feu_weber_011020
+
Anne Weber, hier vor der Shortlist-Lesung im Frankfurter Literaturhaus.

Deutscher Buchpreis

Träume sind zäh

Vom Widerstehen: Anne Webers hochgestimmter, aber nicht illusionäres Buch „Annette, ein Heldinnenepos“.

Ironie eines Literaturjahres: Während sich die Erzählerin in Monika Marons „Artur Lanz“ nach Helden und Heldentum und darum bis zurück zu den Rittern sehnt – und das tut sie recht vorwurfsvoll gegen die unheldischen Zeiten von heute –, hat Anne Weber kurzerhand ein „Heldinnenepos“ geschrieben. Und obwohl es darin an Ironie und sogar Leichtsinn nicht fehlt, so ist der Begriff „Heldinnenepos“ selbst doch nicht distanzierend oder womöglich spöttisch gemeint. Im Gegenteil. Er ist ein adäquater, von der Virtuosin Weber mit Bedacht probierter und gewählter literarischer Weg.

„Annette, ein Heldinnenepos“ ist in Versen erzählt, reimlosen und eher grafisch angedeuteten Versen, die aber den Leserhythmus beeinflussen, der einzelnen Zeile und Wendung mehr Wert und Klang geben und dem Text etwas Hehres. Dabei verzichtet Weber nicht darauf, die ihr eigenen Späße und Lässigkeiten einzuarbeiten, hier ein „okay, okay“, dort die Erkenntnis: „oft hört sich das Ganze eigentlich ganz lustig an“, und das gilt für die Abenteuer der Heldin wie für das Epos selbst. Dass das Gewitzte das Aussprechen der Dinge erleichtert: nichts Neues, aber auch nichts Banales.

Jedenfalls: Während Marons Erzählerin heldische Frauen irgendwie nicht vorsieht, bemisst sich das Heldentum in Webers Heldinnenepos – und da hätte Marons Erzählerin kaum widersprochen – an ihren Taten. Heldinnentaten, die auch von Helden vollbracht worden sind, aber hier eben von einer Frau.

Es geht um die Französin Anne Beaumanoir, genannt Annette, Jahrgang 1923, in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt, in Deutschland wenig bekannt. Ihre zweibändige Autobiografie ist auf Deutsch inzwischen 2019/20 erschienen (Edition Contra-Bass). Anne-Annette, lernen wir aber nun zuerst bei Anne Weber, wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie liest Arthur Koestler und bringt ihrer Großmutter die Anfänge des Schreibens bei. Als 19-Jährige schließt sie sich den Kommunisten und der Résistance an. Die Deutschen sind einmarschiert, auch wenn Annette nicht gerne sagt: „die Deutschen“. Es gibt solche und solche, weiß sie. Es gibt auch solche und solche Franzosen.

Das Buch:

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 208 Seiten, 22 Euro.

Anne Weber beschreibt, wie Heldentum, wie der Widerstand gegen das Böse entsteht. Man muss sich daran gewöhnen, denn „wie das meiste / ist auch das Widerstehen anders, als man es sich / denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss, / kein klarer, sondern ein unmerklich langsames / Hineingeraten in etwas, wovon man / keine Ahnung hat. Das Erste, dem / zu widerstehen gilt, das ist man selbst. / Der eigenen Angst.“

Annette stellt sich aber schnell darauf ein. Schon geht es nicht nur darum (was heißt hier aber „nur“), Plakate zu kleben oder Flugblätter unter die Leute zu bringen. Juden in einer Dachkammer brauchen ein neues Versteck. Annette beschämt uns wie jede echte Heldin, weil sie nicht zögert zu retten, wen sie retten kann. Anne Weber zeigt die ängstliche Frau mit dem Baby, den Mann mit den beiden Kindern. Der Mann schaut Annette an. „Er fragt sich wohl, wer dieses fremde Mädchen sei, / das aus dem Nichts auftaucht und ohne Grund / oder nur aus dem einen, dass sie ein Mensch ist / und sie auch Menschen, sie alle retten will.“ Parallelen zu Geflüchteten heute entgehen Weber nicht. Sie appelliert nicht, sie macht aufmerksam.

Annette kann nicht alle retten, aber die beiden Kinder. Sie werden wirklich gerettet und später für Annette aussagen, als es um einen anderen, aber verwandten Fall geht. Denn nach dem Krieg – „Ärztin, Neurophysiologin, Mutter von zwei / Söhnen wird Annette nebenbei“ und ist immer noch sehr jung – gibt es etwas in Annette, das unruhig wird. Sie will etwas tun. Was sucht sie? Was will sie sein? Was wäre ihr Traumberuf? „Abenteurer? Umstürzler? Barrikadenkämpfer? / Es kommen einem nur Berufe in den Sinn, die männlich und die / zudem gar keine Berufe sind.“

Durch einen Urlaub wird Annette mit der Situation in Algerien konfrontiert. In der zweiten Hälfte des Buchs, aber immer noch in der ersten Hälfte ihres Lebens engagiert sie sich für die Unabhängigkeitsbewegung, für die FLN. „Ist dieses Ziel es wert, sich dafür / aufzuopfern? Noch einmal antwortet Annette mit: Ja. / Einige Augen muss sie dabei schließen, das Auge / beispielsweise, das die zerfetzten Kinder sehen kann, / die bei Anschlägen in Bars und Tramways in Algier / und woanders sterben.“

Annette wird dadurch nicht zu einer gebrochenen Heldin. Sie ist nicht fanatisch, aber stabil, wie es sich für eine Heldin gehört. Aber Anne Weber oder die Erzählerin melden jene Zweifel an, die eine Heldin nicht hat. Nur gelegentlich und kurz hat. „Träume sind zäh“ , und obwohl sich Annette keine Illusionen macht, kann sie vieles in Kopf und Leben unterbringen.

Die Erzählerin kommentiert also manches. Sie schreibt auch Grabsteine auf das Papier, sie weint auch um die und mit den Verlorenen, den seinerseits weinenden Vater, der sich von seinen Kindern getrennt hat, um wenigstens sie zu retten. Und sie tritt nachher als „große, ernste Deutsche“ – seit Jahrzehnten lebt Weber in Frankreich – selbst aus den Kulissen und lernt die erzählende Annette kennen. Trotzdem bleibt sie inkognito, wie es sich im Mittelalter für ein Epos gehört hätte, das ja kein Roman ist. Trotzdem ist Anne Weber damit unter den letzten sechs für den Deutschen Buchpreis, eine nicht nur plausible, sondern würdige Entscheidung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare