Der Anti-Achtundsechziger

Hajo Schumacher schildert Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch als den Kopf einer ganzen Politikergeneration

Von DIETER RULFF

Mit 14 Jahren hat er einen eigenen Ortsverband der Jungen Union gegründet, mit 21 Jahren war er Vorsitzender des Kreisverbandes, mit 29 Mitglied der Landtagsfraktion, mit 33 deren Vorsitzender und mit 40 Jahren Ministerpräsident - die politische Biografie von Roland Koch ist eine Erfolgsgeschichte, allenfalls mit der des jungen Helmut Kohl vergleichbar. Nicht nur Kohl sah deshalb in Koch seinen Nachfolger, verkörperte der doch alles, was die CDU über Jahrzehnte stark gemacht hat. Der Journalist Hajo Schumacher nennt ihn den "Anführer einer neuen Generation von Politikern, den Postachtundsechzigern".

Es ist die "Generation Golf", welche Florian Illies in seinem gleichnamigen Buch als egoistisch verspielte, mehr dem Schein als dem Sein anhängende, historisch unbeschwerte Alterskohorte vorgestellt hat. Koch, obgleich einige Jahre älter, findet sich in Illies Zuschreibungen durchaus wieder; und diese Selbstzuordnung, von der Schumacher in seiner Biografie über den hessischen Ministerpräsidenten erzählt, bestätigt in ihrer kokett spielerischen Art das Gesagte.

Zugleich schildert ihn Schumacher als zähes, aktenfressendes Arbeitstier, für das 18 Stunden kein Tag sind, einer, der auf Äußeres keinen, auf Erfolg aber umso mehr Wert legt. Doch auch das mag zu einem Gutteil Selbststilisierung des Politikers Koch sein. Was die Person hinter diesem Politiker ausmacht, können selbst dessen engste Weggefährten kaum formulieren. Zum Privatmann Koch hat auch Schumacher keinen Zugang gefunden, seine Biografie bleibt eine Annäherung.

Innerhalb der CDU steht Koch wie kein zweiter für den Anspruch, die regierenden Achtundsechziger abzulösen. Die Aversion gegen alles, was sich mit diesem Signum verbindet, ist tief in seine politische Biografie eingeschrieben. Sein Dasein als blässlicher, geschniegelter Schüler aus gutem konservativen Hause muss unter der Präpotenz einer den Schulton angebenden Linken traumatische Züge gehabt haben.

Koch ist zweifellos ein typischer Repräsentant der in den 70er Jahren gegründeten Schüler Union, die sich gegen den moralisierenden Mainstream mit dem Drachenblut persönlicher Arroganz und machiavellistischer Methodik feite und dabei jederzeit für ein ideologisches Scharmützel gut war. Diese Schule wappnete ihn für politische Auseinandersetzungen. Nicht von ungefähr suchte er sich als seinen ersten großen Gegenspieler den damaligen hessischen Umweltminister Joschka Fischer (Grüne) aus. Er stellte ihm noch nach, als dieser längst Außenminister in Berlin war.

Koch ist gleichsam politischer Antipode der Achtundsechziger und ihr biografischer Antityp. Schumacher schildert eine Jugend ohne Generationenkonflikte in einem behütenden Elternhaus, eingehegt von der erdrückenden Fürsorge der Mutter und geleitet vom Vorbild des gutbürgerlichen Vaters. Die Bindung an beide bleibt auch im weiteren Leben eng. Der alte Koch ist Justizminister Hessens im Kabinett Walter Wallmanns und in der Stadt- und Kreispolitik aktiv. Er begleitet den politischen Werdegang seines Sohnes und räumt dabei dezent manchen Stein aus dem Weg. Beide teilen miteinander nicht nur die politische Leidenschaft, sondern arbeiten auch noch in einer Anwaltskanzlei.

Koch hat die Stadt seiner Kindheit, das wohlhabende hessische Eschborn, nie verlassen. Sie war seine politische Probebühne und ihre gediegene Bürgerlichkeit bildet noch heute das soziale Raster, an dem er seine politischen Koordinaten ausrichtet. Wohingegen ihn die großstädtischen Verwerfungen und Vernetzungen einer Metropole Berlin seinen Aufenthalt dort auf das Notwendige beschränken lassen. Schumachers Schilderung dieses Elternhauses und dieser Heimat machen plastisch, wieso der spätere Ministerpräsident oft so unerschütterlich wirkt wie der späte Helmut Kohl. Beides sind Familienmenschen, die ihr Umfeld danach sortieren, wer dazu gehört, loyal ist und protegiert wird und wer nicht. In einem solchen System wechselseitiger Verpflichtung bewegte sich Koch auf der politischen Karriereleiter nach oben, doch diese unbedingte Loyalität erweist sich auf den letzten Stufen auch als sein Handicap.

Roland Koch wäre zweifellos der nächste Kanzler der Union, hätte es die deutsche Einheit und als deren Spätfolge Angela Merkel an der Spitze der Union nicht gegeben. Beide sind Kohls Adepten, doch während der Hesse dem Alten die Treue hielt, als dessen Thron wankte, stürzte ihn die Ostdeutsche und verschaffte sich damit den entscheidenden Vorteil im Kampf um die Erbfolge. Kochs Fehler war, die Politnovizin anfangs zu unterschätzen. Als er merkte, dass sie die Klaviatur parteipolitischer Machtausübung ebenso beherrscht wie er, jedoch noch kälter sein kann als er, war es bereits zu spät.

Schumacher hat dem politischen Aufstieg Roland Kochs akribisch nachspürt. Er malt ein detailgetreues Bild von den Hinterzimmern und Bühnen, von den Allianzen und Rankünen des Parteilebens. Wobei es ihm gut gelingt, dessen typisch hessische Färbung einzufangen. Der flotte Stil der Biografie lässt unschwer den früheren Spiegel-Redakteur erkennen, ist bisweilen allerdings so flott, dass der Autor den Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba darüber Klage führen lässt, dass er "seit seinem Ableben 2002 noch keinen adäquaten Nachfolger gefunden hat".

Da ist es fast schon hinnehmbar, dass sich Kochs Lebenswelt und die seines besten Jugendfreundes "untrennbar auseinander entwickelt haben". So ungefähr muss man sich wohl auch das Verhältnis zwischen Roland Koch und Angela Merkel vorstellen.

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