Im März 1941 kann die Schriftstellerin Anna Seghers mit ihrer Familie nach Mexiko-Stadt auswandern. Ein Jahr später erscheint „Das siebte Kreuz“.
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Im März 1941 kann die Schriftstellerin Anna Seghers mit ihrer Familie nach Mexiko-Stadt auswandern. Ein Jahr später erscheint „Das siebte Kreuz“.

Anna Seghers’ Jahre im Exil

Die Farben in der Luft von Mexiko

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Monika Melchert schildert Anna Seghers’ Jahre im lateinamerikanischen Exil.

Das Drama des Exils führte die Schriftstellerin Anna Seghers auf den Gipfel ihres künstlerischen Schaffens. Die Jüdin und Kommunistin musste mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Februar 1933 vor den Schergen des Hitlerregimes zunächst nach Frankreich und mit der Besetzung des Nachbarlandes durch die Wehrmacht 1940 an die rettenden Ufer Mexikos fliehen. Während ihrer Pariser Zeit schrieb sie den Roman „Das siebte Kreuz“, in Mexiko vollendete sie die Flüchtlingsgeschichte „Transit“. Beide Texte begründeten ihren literarischen Weltruhm. Die meisten ihrer schönsten Erzählungen, die dann nach 1947 in der DDR entstanden, sind hingegen geprägt von den Bildern und Eindrücken aus dem lateinamerikanischen Land. Die Menschen, die Landschaften, die Künstler haben sie gefesselt und bis zu ihrem Tod 1984 nicht mehr losgelassen.

Generös und inspirierend

In ihrem lesenswerten mit Sorgfalt recherchierten Bericht über die mexikanischen Jahre der Schriftstellerin schreibt Monika Melchert über die Lage der Flüchtlinge: „Das Gastland hat sie alle, selbst wenn es ihnen am Anfang so fremd erschienen sein mag, mit einer Geborgenheit umgeben, die sie über die Jahre des Exils trägt.“ In der Tat, Mexiko erwies sich als generös und inspirierend. Bewegend schildert Melchert die dreimonatige Odyssee der Familie, die sie von Marseille über Martinique, New York – wo die Einwanderungsbehörde der Kommunistin das Betreten des Landes verweigern – und Havanna schließlich nach Mexiko führte.

Die ersten Monate im Land des Lichts und der wundervollen Farbenspiele sind schwer. Aus „Transit“ zitiert Melchert Sätze, die für alle Verfolgte auf dieser Welt gelten: „Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.“ Erst als die Honorare für den Roman „Das siebte Kreuz“ fließen, der in den USA zum Bestseller wird, lassen sich die Mühen des Anfangs überwinden.

Das Buch

Monika Melchert: Im Schutze von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Quintus, Berlin 2020. 199 S., 20 Euro.

Während ihres mexikanischen Exils ertrinkt die Welt im Krieg. Unter den Opfern des Holocaust ist die Mutter von Anna Seghers, deren Schicksal die tiefsten Schatten auf diese Zeit werfen. Ein schwerer Autounfall führt zudem zu einem monatelangen Krankenhausaufenthalt. Aber sie liebt das Land, reist durch seine Provinzen, besucht Töpfermärkte und Volksfeste, schließt Freundschafen mit heimischen Künstlern wie dem Maler Diego Rivera, dessen farbige Hauswandbilder sie bewundert.

Anna Seghers und ihr Mann László Radványi leben in einem Kreis Gleichgesinnter. Ludwig Renn, Erwin Egon Kisch, Walter Janka, Steffie Spira, Lenka Reinerová – sie alle sind vom Kommunismus überzeugt. Die komplizierten politischen Verhältnisse innerhalb dieser Exilgruppe blendet Monika Melchert in ihrem Buch allerdings aus. Untersuchungen und Berichte dokumentieren inzwischen, wie scharf die innerparteilichen Konflikte und gegenseitigen Anschuldigungen zwischen Dogmatikern und „Trotzkisten“ im mexikanischen Exil waren. Anna Seghers hat darunter gelitten, und auch in ihren DDR-Jahren lebte sie mit diesen für die Betroffenen existenziell gefährlichen Machtkämpfen in der KPD bzw. SED. Melchert zitiert einen Brief von 1945, der immerhin etwas von dem Dilemma durchblicken lässt: Viele Diskussionen erscheinen der Schriftstellerin da „uferlos und ziellos“.

Anna Seghers 1965.

In ihrem Buch über Anna Seghers’ erste Zeit nach der Rückkehr nach Berlin (erschienen 2011) wird Melchert in dieser Frage deutlicher. „Wie schon in Mexiko“, schreibt sie über die stalinistischen Schauprozesse Anfang der 50er Jahre, müsse sie „wieder die bittere Erfahrung machen, dass Leute mit einem eigenen Kopf und unangepassten Denken von ihrer Partei als Abweichler angesehen und bekämpft werden“.

Schwierige Rückkehr

Die Sonnenseite des Zusammenlebens im mexikanischen Exil erkennt Melchert zu Recht in der Gründung des Heinrich-Heine-Clubs, an der Anna Seghers beteiligt ist und dessen kulturelle Arbeit sie begeistert unterstützt, oder in den vielen Begegnungen mit Menschen, die ihre künstlerische Fantasie anregen. 1947 verlässt sie Mexiko, um in das Land ihrer Sprache zurückzukehren. „Ein Interregnum geht für sie zu Ende ... Vor ihr liegen noch drei Jahrzehnte Leben und Schreiben.“

Es werden zunächst auch Jahre der Einsamkeit. Die Kinder studieren in Frankreich, ihr Mann folgt ihr erst fünf Jahre später. Der sowjetische Geheimdienst, für den er neben seiner Dozententätigkeit arbeitet, und eine Geliebte halten ihn in Mexiko-Stadt. Kaum ist Anna Seghers wieder zu Hause, wird sie „mit frischem Heimweh an die Farben jenes Landes (denken), die Farben in seiner Luft und auf seinen Mauern“.

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