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Die lustigen Verrenkungen der Zeitgeschichte.
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Die lustigen Verrenkungen der Zeitgeschichte.

Walter Kempowski

Ansammlung von Lebenskristallen

Verzweifelt-komischer Grundton: Walter Kempowskis Tagebuch "Somnia" aus der deutsch-deutschen Wendezeit.

Von MAIKE ALBATH

Es hilft alles nichts: Walter Kempowski ist ein ewig Zukurzgekommener. Nie ein Aufenthalt in der Villa Massimo, kaum bedeutendere Literaturpreise, immer als Unterhaltungsschriftsteller missverstanden! Kempowski macht sich lustig über das eigene Geltungsbedürfnis, kann sich neidische Seitenblicke auf Kollegen und Generationsgenossen - von Böll über Grass bis zu Rühmkorf - gleichwohl nicht verkneifen. Ein verzweifelt-komischer Grundton bestimmt das Tagebuch des 2007 verstorbenen Schriftstellers, das jetzt postum unter dem Titel "Somnia" heraus gekommen ist und das Jahr 1991 umfasst.

In loser Folge hält Kempowski private Vorkommnisse fest und resümiert mit buchhalterischer Akribie seinen Alltag. Er erläutert seine Arbeit am "Echolot", dem monumentalen kollektiven Kriegstagebuch, lässt aktuelle politische Ereignisse vom Irakkrieg bis zu der Hauptstadtentscheidung für Berlin und den Kriegshandlungen auf dem Balkan einfließen, streut Bemerkungen zum Fernsehprogramm, zu Lektüren, seinem gesundheitlichen Wohlbefinden, Begegnungen und Träumen ein.

Eingelassen in die Tagebuchnotizen von 1991 sind kursiv gedruckte Anmerkungen von 2001 und 2007: der Autor hat seine Eintragungen also noch einmal gründlich gesichtet und zweifelsohne auch bearbeitet, wollte aber die nachträglich eingefügte Kommentarebene für den Leser kenntlich machen.

Walter Kempowski ist als Archivar und Chronist der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts hervor getreten. Dabei sind zwei formal verblüffend entgegengesetzte Verfahrensweisen erkennbar. Im "Echolot" sammelte er abseits seiner eigenen Subjektivität historisch bedeutsame Notate unterschiedlichster Provenienz. In seinen Tagebüchern hingegen macht er das subjektive Empfinden bewusst zum Dreh- und Angelpunkt: bei der Betrachtung des Zeitgeschehens wird die private Sichtweise zum Maß aller Dinge. Wie bereits seine Tagebuchbände "Sirius" (1990) und "Alkor" (2001) ist auch "Somnia" ein kaleidoskopartiges Gebilde von Eindrücken, Gedanken und Erlebnissen. "Der Tag sammelt die Lebenskristalle an, ohne dass man es wahrnimmt", heißt es an einer Stelle, "Man pickt sie erst auf, wenn sie sich gehärtet haben. Das kann Jahre dauern, bis sie reif sind".

Der kleinbürgerliche Sog

Aus der Empfindung, dass selbst Nebensächliches später Bedeutung entwickeln kann, ist Kempowskis manische Sammlertätigkeit zu verstehen: immer wieder packt ihn der Drang, nicht nur den eigenen Alltag detailliert festzuhalten, sondern auch fremde Zeugnisse aufzubewahren, Briefe, Tagebücher, Gebrauchsgegenstände zu horten. Das aktuelle Weltgeschehen tritt in "Somnia" in denselben mecklenburgisch-verschrobenen, kauzig-pointierten Beobachtungen zu Tage, wie es schon in den frühen siebziger Jahren in seinen berühmten Rostocker Romanen "Tadellöser & Wolff" und "Uns geht's ja noch gold" typisch für Kempowski war.

So werden zum Beispiel Nachrichtensprecherinnen so dargestellt, dass es nicht um die Inhalte der Sendung geht, sondern um die weibliche Wirkung der Dame auf den Zuschauer Kempowski. Diese sehr eigene Art der Komik reflektiert augenzwinkernd die gleichzeitig liebevoll und analytisch beschriebenen Kleinbürgerstrukturen. Schließlich ist Kempowski selbst ein Kleinbürger - und weiß das auch. So wie er Politiker in ihrer menschlichen bzw. entlarvend künstlichen Ausstrahlung schildert, holt sie sich jeder Kleinbürger in seinen privaten Raum hinein. Die Leistung Kempowskis besteht gerade darin, diesen Mechanismus aufzudecken.

Kohl, Gorbatschow und die lustigen Verrenkungen, die die pathetisch aufgeladene Zeitgeschichte im Detail entfaltet, sind das Lebenselixier des Schriftstellers. Gerade in den Tagebucheintragungen ist zu bemerken, wie sehr diese Haltung als Schutz funktioniert: sie hilft dem Verfasser, die eigenen traumatischen Erfahrungen der Kriegszeit und seiner Haft in Bautzen in Schach zu halten. Das manchmal gewollt Lustige in seiner Wahrnehmung der Zeitläufte muss er dabei notgedrungen in Kauf nehmen. "Somnia" gibt nicht nur Aufschluss über den Schriftsteller als Privatmann, seine Arbeitstechnik und eine historische Phase der Bundesrepublik, sondern lässt Kempowskis Poetik und seine Lebensleistung deutlicher werden. Im Gegenlicht beginnen die Lebenskristalle zu funkeln.

Walter Kempowski:Somnia. Tagebuch 1991. Albrecht Knaus Verlag, München 2008, 543 S., 24, 95 Euro.

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