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Ein Gedenkort der „Initiative 19. Februar Hanau“.
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Ein Gedenkort der „Initiative 19. Februar Hanau“.

Literatur und Gesellschaft

Anschlag von Hanau: „Wir sagen es seit Jahren“

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Zum Jahrestag des Anschlags von Hanau macht ein Literaturfestival in Frankfurt ein „Schreiben im Hier“ sichtbar.

Das Festival war am Samstagabend schon fast vorbei, da sagte der Schriftsteller Deniz Utlu, nun sei wieder so ein Moment, in dem er sich wünsche, vor Publikum zu sitzen und den Applaus zu hören. Seine Kollegin Fatma Aydemir hatte gerade aus einem noch unveröffentlichten Manuskript gelesen. Ein Text über den Tod eines Familienvaters, kurz nach der Rückkehr aus Deutschland in die türkische Heimat, der Utlu sichtlich berührte. Aber die Plätze vor der Bühne des „Wir sind hier“-Festivals waren leer, das Publikum nur vor den Bildschirmen.

Drei Tage lang hatten Autorinnen und Autoren auf Einladung des Literaturhauses Frankfurt und der Bildungsstätte Anne Frank debattiert: über Diversität, Rassismus und kulturelle (Nicht-)Zugehörigkeit. Anlass war der Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau, bei dem ein rechtsextremer Attentäter neun Menschen getötet hatte.

Er war nicht Thema aller Gespräche, unterschwellig aber bestimmte das Verbrechen das Festival. Alle Gäste zeigten sich tief berührt, auch weil sie wie die Opfer entweder selbst eine Migrationsgeschichte haben oder ihre Texte als migrantisch gelesen werden.

Und so hatte der Anschlag auch keinen und keine der Anwesenden überrascht. Schon vor Hanau habe sie eine bedrohliche Stimmung wahrgenommen, erzählte die Journalistin und Autorin Alice Hasters, die in ihrer Lesung das Bild eines allgegenwärtigen strukturellen Rassismus zeichnete, der aus vielen kleinen Momenten bestehe, „wie Mückenstiche“, deren Schmerz in der Summe unerträglich werde.

Noch deutlicher wurde Michel Abdollahi. Minutenlang zählte der Autor zu Beginn seiner Lesung eine Auswahl von Angriffen gegen Frauen auf, die Kopftuch trugen – eine Liste aus dem Jahr 2019, sagte Abdollahi, die man um viele andere Fälle ergänzen könne. „Ich bin nicht überrascht über das, was passiert ist. Wir sagen es seit Jahren.“

Eine schmerzhafte Aufzählung sei das, sagte Hadija Haruna-Oelker, die die Veranstaltung mit Hasters und Abdollahi am Freitagabend moderierte. Aber darum gehe es: Rassismus, Gewalt und Ausgrenzung sichtbar zu machen.

Schon am ersten Abend des Festivals hatten die Begriffe Migration und Integration im Mittelpunkt gestanden. Die Journalistin und Autorin Ferda Ataman hatte bedauert, dass es keine Partei in Deutschland gebe, die diese Begriffe positiv besetze. Stattdessen sei der politische und gesellschaftliche Diskurs voller Ängste. „Wir haben in Deutschland nicht gelernt, Migration als Normalität zu betrachten“, sagte Ataman.

In Deutschland bedeute Integration, dass alle „Ursprungsdeutschen“ westliche Werte mit der Muttermilch aufgesogen hätten, sagte Ataman. Während alle jene, die nicht „ursprungsdeutsch“ seien, diese Wert nicht hätten – und eben integriert werden müssten.

Ein veraltetes Verständnis von Integration, befand auch die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz. Sie könne das Wort Integration nicht mehr hören: „Sind wir denn nicht integriert?“ Bis heute werde sie regelmäßig gefragt, wo sie herkomme – eine Frage, die viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen dürften. „Ich bin es leid“, sagte Basay-Yildiz.

Aber was hilft Opfern und Betroffenen der Anschläge? Reicht es, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich mit Angehörigen der Opfer trifft, wenn weitere Politikerinnen und Politiker beteuern, so etwas dürfe nie wieder passieren?

