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Anne Tyler: „Eine gemeinsame Sache“ – Alles ist nicht wie immer

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Von: Sylvia Staude

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Anne Tyler im März dieses Jahres.
Anne Tyler im März dieses Jahres. © IMAGO/ZUMA Wire

Der behutsame Familienroman „Eine gemeinsame Sache“ von Anne Tyler.

Als die Kinder aus dem Haus sind, versucht Mercy, ein wenig eigenes Geld zu verdienen, indem sie Porträts von Häusern malt. Aber nicht etwa Ansichten von außen, von vorne, der Straße aus, wie man es erwarten könnte. In jedem Haus möchte sie den ganz besonderen, gleichzeitig charakteristischen Ausschnitt finden. „Für ihr Porträt des Shepard’schen Hauses wählte Mercy die obere Diele und legte das Hauptaugenmerk auf die Standuhr, die ihren Platz zwischen zwei Schlafzimmertüren gefunden hatte.“ Sie bemerkt, dass jemand am Fuß des Gehäuses der von den Shepards in einem Antiquitätenladen gekauften Uhr Initialen ins Holz geritzt hatte. „Natürlich bezog Mercy die Buchstaben in ihr Porträt ein.“ Ihren Kunden fällt das gar nicht auf. Oder jedenfalls sagen sie nichts zum fertigen Bild, als dass es ihnen gefällt.

Anne Tyler, geboren 1941 in Minneapolis, Minnesota, ist eine schreibende Mercy. Bestimmt hat sie im Leben ihrer Figuren erstmal in alle Ecken geschaut – so fühlt es sich jedenfalls an, als wisse sie genau, was diese Figuren machen in der Zeit, in der sie nicht auftreten in ihrem Roman. Sorgfältig hat sie dann ausgesucht, was uns mit ihnen bekannt machen soll. Es sind unspektakuläre, alltägliche Dinge. Der Moment in einer Beziehung, als diese schon leicht ranzig wird. Ein Familienessen. Ein Besuch der Enkelin. Eine Bahnfahrt. Ein Tod – wie auch nicht, der Tod gehört dazu.

Und eine Pandemie, die schließlich ganz selbstverständlich in einem Jahrzehnte überspannenden Buch auftaucht, das auch im Original (betitelt „French Braid“) erst in diesem Jahr erschienen ist, in Übersetzung nun als „Eine gemeinsame Sache“. Mercy, die Malerin, die sich lange mit der traditionellen Hausfrauenrolle begnügte, will mehr, als David, der Jüngste, das Studium beginnt. „Du musst nicht wirklich arbeiten gehen“, sagt Mercys Mann Robin. Könnte sein, sagt sie vorsichtig, dass sie nun ab und zu auch im Atelier übernachten wird, so im Eifer der Arbeit und damit sie nicht im Dunkeln nach Hause gehen muss. „Mercy“, fragt Robin, „verlässt du mich?“ Nein, beteuert sie, aber zwischen den Zeilen steht anderes, steht bei Anne Tyler sehr oft anderes. Mercy verlässt ihren Mann, Schritt für winzigen Schritt: „denn das Problem war, dass er nichts, überhaupt nichts verstand. Er hatte keinen blassen Schimmer.“ Beide werden nie darüber reden, nicht den Kindern gegenüber, nicht einmal untereinander.

Das Buch

Anne Tyler: Eine gemeinsame Sache. Roman. A. d. Engl. von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Zürich, Berlin 2022. 352 S., 26 Euro.

Und es spricht sie auch niemand darauf an. „War es wirklich so leicht, anderen einzureden, alles wäre wie immer?“ Jedenfalls wohl in einer Familie, die nur noch wenig miteinander zu tun hat, die sich selten trifft. Und in der niemand Mercy (oder Robin) fragt, was los ist, in der man 1990 ihre Goldene Hochzeit feiert, als wäre in diesen Ehejahren gar nichts geschehen. (Viel später, Mercy und Robin sind schon tot, werden alle so tun, als wüssten sie nicht, dass Eddie schwul ist.)

Eines Tages bringt David die ältere und dunkelhäutige Greta zum „Osteressen“ der Familie mit. Alle sind aufmerksam und zuvorkommend – und durch und durch verkrampft. Anne Tyler, die sorgfältige Beobachterin und zart ironische Formuliererin, beschreibt das Essen und die Tischgespräche als „Darbietung“. Und die Leserin erinnert sich an Familiengeburtstage, wo Gastgeber und Gäste sich ähnlich umtänzelten.

Manchmal ist Anne Tyler eine Spur boshaft – aber bösartig ist sie nie. Und da sie auch diskret ist, könnten ihre Familien auch nebenan wohnen. Hin und wieder würden wir sie durchs Fenster beobachten, plötzlich verstehen, was da passiert, über anderes rätseln. Entspannt erzählt die amerikanische Schriftstellerin vom ganz normalen, durchschnittlichen Leben in einem wohlhabenden westlichen Land.

Zuletzt ist es, wie erwähnt, 2020 und Pandemiezeit. Davids Lehrveranstaltungen finden nur noch via Zoom statt – und weil er damit nicht gut zurecht kommt, scheidet er früher aus dem Schuldienst aus, als er eigentlich wollte. Immerhin kündigt sich Sohn Nicholas mit Enkel Benny an, für länger, denn Juana arbeitet in New York in einem Krankenhaus und hat sowieso keine Zeit mehr für ihre Familie. Nicholas besteht darauf, mit Benny zwei Wochen in Quarantäne zu gehen, ehe sie anreisen, denn sind seine Eltern nicht „Risikogruppe“? Die haben sich inzwischen, „erschreckend leicht“, an den Wegfall ihres Soziallebens gewöhnt.

Anne Tylers Romane locken nicht mit einer fremden, exotischen Welt. Nicht mit Dramatik. Und weit und breit ist keine große Tragödie in Sicht. Man liest über andere, aber eigentlich über sich selbst und Menschen, die man kennt – beziehungsweise zu kennen glaubt. Hier werden sie durchschaut.

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