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Einmal am Tag bewusst atmen, auch das empfiehlt Anselm Grün. 

Anselm Grün

Anselm Grün „Quarantäne!“: Momente des Glücks in diesen Tagen

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Pater Anselm Grün hat das erste Buch für Deutschland in der Quarantäne geschrieben.

Anselm Grün, geboren im Januar 1945, ist Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach. Von 1977 bis Oktober 2013 leitete Grün die Betriebe der Abtei. Grün ist bis heute einer der erfolgreichsten deutschen Buchautoren. 300 Bücher und Broschüren sind lieferbar von ihm. Weltweit haben sie eine Auflage von 14 Millionen Exemplaren. Papst Franziskus zählt zu seinen Lesern und zu denen, die seine Bücher weiterempfehlen. Grüns neuestes Buch heißt „Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung: So gelingt friedliches Zusammenleben zu Hause“.

Er ist, soweit ich sehe, der erste, der mit einem Buch zur Lage herauskommt. Auf einen ersten Facebook-Post von ihm über die „spirituelle Herausforderung von Corona“ soll es, so die Katholische Nachrichtenagentur, mehr als 50 000 Antworten gegeben habe.

In seinem Buch geht Pater Anselm Grün davon aus, dass er als Mönch einschlägige Quarantäne-Erfahrungen hat. Ich nehme ihm das nicht so ganz ab. In nicht Corona-Zeiten ist er schließlich an 200 Tagen unterwegs und hält Vorträge, außerdem gibt er auch im Kloster Kurse und Beratungen. Das scheint mir doch deutlich noch weiter von einer Quarantäne-Situation entfernt als ein ganz normales Ehepaar mit zwei Kindern in einer Drei-Zimmerwohnung.

Ich mag die unfreiwillige Komik des Buches. Sie regiert in den ersten Kapiteln. Das sind vor allem die Stellen, an denen Anselm Grün, den Gründer seines Ordens, den Heiligen Benedikt von Nursia (um 480 bis 547) zitiert, um ihn dann für uns mundgerecht zu machen. Also zum Beispiel: „Eifer zum Gottesdienst können wir mit Emotionsfähigkeit übersetzen“. Oder gleich auf der nächsten Seite: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat.“ So der Heilige Benedikt. Grün übersetzt das: „Das Hören auf sich und auf die anderen ist wesentlich für das Einfühlen in die eigene Seele und in die anderer.“

Anselm Grün: Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung. Verlag Herder, Freiburg 2020. 96 S., 9,99 Euro (nur als E-Book).

So funktioniert Buchreligion. Es gibt einen kanonischen Text, der sagt uns, was richtig ist. Alles kommt darauf an, diesen Text so lange zu betrachten, bis er so ausschaut, wie man ihn gerade braucht. Das ist nichts Verwerfliches. Aber es hat mit Philologie nichts zu tun. Die würde sich mehr für die Unterchiede zwischen Benedikt und Grün interessieren. Grün tut das nicht. Er legt, wie sich das für den Anhänger einer Buchreligion gehört, keinen Wert auf Originalität. Er tut so, als würde er uns eine bewährte Diät anbieten.

Das Meiste von dem, was er sagt, finde ich einleuchtend. Aber wahrscheinlich nur, weil wir beide weiße alte Männer sind und in Wohnungen oder gar Häusern aufgewachsen sind, nicht in Favelas oder in Heimen, die von randalierenden Ureinwohnern angezündet wurden und womöglich immer noch werden.

Das Verhältnis von Distanz und Nähe müsse man unter den Bedingungen von Home Office und Quarantäne als Elternpaar und zwischen Kindern und Eltern neu aushandeln. Jeder brauche schließlich auch Frei-Räume und wenn es nur das Fenster auf dem Treppenabsatz hoch zur Wohnung sei. Ich mag diese Konkretion. Ich sehe den kleinen Anselm, der damals noch Willi hieß, so auf der Flucht vor seinen sechs Geschwistern. Ein idyllisches, von der Sonne beschienenes Bild.

Ich mag auch, wenn er vor dem ungegliederten „Zeitbrei“ warnt, den die Arbeitslosigkeit mitbringt. Es ist nicht unbedingt eine christliche Einsicht, aber er hat dennoch recht, uns zu empfehlen, jeden Tag uns einmal zehn Minuten Zeit zu nehmen, um ganz bewusst nichts zu tun als zu atmen.

Die Hauptgefahr sah der Heilige Benedikt in der Acedia, der Trägheit. Wenn ich Acedia mit Lustlosigkeit – ich habe von Grün gelernt – übersetze, also mit dem Gefühl, dass alles keinen Sinn habe, dann hat Grün tausendmal Recht, an den Lagerkoller zu erinnern, den Bergsteiger empfinden, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen, weil das Wetter umschlägt, weil einer von ihnen sich den Fuß verknackst.

Natürlich dürfe man nicht einfach hinweggehen über sein Scheitern. Man müsse es analysieren und auch ein wenig trauern über den Misserfolg. Schließlich hat man das Ziel, das man unbedingt erreichen wollte, nicht erreicht. Vor allem aber sei wichtig, schreibt Anselm Grün, sich ein neues Ziel zu setzen. Womöglich ein etwas Realistischeres, bei dem nicht ein Teil der Wandergruppe sich den Fuß verknackst.

Anselm Grün ruft aus seiner Quarantäne, einer kleinen Zelle in einer riesigen Klosteranlage, seinen Lesern in ihre zu Homeoffices verwandelten Wohnungen zu: „Schämen sie sich nicht dafür, dass sie Momente des Glücks haben in diesen Tagen“. Die Pessimisten rechnen mit einem Anstieg der Scheidungsrate nach Corona. Die Optimisten aber zusammen mit Anselm Grün mit einem Babyboom.

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