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Annie Dillard „Einen Stein zum Sprechen bringen“: Die Erhabenheit und die Tatsächlichkeit

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Von: Sylvia Staude

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Wo das Meerwasser durch Mangrovenwurzeln und -inseln fließt, sind die Dinge am Werden.
Wo das Meerwasser durch Mangrovenwurzeln und -inseln fließt, sind die Dinge am Werden. © Imago

In ihren Essays reflektiert Annie Dillard das ganz Kleine wie gewaltig Große.

Annie Dillard, geboren 1945 in Pittsburgh, Pennsylvania, schlagartig bekannt geworden durch „Pilgrim at Tinker Creek“, das dem Nature Writing zugeordnet wurde und 1975 den Pulitzer-Preis erhielt, hat das, was sie über sich selbst mitteilen möchte, auf die Hompage anniedillard.com gestellt („bitte verwenden Sie nicht Wikipedia“, schreibt sie dazu): Es ist nicht viel, aber es spricht doch Bände. „Religion: None“ steht da, darunter nur noch „Democrat“, ehe die Stationen der Ausbildung folgen. Darunter schließt „Andere Aktivitäten“ auch Dillards ehrenamtliche Arbeit für eine Suppenküche mit ein, rund zehn Jahre lang. Gleichberechtigt steht es da zwischen, unter anderem, ihrer Arbeit an der Sprache für das „American Heritage Dictionary“ und Mentorinnentätigkeit.

Fälschlich sei „Pilgrim at Tinker Creek“ für eine Essay-Sammlung gehalten worden, schreibt sie auch, nur, weil sie altmodische Kapitelüberschriften verwendet habe. Das Buch „versucht, den Schöpfer zu beschreiben – falls es einen gibt -, indem es die Schöpfung studiert“.

Aus Essays, die genau das auch versuchen, besteht die nun in der „Naturkunden“-Reihe von Matthes & Seitz erstmals auf Deutsch erschienene, von Karen Nölle übersetzte Sammlung „Teaching a Stone to Talk“ von 1982. Beständig zoomt Annie Dillard vom ganz Kleinen aufs ganz Große, vom Detail zu ihren Füßen ins All – und wieder zurück. Es kann einem ein wenig schwindelig werden beim Lesen. Aber dann liest man nochmal, hält sich kurz fest an einzelnen Wörtern, und versteht. Manchmal vielleicht nicht vollständig, nicht bis in die Tiefe dieser Sätze, aber das macht im Grunde nichts. Sie kreisen in einem weiter, irgendwo zwischen Kopf und Bauch, und vielleicht bilden sie dabei Wurzeln, wie es Dillard in dem Essay „Zu Gast“ von Mangroven erzählt, die im Gegensatz zu anderen Baumarten im Meerwasser leben können, dort treiben können als Insel.

Ein Sämling auf einem kleinen Klumpen Dreck genügt für den Anfang, so beschreibt sie es. Luftwurzeln bilden sich, fangen Schmutzpartikel ein. „Bakterien gedeihen in der organischen Brühe; Flohkrebse bilden Schwärme. (...) Das Erdreich wird dichter, nimmt Regenwasser, faulendes Laub, Meeresmuscheln und Guano auf; die Insel wird größer.“

Und dann, nachdem Dillard vom wundersamen Wachsen der Mangroven erzählt, plötzlich ein Satz, um den die Gedanken der Leserin länger kreisen: „In leidvollen Zeiten wirkt die Unschuld der anderen Lebewesen – aus und mit denen wir uns entwickelt haben – wie Hohn.“

Das Thema, dass alles um uns, Tiere wie Pflanzen, ist, wie es ist, dass alles lebt, „wie es gedacht ist“, dass nur wir Menschentiere diese Option nicht haben, entwickelt Annie Dillard auch schon im Eingangsessay „Leben wie ein Wiesel“, dessen erster Satz lautet: „Wiesel sind wild.“ Ihrem Instinkt gemäß verbeißen sie sich in ihre Beute und lassen nicht mehr los, so dass ein Naturforscher, in dessen Hand sich ein Wiesel verbissen hatte, bis zum nächsten Wasser lief – er wollte das Tier nicht töten – und es abweichte, „wie ein widerspenstiges Etikett“. Auch das ist Dillard: Beschreibungen, Bilder, die so originell wie einleuchtend sind. Man hat es sofort vor Augen, das pitschnasse Wiesel.