„Symbolik ist wichtig“, sagte Ferda Ataman. Mangelnde Anerkennung und Würdigung sei lange ein Problem gewesen. Nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen seien keine Staatsoberhäupter angereist, deshalb sei es wichtig, dass Steinmeier auf die Angehörigen der Opfer zugehe.

Nach den Treffen müsse aber auch etwas passieren, hielt Seda Basay-Yildiz dagegen. Die Frankfurter Anwältin vertritt drei Familien, deren Verwandte bei dem Anschlag in Hanau ums Leben kamen. Die Hinterbliebenen seien traumatisiert, könnten nicht mehr arbeiten und hätten finanzielle Probleme. Trotzdem müssten sie sich mit viel Aufwand durch die Bürokratie arbeiten, bis sie Hilfe bekämen. „Das ist doch wirklich unnötig.“

Nachdem an den ersten beiden Tagen das Politische im Vordergrund gestanden hatte, drängte am Samstag die Literatur nach in den Vordergrund. Auf zwei Podien diskutierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller das „Schreiben im Hier“: Hat Hanau Auswirkungen auf ihr Schreiben? Ist die Literatur dem Leben voraus oder schreibt man dem Leben hinterher?

Auch um die empfundene Abwertung von Literatur als „politisch“ ging es: Dem Vorwurf, politische Literatur zu schreiben, sehen sich viele Autorinnen und Autoren ausgesetzt, wenn sie in ihren Romanen Fremdheit und Dominanz bearbeiten. Dabei lässt sich, das machten alle Schreibenden deutlich, das Politische vom Literarischen nicht trennen.

„Literatur zeichnet Wirklichkeiten nach, in die die Politik hineinfließt. Eine Trennung von Literatur und politischer Literatur wäre, als würde man einen Körper öffnen, essentielle Organe entnehmen und erwarten, dass er noch funktioniert“, sagte Hengameh Yaghoobifarah, die gerade an ihrem Debütroman „Ministerium der Träume“ arbeitete, als der Anschlag von Hanau geschah. Darin erzählt sie, die sich selbst als nicht-binär identifiziert, auf mehreren Zeitebenen die Geschichte der queeren Türsteherin Nasrin, die am Anfang des Romans vom Tod ihrer Schwester Nushin erfährt, und daraufhin deren 16-jährige Tochter zu sich nimmt. Rassismus und rassistische Gewalt sind dominante Themen.

Um eine „Auseinandersetzung mit den Zumutungen der Welt“ gehe es auch ihm, sagte Deniz Utlu. Sein Schreiben sei ein Versuch, „so genau wie möglich hinzuschauen, das auszuhalten und eben nicht wegzusehen, auch wenn es Jahre dauert“. Während Yaghoobifarah ihre Figuren klar markiert, lässt Utlu mehr Deutungen zu: „Ich glaube, dass rassistische Strukturen so internalisiert sind in allen Figuren, deswegen wollte ich zum Beispiel bei meiner Figur Kara, dass beides möglich ist – dass er als jemand gelesen werden kann, der Rassismus erfährt oder der Rassismus ausübt“, sagte der Autor, nachdem er einen Auszug seines Romans „Gegen Morgen“ gelesen hatte.

Eine Sache, die Literatur von Politik unterscheide, reklamierte der Lyriker Max Czollek während der letzten Veranstaltung des Festivals, sei es, dass Literatur nicht von „ihr“ und „wir“ sprechen müsse, sondern „kleine Stollen unter diese Begriffe“ graben könne, um sie so zu destabilisieren. Schon vorher hatte Utlu die Macht der Literatur beschworen: Sie gebe ihm die Möglichkeit, in Lebenswege von Figuren hineinzuhorchen, die nicht die Mittel hätten, um am gesellschaftliche Diskus teilzunehmen.

So präsentierte sich auf dem Festival eine Generation postmigrantischer Autorinnen und Autoren, die ihren Platz innerhalb der Gesellschaft und des Literaturbetriebs selbstbewusst einfordert. Die klare Botschaft: Wir sind hier und haben etwas zu sagen.

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