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Anna Yeliz Schentke „Kangal“: Über Dilek, Tekin und Ayla

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Von: Judith von Sternburg

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Anna Yeliz Schentke.
Anna Yeliz Schentke. Foto: Robert Schittko © Robert Schittko

„Kangal“, der hochpolitische Debütroman von Anna Yeliz Schentke, erzählt von Menschen zwischen Istanbul und Frankfurt

Das ist ein sehr ökonomisches Buch über eine hochbrisante politische Gemengelage, und trotzdem hat es die Autorin geschafft, nicht einen Leitartikel in Romanform zu schreiben, sondern spannende Literatur. Es gibt viele Gründe, sich bei der Lektüre zu schämen – für die Stereotype, denen man anhängt, die Klischees, denen man selbst entspricht, die eigene Ignoranz, die nicht kleiner ist als die der anderen –, und trotzdem kommt „Kangal“ ohne den unbeliebten erhobenen Zeigefinger aus.

Das hängt vermutlich damit zusammen, dass Anna Yeliz Schentke die Kompliziertheit der Situation respektiert und die verschiedenen Perspektiven nebeneinander stehen lässt. Subjektiv fühlt sich jeder im Recht, und objektiv stecken alle in irgendeiner Klemme. Schentke folgt in ihrem Romandebüt einer literarisch einfachen und effektvollen Schnitttechnik, in kurzen Kapiteln kommen in einer dichten Perlenkette immer wieder drei Menschen zu Wort, nur zwei davon treffen im Zeitraum der Handlung direkt aufeinander. Letztlich hängen sie aber alle drei ihren eigenen Gedanken nach – individuell genug und zugleich exemplarisch.

Dilek verlässt Istanbul fluchtartig, wo sie sich offenbar seit den Gezi-Park-Protesten 2013 und erst recht nach dem Putsch 2016 mit anderen jungen Menschen im Widerstand gegen den wachsenden Druck des Regimes von Präsident Erdogan engagiert, den sie nur Ismi lazim degil (Kein Name erforderlich) nennen. „Es konnte nicht die Lösung sein, dass sich nur die wehren, die nicht mehr anders können“, stellt sie einmal fest, „wir mussten es alle gemeinsam machen.“ Sie nutzt den Internetdecknamen Kangal1210, hat aber trotzdem Grund, sich verfolgt zu fühlen und mit einer Festnahme zu rechnen. Ist sie auch ein bisschen paranoid? Den Gedanken hatte sie selbst auch schon.

Tekin, ihr Freund, den sie in ihren Fluchtplan sicherheitshalber nicht eingeweiht hat, kann die unmittelbare Gefahr für Dilek nicht einschätzen, will sie aber auch auf keinen Fall unterschätzen: „Hier wurden die Menschen lange dazu erzogen, ihre Nachbarn zu kontrollieren. Die braven Bürger wollen ihre Ruhe, und die anderen sind von der Sache überzeugt. Dieses Land war schon immer kaputt und es war schon immer gefährlich. Vielleicht nicht immer für mich, nicht immer für Dilek.“ Gefährlich aber für die lesbische Hilal, der Schläger nach einem Kneipenbesuch ein Auge aushauen. Gefährlich aber für den Kurden Baran, dessen Heimatstadt bombardiert worden ist (Dilek fragt sich: Wo sind wir damals eigentlich gewesen?).

Dilek nimmt einen Flug nach Frankfurt, wo ihre Cousine Ayla lebt – bis sich ihre beiden Mütter über politische Fragen zerstritten, verbrachten sie die Ferien zusammen in der Türkei. Aylas konservative Eltern haben daran zu knabbern, dass sie studieren will, mehr noch daran, dass sie mit ihrem Verlobten Schluss gemacht hat. „Aber Anne, er war nicht gut, er hat mich geschlagen“, sagt sie zur Mutter. „Ich war nicht dabei“, sagt die Mutter. „Du bist bei nichts dabei gewesen, Anne“, sagt Ayla, die eine Zweifrontenauseinandersetzung führt, denn „für Deutsche bin ich ein Klischee, weil mich mein türkischer Verlobter geschlagen hat ...“.

Das Buch:

Anna Yeliz Schentke: Kangal. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2022. 205 Seiten, 21 Euro.

Während die Türkei für Ayla eine süße Kindheitserinnerung ist – grandios die Schilderung eines Friseurbesuchs –, ist Deutschland für Dilek die Heimstätte der treuesten Erdogan-Anhängerschaft. Paradox: „Von den Deutschen, die einen türkischen Pass haben und zur Wahl gegangen sind, haben 63 für Ismi lazim degil gestimmt. ... Das sind die Leute, wegen denen ich gehen musste.“

Präzision und Geradlinigkeit prägen das Buch, wobei sich die verschiedenen Gedankengänge und Situationen auch virtuos verweben. Zumindest für die, die „Kangal“ nun lesen können, wird das Schweigen durchbrochen, die Ignoranz scharf angeleuchtet, die komplizierte Verstrickung offenbar. Ayla erklärt: „Mein Name ist wie ein Hund, mit ihm findest du hier keine Wohnung“, und das „hier“ ist Deutschland und Frankfurt, wo Schentke 1990 geboren wurde und wo man sich einiges auf seine Weltoffenheit einbildet. Selbst Aylas Eltern treffen einen Punkt, wenn sie betonen, ihr Leben in Deutschland bringe schon genug Probleme. „Gehst du in die Moschee, bist du Terrorist.“

Für Ayla ist es verblüffend, dass Dilek in der Türkei mit einem Mann zusammen, aber nicht verlobt ist. „Anne hat immer gesagt, dass wir nie unsere Herkunft vergessen dürften und hier so leben sollten, wie man es in der Türkei mache. ,Warum sind wir dann hier?‘, habe ich sie immer gefragt.“ Ihre Freundin Melek wiederum hat den Eindruck, dass die Türken in Deutschland „so schlimm“ sind, dass es in der Türkei sicher besser sei. Dilek kann nur den Kopf schütteln.

Privater, gesellschaftlicher und politischer Druck, eine fatale Verbindung. Dileks Netzname Kangal ist der Name eines robusten türkischen Hirtenhundes, der es mit Wölfen aufnimmt. Der Pathos der Wehrhaftigkeit wird aber lediglich berührt. „Kangal“ ruft vor allem dazu auf – und zwar alle, die das Buch lesen können –, zivile Minimalverantwortung zu übernehmen: die Wahrheit wenigstens zu suchen – Ayla ist mit Blick auf die Türkei fast unwahrscheinlich unterinformiert –, die Augen wenigstens aufzumachen, wenigstens zuzuhören, wenn andere etwas erzählen, oder zu lesen, wenn andere etwas schreiben.

Denn vieles bleibt zwar offen in diesem ungemütlichen Roman, der es mit guten Grünen auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. Offen bleibt sogar, wer im Einzelnen jeweils recht haben mag. Nicht offen bleibt, dass es gleichwohl Wahrheiten, Tatsachen gibt. Und Lügen gibt es auch.

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