Das Buch:

Annie Dillard: Einen Stein zum Sprechen bringen. A. d. Engl. von Karen Nölle. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 184 S., 24 Euro.

Im Kern des Wiesel-Essays aber geht es um die Würde des anderen Lebewesens, in dessen Augen die Autorin für einen Moment schaut – und das Tier blickt unverwandt und Gänsehaut erzeugend zurück –, es ist „die Würde eines Lebens ohne Befangenheit und Vorbedacht“. Dillard stellt sich vor, wie sie selbst „seelenruhig verwildern“ könnte, reduziert auf „gleichgültige Sinne“ – nur, dass eben ein Mensch diesen reinen Sinnes-Zustand nicht erreichen kann.

Gern kommt die Essayistin vom Hölzchen aufs Stöckchen, doch schweift sie nur scheinbar ab. „Eine Expedition zum Pol“ heißt der mit gut 30 Seiten längste Essay des Sammelbandes, darin flicht sie spielerisch ineinander: Betrachtungen zum Auftritt einer Gesangsgruppe in einer katholischen Kirche und Tatsachen zu den eisigen Polen der Erde und, unter anderem, zur Expedition Sir John Franklins auf der Suche nach der Nordwestpassage.

Es ist das Jahr 1845, als Franklin und 138 Mann lossegeln. Auf zwei Schiffen eine Bibliothek, „eine Handorgel für fünfzig Melodien, Porzellangedecke für die Offiziere und die Crew, Weinkelche aus Kristallglas und Besteck aus Sterlingsilber“. Man stach in den üblichen Uniformen der Navy in See, spezielle Kleidung hatte man keine dabei. Für die zwei Dampfmaschinen gab es einen Kohlevorrat für zwölf Tage.

Dillard kommentiert das nicht, aber die heutige Leserin versteht trotzdem, dass der tragische Ausgang der Expedition angesichts einer so unbedarften, so herzzerreißend naiven Planung unausweichlich war. Später fanden Suchmannschaften Skelette und in deren Nähe Schokolade, Tee und „eine große Menge Silberbesteck“. Aber wichtig ist es der Essayistin, von der Würde der Männer im Angesicht des Todes zu erzählen, von Versuchen, sich selbst zu opfern, um die anderen zu retten. Und wieder destilliert sie aus den Fakten diverser Expeditionen in die Kälte Überlegungen zum Allgemeinen. „Wo immer wir hinwollen, scheint es nur um Eines zu gehen: den gangbaren Kompromiss zwischen der Erhabenheit unserer Vorstellungen und der Absurdität unserer Tatsächlichkeit.“ Sie hofft, dass Gott angesichts unserer Erdenzappeleien die Macht hat, „sich das Lachen zu verkneifen“. – Ein Gott, der uns wenigstens nicht auch noch auslacht, das ist eine durchaus schöne Vorstellung.

Annie Dillard schreibt über unglaubliche Bäume auf den Galapagosinseln. Über die Umweltverwüstung des Konzerns Texaco in Ecuador. Schreibt mit Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst über das Sterben eines kleinen gefesselten Hirschs, dem sie zusieht, das sie nicht wenigstens zu beschleunigen versucht. Über das physikalische Phänomen der Trugbilder, die zum Beispiel ein Schiff auf dem Meer scheinbar schweben lassen. Über die große, bewegende Stille auf einem simplen Feld.

Den 26. Februar 1979 verbringt sie in Zentral-Washington, auf einem Bergpass, um die totale Sonnenfinsternis zu verfolgen. Wiederum beschreibt sie ihre Wahrnehmung, präzise, den erschreckenden Verlust aller Farben, das Verstummen der Tiere. Wiederum reflektiert sie ihre Wahrnehmung und warum diese von Bedeutung ist. „Alles, wofür wir keine Worte haben, geht verloren“, fasst sie zusammen, nachdem das Schauspiel in Minuten vorbei ist, nachdem alles, Vögel wie Farben, zurückkehrt zum Normalzustand. Der ihr Herz, sie gibt es zu, froh macht: „Man wendet sich selbst von der himmlischen Herrlichkeit zuletzt mit einem erleichterten Seufzen ab.“

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