtung bedeutet stets ein Aushandeln von Ordnung, bedeutet, für etwas vielleicht noch schwer Fassbares Worte zu finden. Und leiden wir nicht gerade an der Sprachlosigkeit, in die uns der Krieg wirft? Ein Verstummen vermittelt Ausweglosigkeit und veranschaulicht umgekehrt, dass sich Sprachfähigkeit als Schlüssel zur Selbstermächtigung erweist. Mögen manche Gedichte noch so von Fatalismus durchdrungen sein, versprechen sie dennoch Halt in ihrer Form. Sie bannen das Chaos unserer Welt in unser System aus Grammatik, Bildern und Symbolen.

Dass eine solche existenzielle, beinahe therapeutische Aufwertung der Poesie kein Hirngespinst von Germanisten und Ästheten ist, offenbart übrigens ein so trauriges wie faszinierendes Gedicht, das Ingeborg Bachmann einst dem von ihr geliebten Paul Celan geschrieben hat. Ihm, dem Holocaustüberlebenden, der sich im inneren Kampf mit der Verkommenheit der Menschheit 1970 in die Seine stürzte, gelten jene berührenden Verse: „Wie Orpheus spiel ich / auf den Saiten des Lebens den Tod / und in die Schönheit der Erde / und deiner Augen, die den Himmel verwalten, / weiß ich nur Dunkles zu sagen.“

Dieser weibliche Orpheus weiß augenscheinlich nicht mehr ins Jenseits zu reisen, um sein Gegenüber zu retten. Aber im Leben und mit der Saite der Leier, dem Instrument der Poesie schlechthin, kann er vom Tod berichten und damit von allen, die dem Krieg, der „Welle von Blut“, zum Opfer fielen. „Aber“, so das wenig, aber markant den Anfang variierende Ende der Miniatur, „wie Orpheus weiß ich / auf der Seite des Todes das Leben / und mir blaut / dein für immer geschlossenes Aug.“

Der so sehr Vermisste, er wacht nicht mehr auf. Sein Gesicht wird überdeckt von der Farbe der Schwermut. Gleichwohl ist sich das lyrische Ich sicher, dass der Geliebte und das Leben im Jenseits zu finden sind. In der Mitte des Gedichts erscheint noch ein „dunkle[r] Fluss“ als Anspielung auf den mit dem Vergessen assoziierten, mythologischen Fluss Lethe. Seine mitreißende Kraft versagt aber. Es triumphiert das bleibende Wort. Der Krieg, der den Geliebten letztlich die Zukunft stahl, vermag also nicht, jene die Grenze zwischen Himmel und Erde durchbrechende, poetische Verbindung aufzulösen.

Gewiss dürfte sein: Auch aus den verheerenden Kämpfen in Osteuropa werden wieder Gedichte hervorgehen. Auch sie werden vom Grauen berichten. Auch sie werden literarische Denkmäler schaffen. Ob man sich ihres mahnenden Impetus noch in Jahrzehnten bei neuen blutigen Auseinandersetzungen vergewissern wird? Es bleibt zu bezweifeln und doch zu hoffen. Ungeachtet dessen bieten sie zumindest die Möglichkeit, das Unbeschreibliche zu verarbeiten. Sie sind nicht lauter als Bomben, aber sie hallen länger nach und geben allen Ungehörten eine Stimme.

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