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Wohl niemand hält sich in Baltimore so penibel an die Verkehrsregeln wie Anne Tylers Hauptfigur.

Roman

Anne Tyler: „Der Sinn des Ganzen“ – Der Korrekte

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Anne Tyler, Meisterin der Alltagsschilderung, erzählt in „Der Sinn des Ganzen“ von einem furchtbar pingeligen Mann.

Vielleicht fordert Anne Tyler sich auch selbst heraus mit dem allerersten Satz ihres neuen Romans: „Man wüsste wirklich gern, was im Kopf eines Mannes wie Micah Mortimer vor sich geht.“ Denn im Folgenden erzählt sie von einem Mann, der so unauffällig, so wenig bemerkenswert ist, dass Nachbarn ihn kaum ausreichend beschreiben könnten, würde er einmal wegen etwas Unerhörtem etwa von der Polizei gesucht. Allerdings: Micah Mortimer tut nichts Unerhörtes. Noch nicht einmal etwas, das mit einem kleinen Bußgeld bestraft würde. Anne Tylers Kunst besteht nun in dem schmalen, in dieser Woche erschienenen Roman „Der Sinn des Ganzen“ darin, dass die Leserin tatsächlich gern wüsste, was im Kopf eines lediglich im Peniblen und Akkuraten überdurchschnittlichen Mannes wie Micah Mortimer vor sich geht, obwohl sie den Verdacht hat, sie würde ihn im wahren Leben schrecklich uninteressant finden.

Also: Micah ist Anfang 40, wohnt im Norden Baltimores, fährt einen Kia, an dem er das Magnetschild „TECH EREMIT“ befestigt, wenn er dienstlich unterwegs ist. Dienstlich bedeutet selbstständig, denn Micah Mortimer ist der einzige „Tech-Einsiedler“ seiner kleinen Firma, er kümmert sich um störrische Computer, Modems, Router, Kabelverbindungen. Im Nebenjob ist er Hausmeister in dem Mietshaus, in dem er wohnt. Als Hausmeister muss er ein Traum sein: pünktlich, zuverlässig, korrekt. Als Partner – von Cass, Lehrerin, die freilich nicht bei ihm wohnt –, reicht es ihm, wenn er „keinen Grund zum Unglücklichsein“ hat. Und den hat er nicht (wie er findet), da die Beziehung „eingespielt“ und Cass „im Großen und Ganzen (...) eine vernünftige Frau“ ist. Dies und dazu feste Gewohnheiten sind etwas, das Micah Mortimer wirklich zu schätzen weiß.

Jeden Morgen um Viertel nach sieben geht er joggen. Er hat seinen Staubsaugertag und seinen Küchenputztag. Und im wöchentlichen Turnus wischt er einen der Küchenschränke aus. Es würde ihn beunruhigen, wenn er sehen könnte, wie nachher alles sauber(er) ist, denn das würde bedeuten, dass er vorher nachlässig war. Er hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, drängelt selbstverständlich nicht und blinkt „ausnahmslos immer, sogar auf seinem eigenen Parkplatz“. Er stellt sich nämlich, da wird’s ein bisschen bedenklich, einen Verkehrsgott vor, der anerkennt, dass er beim Fahren „einwandfreie Manieren“ hat.

Das Buch

Anne Tyler: Der Sinn des Ganzen. Roman. A. d. Engl. von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Zürich 2020. 224 S., 22 Euro.

Doch, ein wenig macht Anne Tyler sich auch lustig über Micah Mortimer. Aber sie ist verständnis-, fast liebevoll dabei. Micah ist auch keineswegs der übliche Computer-Nerd, über den es inzwischen haufenweise Witze gibt. Dazu ist er viel zu praktisch veranlagt in allen Dingen, die Handarbeit verlangen. Nicht praktisch, oder besser: nicht aufmerksam veranlagt dagegen ist er in Beziehungsdingen. Manchmal dämmert ihm das sogar. Dann kommt es ihm vor, „als würde er einen Greifer bedienen, einen dieser Spielzeugautomaten an Strandpromenaden, mit denen man einen Preis zu grapschen versuchte, was jedoch fast nie gelang, weil sich die Kralle nur ungenau bewegen ließ und man viel zu weit weg stand.“

Der höfliche Micah Mortimer steht, was seine sozialen Kontakte betrifft, zweifellos viel zu weit weg. Nicht nur von Cass, so dass sie ihn kalt, eiskalt erwischt, als sie sich von ihm trennt. Auch in seiner Familie ist er der Onkel, über dessen Pingeligkeit man freundlich spottet, wenn er es hören kann, hinter dessen Rücken man die Augen verdreht. Hat er versucht, Cass anzurufen, sich mit ihr auszusprechen? Ach – Micah ist schon auch der unentschlossene, etwas mutlose Ach-Typ –, das hat doch keinen Sinn.

Anne Tyler lässt einen jungen Mann Bewegung in sein Leben bringen. Der schnöselige Brink (engl. die Kante) steht plötzlich vor Micahs Tür, weil er meint, dieser sei sein leiblicher Vater. Zwar scheint er dessen gegenteiligen Beteuerungen zu glauben, quartiert sich trotzdem erstmal ein.

Es werden keine spektakulären Enthüllungen und Vorkommnisse folgen. Tyler, meisterhafte Beobachterin des Alltags, hält den Ball weiterhin dicht über dem Boden. Micah Mortimer verlässt seine Wohnung mal durch den Vorder-, mal durch den Hinterausgang (beide Wege sind einem bald vertraut), fährt im Kia zu einem Kunden, befestigt im Bad der krebskranken Luella Carter Haltegriffe und sorgt dafür, dass sie sie nicht bezahlen muss. Er ist als literarische Figur unspektakulär – aber langweilig ist er nicht. Denn Tyler lässt ihn nicht nur überkorrekt, sondern fast rührend und auf eine altmodische Art anständig sein. Anständig auch in den Augenblicken, in denen es ihm eigentlich nicht in den Tagesablauf passt. Und das will bei einem Pedanten und Gewohnheitstier wie Micah Mortimer etwas heißen.

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