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Die Anstelle-Menschen

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Von: Sylvia Staude

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Die Freiheitsstatue vor New York.
Die Freiheitsstatue vor New York. © dapd

Jonathan Lethem nimmt sich in seinem großen New-York-Roman „Chronic City“ die Freiheit, wie Pynchon surreale Elemente in die doch so minutiös erzählte, vertraute Welt einbrechen zu lassen.

Ich-Erzähler Chase Insteadman stellt sich dem Leser gleich als einer vor, dessen Beobachtungsgabe und intellektueller Durchblick beschränkt sind. „Ich begegnete Perkus Tooth zum ersten Mal in einem Büro“, beginnt er, beginnt der Roman. Und fährt fort: „allerdings nicht in seinem eigenen, auch wenn ich das damals durcheinandergebracht habe – was für mich übrigens nichts Ungewöhnliches ist.“

Insteadman, Müßiggänger, Typ großer Junge, lebt davon, dass er mal Kinderstar einer Seifenoper war. Für eine Einladung zum Jahresfest des Bürgermeisters reicht der Ruhm noch, auch, weil Chase inzwischen New Yorks berühmtester Verlobter ist: Seine Freundin Janice Trumbull steckt in einer Raumstation fest, ungewiss ist, ob die Astronautin und ihre Kollegen da noch mal wegkommen. Und während Chase langsam vergisst, wie Janice sich anfühlt, freundet er sich mit Perkus an.

Die Männerfreundschaft zwischen dem sein Leben durchaus sympathisch vertrödelnden Ex-Schauspieler und dem verkrachten Aktionskünstler, Rockmusik- und Filmkenner, ja überhaupt Detailsammler, bildet den Kern von Jonathan Lethems weit – eben bis ins All – ausgreifendem, aber doch fast ausschließlich von New York und New Yorkern handelndem Roman „Chronic City“.

Der milliardenschwere Bürgermeister namens Arnheim ist natürlich eine Anspielung auf Michael Bloomberg; gleich bei einem von Chases und Perkus’ ersten Gesprächen geht es unter anderem ausführlich um das Magazin The New Yorker; es gibt die Park Avenue und den Times Square – und die New York Times inzwischen wahlweise auch als „kriegsfreie“ Ausgabe. Das kann sich nur auf Afghanistan und den Irak beziehen, aber Lethem vermeidet es, den Roman zu datieren: Er spielt ungefähr im Jetzt, aber in einem um ein Weniges verschobenen Paralleluniversum.

Ein überlebensgroßer Tiger streift nachts durch Straßen und U-Bahn-Röhren

Es ist verwunderlich, dass im Zusammenhang mit dem 1964 in New York geborenen, mit „Chronic City“ seinen achten Roman vorlegenden Jonathan Lethem so selten der Name Thomas Pynchon fällt. Denn wie Pynchon nimmt Lethem sich die Freiheit, surreale Elemente in die doch so minutiös erzählte, vertraute Welt einbrechen zu lassen – in „Chronic City“ ist es vor allem ein überlebensgroßer Tiger, der nachts durch Straßen und U-Bahnröhren streift, über den sich allerdings niemand allzu sehr zu wundern scheint.

Lethem mag, wie Pynchon, die schrägen, manchmal sehr offensichtlich sprechenden Namen – Insteadman, Anstelle-Mann –, sowie das Finden und Erfinden von Wörtern. Und auch er ist offenbar, wie dann seine Figur Perkus Tooth, ein Jäger des Details, in erster Linie des abseitigen kulturellen Wissens. Selbst die Dope-Sorten, die vor allem Chase und Perkus immer wieder rauchen, tragen verspielt-ironische Namen. Eine heißt „Chronic“.

Man kommt ins Aufzählen, wenn man versucht, Lethems prallen, zugleich manchmal erstaunlich stillen und die Zeit wie Chase vertrödelnden Roman zu fassen. Es gibt darin die diskret die Autobiografien berühmter Leute schreibende Oona Laszlo, mit der Chase eine Affäre beginnt (er ist nicht stolz darauf). Es gibt Oonas jüngstes Thema, den Künstler Laird Noteless, der unter anderem eine veritable Schlucht mitten in New York geschaffen hat, Titel des Kunstwerks: „Urbaner Fjord“.

Und es gibt den für Bürgermeister Arnheim arbeitenden Richard Abneg, der sich seinerseits mit der so strengen wie dem Sex in allen Lebenslagen nicht abgeneigten Georgina Hawkmanaji liiert. Es gibt sogar einen dreibeinigen, liebebedürftigen Pitbull namens Ava.

In unterschiedlichen Konstellationen trifft man sich im Diner oder in diversen Wohnungen, man redet und redet (auch mal eine Nacht im Gefängnis), kifft, geht spazieren, fährt Taxi und U-Bahn, man besucht einen Promiarzt. Dort sieht dann Perkus das Bild eines Kaldrons – das Gefäß scheint ihm so vollendet, dass er fortan Stunden vor dem Computer verbringt, um eines zu ersteigern. Aber es gibt andere Kaldron-Besessene, die Preise steigen und steigen. Irgendwann stellt sich raus, dass die Kaldrons (Kessel?) virtuell sind, ein künstlich erzeugter Hype.

So mischt Lethem das Phantastische und ein wenig Unheimliche – dazu gehört ein unerklärlicher Schokoladengeruch in den Straßen – mit dem Alltäglichen. Der über die Freundesgruppe philosophierende Chase formuliert gleichsam das Prinzip des Romans: „Dadurch dass wir vor dem Hintergrund rätselhafter und unklarer Gefahren existierten, nahmen wir Gestalt an.“

Und wie sie Gestalt annehmen, in nicht selten langen, aber präzise ins Ziel gesteuerten Sätzen. Und das ist dann doch ein wichtiger Unterschied zu Pynchon: Bei dem bewundert man die unübertroffene Fabulier- und Erfindungskunst, wird aber – im Sinne von Anteilnahme – kaum warm mit den Figuren. Lethem nimmt einen auf andere, auf tiefere Art und Weise ein für die Bewohner von „Chronic City“. Wie wir alle – und an unserer statt – bringen sie öfter mal was durcheinander, wie wir alle tasten sie sich meist und schwindeln sich oftmals durch ihr Leben.

Jonathan Lethem: Chronic City. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner. Tropen bei Klett-Cotta 2011, 496 S., 24,95 Euro.

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