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Anne Duden bei einer Lesung 2019.
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Anne Duden bei einer Lesung 2019.

Anne Duden zum 80.

Anne Duden wird 80: Stolpernde Herzen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die die Lava aus unser aller Gestein heraustreten ließ. Zum 80. Geburtstag von Anne Duden.

Der erste Satz des ersten Buches, das ich von Anne Duden las, lautete: „Ich bin ständig auf der Flucht vor anderen Menschen. Sie haben nur eins im Sinn: mich auszubeuten oder umzubringen“ („Übergang“, 1982). Das war nicht meine Erfahrung, aber es war das Bild, das auch ich mir gemacht hatte von der Gesellschaft, in die wir hineingeboren waren.

Gewalt und Zerstörung sind sicher die großen Themen von Anne Dudens Prosa, Gedichten und Essays. Die Grenzen zwischen den Genres schmelzte sie immer wieder auf. Ich las sie begeistert. Denn auch in ihre Texte schlug die Gewalt ein. Manchmal merkte ich es erst Sätze später. So kühl waren ihre Beschreibungen und so genau. In dem Buch mit dem bewundernswerten Titel „Der wunde Punkt im Alphabet“ (Berlin 1995) beginnt ein Text mit diesem Satz: „Selbst beim besten Willen lässt sich nicht mehr übersehen, dass das Leben schön geworden ist.“ Und so endet er nach wenigen Seiten: „Bald kann auch noch das letzte Fleckchen Erde luft- und wasserdicht zugedeckt werden, so dass die Autos schlussendlich mit der schon lange angestrebten Totalgeschwindigkeit in alle Richtungen über alles – auch die letzten stolpernden Herzen und geöffneten Augen – hinwegflitzen können.“

Gewalt, es geht um Gewalt

Die stolpernden Herzen und die geöffneten Augen treffen den Leser als Pfeile einer wahren Empfindung mitten in einem Satz, wie wir alle sie damals schrieben. Aber aus Anne Dudens versteinerten Sätzen brach immer wieder eine ihr ganz eigene Lava hervor. Sie erinnerten Leserinnen und Leser an die die Gesellschaft bestimmende Gewalt und zugleich brachen sie sie auf, indem sie uns hellhörig machte für sie.

Anne Duden, am 1. Januar 1942 in Oldenburg geboren, lebte als Kind im Harz, 1953 siedelte die Familie um in die Bundesrepublik. Später arbeitete sie in Berlin im Wagenbach-Verlag, gehörte dann zu den Gründerinnen des Rotbuch-Verlages. Seit 1978, sagt Wikipedia, lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin und London. Es gibt einen kleine Aufsatz von ihr über ihre Heimaten und die Unmöglichkeit für sie, nur eine einzige zu nennen. Man riskiert sich aufzugeben, wenn man alles auf eine einzige Karte setzt. So lese ich das.

„Mitten im Totschlag betritt Geißblatt das Haus“, heißt es in einem ihrer Gedichte. Ich vermisse ihre Lava, die sie aus unser aller Gestein hinaustreten ließ. Aber ich habe einen Verdacht, warum sie kaum noch etwas schreibt. In einem Vortrag, den sie im Mai 2001 in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel schrieb, erklärte sie: „das, was ich niederschreibend festzuhalten und aufzuheben meinte, hat mir, und ich erkannte das erst vor kurzem, endgültig den Boden entzogen.“ Das Aufschreiben bewahrt nicht, sondern es besiegelt das Verschwinden. Auch die Kunst, auch die Autorin, so ihre späte Einsicht, versiegelt den Boden und rast über „die letzten stolpernden Herzen und geöffneten Augen“ hinweg. Es gibt kein Entkommen.

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