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Klarkommen im Ungewissen: Das gilt für die Auswahl des nächsten Krimis, für die Ermittler gilt es erst recht.

Krimi-Hitliste 2015

Anspruchsvoll fürchten

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Die besten Krimis des Jahres 2015, die sonderbarsten Ermittler der Saison, gefunden mit Schwarmintelligenz einer Jury, die aus zwanzig Literaturkritikerinnen und -kritikern besteht.

Als Krimikritikerin beschleicht einen manchmal das Gefühl, dass jeder Mensch, der des Schreibens mächtig ist, irgendwann in seinem Leben einen Krimi schreibt. Mindestens einen. Und dass wiederum die Hälfte dieser Menschen auch einen Verlag findet. Und dass wiederum die Hälfte dieser Verlage einem ungefragt ihre gesamte Spannungsromanproduktion schickt.

Ungelesene Bücher stapeln sich also im Büro, stapeln sich Zuhause; und wenn das neue Jahr zwei, drei Monate alt ist, kann man die Krimis des vorhergehenden Jahres, uff, endlich guten Gewissens entsorgen. Bis auf die – ein halbes Dutzend vielleicht –, die in die eigentlich vollen Regale gezwängt werden. Ein Distinktionsmerkmal.

Als Distinktionsmerkmal ist auch die Krimi-Bestenliste von „Zeit“ und Nordwestradio gemeint, die einmal im Monat, zwölfmal im Jahr erscheint. Da der nach Trüffeln zu durchwühlende Wald der Neuerscheinungen höchst unübersichtlich ist, durchschnüffeln ihn für diese Liste mehr als 20 Literaturkritiker (darunter die Autorin) und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz. Jeder darf jeden Monat für vier – beliebige! es gibt keine Shortlist – Titel votieren, maximal dreimal für denselben. Was der eine nicht erschnüffelt, weil seine Aufmerksamkeit neun Bäume weiter links gefesselt ist, findet hoffentlich ein anderer. Man könnte es auch Schwarmintelligenz nennen.

Der Spannungsroman-Jahrgang 2015, so viel sei gleich verraten, führte nicht zu Bestenlisten-Sensationen, denn vor allem bewiesen Autoren ihre Form, die dem Krimikenner alte Bekannte sind. Friedrich Ani vorneweg, der die alltagsgrauen, verzweiflungsgrellen Seelennuancen seiner Figuren immer über die Handlung stellt, der nicht über böse Menschen schreibt, sondern über tragisch verstrickte („Der namenlose Tag“).

Das sensationellste Gesamtpunktekonto: Merle Kröger

Oder eigentlich muss man schreiben: Merle Kröger vorneweg, denn sie hatte das sensationellste Gesamtpunktekonto im zu Ende gehenden Jahr und stand mit „Havarie“ im Juni, Juli und August auf Platz eins. Flüchtlingsboot trifft Luxusliner, Frachter kreuzt Rettungsboot, ein syrischer Medizinstudent arbeitet in der Waschküche des Kreuzfahrtschiffes, eine junge Inderin ist das Security-Gurkha-Girl. Auf dem Mittelmeer verwirren sich die Lebenslinien der Privilegierten und Unterprivilegierten, im Mittelmeer sterben die Menschen.

Der lob- und preiswürdige Kriminalroman war auch 2015 wieder gerne politisch, wusste Missstände beim Namen zu nennen.

Dominique Manottis „Abpfiff“ knüpft sich das Fußball-Geschäft und mehr vor. Mike Nicols „Bad Cop“ eine bis ins Mark korrupte (südafrikanische) Gesellschaft. James Lee Burke zeichnet nach, wie eine reiche Nation die überwiegend schwarzen Opfer einer Naturkatastrophe im Stich ließ („Sturm über New Orleans“). Richard Price, wie eine Gruppe New Yorker Cops Recht und Gesetz ignoriert, um Rache zu üben („Die Unantastbaren“).

Andreas Kollender porträtiert in „Kolbe“ einen Aufrechten, der für die US-Amerikaner spionierte, weil Hitler einfach nicht gewinnen durfte – Fritz Kolbe hat es im Auswärtigen Amt wirklich gegeben. Und Oliver Bottini lässt seine Louise Bonì gegen Neonazis ermitteln („Im weißen Kreis“). Gut, dass sie eine Weile vom Alkohol lassen kann, denn das ist kein Spaziergang.

Verkorkste, eigenartige, kapriziöse Ermittler

Damit sind wir bei den verkorksten, eigenartigen, kapriziösen Ermittlern, die einem auch im Jahr 2015 irgendwie wieder die liebsten waren. Friedrich Ani wechselt sie wie die Hemden, in „Der namenlose Tag“ zum pensionierten, Gespenster am Küchentisch sehenden Jakob Franck (es soll eine neue Serie werden, mal sehen). Carol O’Connell hat ihrer Soziopathin Mallory mit „Kreidemädchen“ einen fabelhaften neuen Fall auf den energischen, hellsichtigen Leib geschrieben.

Mallory macht süchtig wie sonst nur der gänzlich anders gepolte Jean-Baptiste Adamsberg von Fred Vargas. „Das barmherzige Fallbeil“ schickt den Kommissar nach Island und mitten in die Französische Revolution (na ja, fast). Und wer einen Vargas verpasst, obwohl er selbstverständlich just auch die Krimi-Bestenliste anführt, der ist selbst schuld.

Kurz vor Schluss sei auf drei Bücher verwiesen, die es – und möge das Regal auch bersten – ins persönliche Archiv schaffen: Tana Frenchs „Geheimer Ort“, denn wenige Autoren können psychologische Tiefen so gründlich und raffiniert ausloten. Dror Mishanis „Die Möglichkeit eines Verbrechens“, denn er ist gleichsam der Friedrich Ani Israels, einfühlsam und großartig unspektakulär. Und William McIlvanneys „Die Suche nach Tony Veitch“, denn die Dunkelheiten des zwischendurch in Vergessenheit geratenen Schotten sind einfach große Literatur. Aber für solche Entdeckungen ist die Bestenliste da.      

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