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Annie Ernaux: „Das andere Mädchen“ –Von Abwesenheit umgeben sein

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Von: Judith von Sternburg

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Annie Ernaux, hier als neue Literaturnobelpreisträgerin im Oktober in den Verlagsräumen von Gallimard in Paris.
Annie Ernaux, hier als neue Literaturnobelpreisträgerin im Oktober in den Verlagsräumen von Gallimard in Paris. © AFP

Wer ist „Das andere Mädchen“? Annie Ernaux schreibt über und an ihre mit sechs Jahren gestorbene Schwester.

Die defensive, höchstens eine Flucht nach vorne erlaubende Position dem Tod gegenüber eint ausnahmslos alle Menschen (außer Elina Makropulos). Bereits der Tod der anderen – der dem eigenen bloß einen Wimpernschlag vorausgeht, nur ist einem das rücksichtsvoller Weise nicht so präsent – ist in einem unfassbaren Ausmaß das Ende des Gesprächs und jedweder Auseinandersetzung. Annie Ernaux erzählt von einem noch aussichtsloseren Fall: einer Toten, die sie im Leben nicht einmal kennengelernt hat. „Du warst schon immer tot“, schreibt sie also in ihrem „unechten Brief“ an die Tote. Denn „echte Briefe“ können sich nur die Lebenden schicken.

„Das andere Mädchen“, 2011 auf Französisch erschienen, kam ein paar Tage nach der Bekanntgabe des Nobelpreises auf Deutsch heraus und war entsprechend nach wenigen Stunden vergriffen. Jetzt kann man es in Ruhe kaufen und lesen, zumal es wahrlich ein Novemberbuch ist.

Der Anfang liegt für Annie Ernaux und ihre Erinnerung aber im Sommer, an einem heißen, harmlosen Augusttag. Die zehnjährige Annie hört zum ersten und einzigen Mal „die Erzählung“, die nicht an sie gerichtet ist. Die Mutter spricht mit einer Bekannten, der sie kurzum sagt, dass sie vor Annie eine andere Tochter hatten, die mit sechs an Diphtherie gestorben ist. „Über mich sagt sie, sie weiß von nichts, wir wollten sie nicht belasten“ und „am Schluss sagte sie über dich, sie war viel lieber als die da“. Das sind „Sätze, die wie eine kalte, lautlose Flamme über mein Kinderleben hinwegfuhren, während ich weiter neben meiner Mutter herumsprang und mich drehte, mit gesenktem Kopf, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen“. Die beiläufig mitgehörte Auskunft – Kindern, schreibt Ernaux, habe man in den 50er Jahren keine Ohren zugetraut – lagert sich in jenes aus anderen Ernaux-Büchern bereits vertraute Schweigen der Familie Duchesne ein. Nie wird darüber gesprochen werden, erst die demente Mutter sagt ganz selbstverständlich, sie habe zwei Mädchen geboren.

Sie mag den Namen nicht

Von einer Cousine erfährt Annie den Namen des Mädchens (sie mag ihn nicht), versteht zudem nach und nach, dass viele in ihrer Umgebung im Bilde sind, die Schwester kannten, wie sie jetzt sie kennen. Sie berührten, wie sie jetzt sie berühren. Sie ist neugierig, sie fragt wenig, beides nach Kinderart, wenn es ernst wird.

Ernaux schreibt genau und sparsam Schlaglichter hin, weil Sparsamkeit Genauigkeit erfordert, und Genauigkeit Sparsamkeit mit sich bringt (wenn man als schreibender Mensch einmal ehrlich ist): Die Tatsache, dass sie immer dachte, sie sei das Mädchen auf den spärlichen Fotos, obwohl es anders aussieht als sie. Der Schulranzen, von dem sie glaubte, die Eltern hätten ihn fürsorglich früh für sie gekauft. Nun wird ihr klar, dass er für die Schwester gedacht war. Die Erkenntnis, was es mit dem neuen Wissen bedeutet, wenn die ökonomisch immer kämpfenden Eltern stets betonen, dass sie nur ein Kind hätten ernähren und aufziehen können. „Ich wurde geboren, weil du gestorben warst, ich habe dich ersetzt.“

Das Buch

Annie Ernaux: Das andere Mädchen. A. d. Franz. v. Sonja Finck. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. 80 Seiten, 18 Euro.

Annie Ernaux denkt über die Überfürsorglichkeit der Eltern nach, und über ihren Schmerz, der sich an Annie vorbei bleiern auf die Familie legte. „Ich mache ihnen keine Vorwürfe. Die Eltern eines toten Kindes können nicht wissen, was ihr Schmerz mit dem lebenden Kind macht.“

„Das andere Mädchen“ ist keine Klage, keine noch so abgeklärte Betroffenheitsliteratur. Es ist ein beobachtendes Buch, die Zusammenfassung vieler Überlegungen, die jetzt kühl und haargenau hingeschrieben (und von Sonja Finck kühl und haargenau übersetzt) werden können. „Ich schreibe nicht, weil du gestorben bist. Du bist gestorben, damit ich schreibe, das ist ein großer Unterschied.“ Die Eltern stehen mehr im Vordergrund als Annie Ernaux selbst.

Ihre Doppelgängerin

Und obwohl sie zweifellos eine Schlüsselsituation ihrer Lebens als Schriftstellerin schildert und erklärt, als Kind sei sie überzeugt gewesen, die Doppelgängerin eines anderen Mädchens zu sein, das an einem anderen Ort lebte. „Ich glaubte, ich würde gar nicht wirklich existieren, mein Leben wäre nur das ,Schreiben‘, die Fiktion einer anderen.“ Und obwohl sie Franz Kafkas „Brief an den Vater“ nicht nur kennt, sondern auch zitiert, liegt eigentlich keine Verzweiflung über dem Text. „Wenn ich die Liste möglicher Gefühle durchgehe, finde ich keinen Begriff für das, was ich in meiner Kindheit und darüber hinaus für dich empfunden habe. Weder Hass, der kein Ziel hatte, schließlich warst du tot, noch Liebe, nichts also, was ein naher oder ferner Mensch in einem hervorrufen kann. Eine Abwesenheit von Gefühl. Etwas Neutrales, höchstens ein eifersüchtiges Misstrauen, wenn ich deine unausgesprochene Anwesenheit in Bemerkungen über ,das Grab‘ erahnte.“

Wer das „andere Mädchen“ aus dem Titel ist, hält Ernaux dabei in der Schwebe. Vielleicht ist sie es selbst. „Ich bin das andere Mädchen, diejenige, die weggegangen ist, die vor ihnen geflohen ist.“ Nur Lebende können fliehen.

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