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Anne Boyer schreibt in „Die Unsterblichen“ ohne Schonung und Milde über ihre Krebserkrankung. Foto: Cara LeFebvre
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Anne Boyer schreibt in „Die Unsterblichen“ ohne Schonung und Milde über ihre Krebserkrankung.

Anne Boyer über Krebs

Anne Boyer: „Die Unsterblichen“ – Dehnübungen in die Schmerzzone

  • Christina Lenz
    VonChristina Lenz
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Der intensive und auch wütende Essay „Die Unsterblichen“: Die US-amerikanische Lyrikerin Anne Boyer setzt sich angesichts ihrer eigenen Krebserkrankung mit körperlichem Leiden und Kapitalismus auseinander.

Literatur wagt sich gerne in Zonen extremer Erfahrung. Dahin, wo die Alltagssprache oft nicht mehr hinreicht und gängige Phrasen versagen. In „Die Unsterblichen“ geht es um intensive Schmerzerfahrungen, welche die amerikanische Autorin Anne Boyer am eigenen Körper ertragen musste: Denn 2014 wurde bei der damals 41-Jährigen ein hoch aggressiver Brustkrebs diagnostiziert. Die Erfahrung von Schmerz und Verlust, die sie während ihrer Chemotherapien und Operationen erlebte, beschreibt Boyer mit ungewöhnlichen Sätzen: „Es gibt den Zustand, sich wie eine Stadt zu fühlen, die für ihre Ruinen berühmt ist.“ Oder: „Ich fühle mich wie eine Schlange auf einem Pfad im gesprenkeltem Sonnenlicht, die sich bei genauerem Hinsehen nur als abgeworfene Schlangenhaut entpuppt.“ Dank solch kühner Sprachbilder werden vermeintlich unsagbare Erfahrungen des Krankseins zu Literatur. Wohl auch deswegen gewann die Autorin 2020 den Pulitzer-Preis.

Diesseits der Angst

Dass beim Schreiben über eine Krebserkrankung etliche Gefahren lauern, weiß Boyer: Dazu gehören Voyeurismus, Rührseligkeit, Klischees, Schönfärberei oder „Pathopornografie“. Krankheiten dienen oft auch als schnittiger Plot für eine leicht konsumierbare Überlebensgeschichte. Aus solchen Texten, moniert Boyer, ist oft „jegliche Geschichte wegdesinfiziert“, und in ihnen zeigt sich „keinerlei Spur eines Leidens“ mehr.

Dieser dienstwilligen Art des Erzählens weicht Boyer konsequent aus und setzt ihr eine eklektische Mischung aus Tagebuch, politisch-philosophischem Essay und literaturhistorischer Untersuchung entgegen. Das schreibende Ich zeigt sich ungeschönt, die Sprache – aufgebrochen von Erschöpfung, Schmerz und Angst – gerät immer wieder aus der Fassung.

Damit ist Boyers Text zwar oft sprunghaft und alles andere als gefällig (die Übersetzung ins Deutsche dürfte höchst anspruchsvoll gewesen sein). Doch erreicht die Autorin gerade damit ihr vielleicht höchstes Ziel: Keine „Geschichte des Überlebens zu erzählen, ganz im Sinne des neoliberalen Selbstmanagements“, keine „Lüge im Dienst der bestehenden Verhältnisse“ zu verfassen, und „lieber gar nichts schreiben, als Propaganda zu betreiben für die Welt, wie sie ist“.

Das Buch

Anne Boyer: Die Unsterblichen. Krankheit, Körper, Kapitalismus. A. d. Engl. v. Daniela Seel. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 279 S., 25 Euro.

Dafür arbeitet die Autorin die vielen Schwächen, Grausamkeiten und Widersprüche des gegenwärtigen Kapitalismus heraus. Dieses Unternehmen gehört zu einer der größten Stärken des Buchs, denn Boyer widersteht damit dem allgegenwärtigen Druck, der auf vielen Kranken lastet: Sei dankbar, bleibe positiv – nur so unterstützt du deine Heilung.

Was ihre Kasse nicht zahlt

Boyer schreibt stattdessen über Schmerzen und Einsamkeit, über Enttäuschung und Erschöpfung und über ein kapitalistisches Medizinuniversum, in dem sich Körper „ständig um Profit drehen müssen“. So wird aus Kostengründen Boyer nach einer beidseitigen Brustamputation kein Aufenthalt im Krankenhaus bezahlt. Die Autorin erlebt einen „institutionalisierten Rassismus“ in der Medizin und ein Gesundheitssystem, das Fürsorge ins Private verlagert und damit alle Kranken, die außerhalb von Ehe und Familie leben, benachteiligt.

Dies alles beweist die alleinerziehende Mutter bis in die Sterblichkeitsstatistiken, nach denen Alleinstehende, Frauen, Schwarze und Menschen aus armen Stadtteilen überdurchschnittlich oft an Krebs sterben. Wütend erzählt sie, wie sie sich nur wenige Tage nach ihrer schweren Operation „von Schmerzen und Verlust noch halb im Delirium und mit Drainagebeutel am engen Kompressionsverband“ in einen Seminarraum schleppen und einen dreistündigen Vortrag halten muss, weil ihre Krankentage ausgeschöpft sind.

Boyer beleuchtet auch eine moderne Medizin, die Körper „zu Daten verwandelt“ und Empfindungen als „Feind der Quantifizierung“ ausspart. Fast so, als suche sie inmitten dieser Welt aus Information und Positivität ein geistiges Gegengewicht, verwebt sie ihre eigene Stimme immer wieder mit den literarischen Stimmen anderer Autorinnen und Autoren – vom griechischen Rhetor Aelius Aristides über den englischen Dichter John Donne bis hin zu Kolleginnen, die ebenfalls an Brustkrebs erkrankten wie Susan Sontag, Audre Lorde, Kathy Acker und diverse Bloggerinnen.

Mit ihnen und gegen sie lotet Boyer komplexe Facetten des Krankseins aus und beschwört ambivalente Zustände zwischen übermächtiger Statistik und fehlender Nähe, omnipotenten Bildschirmen und der Blindheit gegenüber dem individuellen Erleben, einer scheinbar hochmodernen Medizin und doch seit Jahrzehnten kaum veränderten Chemotherapiemedikamenten – darunter Senfgas, das schon im Ersten Weltkrieg als chemische Kriegswaffe diente.

Ähnlich wie 1978 Susan Sontag in ihrem Essay „Krankheit als Metapher“ entlarvt Boyer auf diese Weise die ideologischen Schablonen, durch die wir auf Krankheit blicken, und weist überzeugend nach: „Krankheit ist nie wertfrei. Behandlung nie nicht-ideologisch. Sterblichkeit nie ohne eine ihr eigene Politik.“

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