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Anna Kim: „Geschichte eines Kindes“ – Die Akte Daniel

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Von: Martin Oehlen

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Anna Kim. Foto: Werner Geiger/Suhrkamp Verlag
Anna Kim. Foto: Werner Geiger/Suhrkamp Verlag © Werner Geiger/Suhrkamp Verlag

Anna Kim steht mit der „Geschichte eines Kindes“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis – sie erzählt von einem erschütternden Rassismus-Fall in den USA der 50er Jahre und denkt über Herkunfts- und Identitätsfragen nach.

Viel Schnee liegt in Wisconsin, als sich Franziska in Green Bay einzuleben beginnt. Die Schriftstellerin – kurz Fran genannt – will in der amerikanischen Provinz ein Sommersemester als Writer in Residence verbringen. Doch jetzt hat das Jahr gerade erst begonnen, und die Schneeflocken fallen dicht. Das Weiß bedeckt sogar einen Irrgarten aus Hecken, der sich gleich neben dem Haus befindet, in dem Franziska unterkommt. Wer sich in dieses Labyrinth begibt, das wird mehr und mehr deutlich, stößt auf Rassismus, bürokratische Impertinenz und auf Mütter, „die lieber keine gewesen wären“.

Dieser eigentümliche Dreiklang ist bestimmend in Anna Kims Roman „Geschichte eines Kindes“. Das Kind heißt Daniel Truttman, wurde am 13. Juli 1953 im Krankenhaus St. Mary geboren und von seiner unverheirateten Mutter Carol umgehend zur Adoption freigegeben. Wie es dazu kam? Das erfahren wir zum einen aus der Schilderung der Ich-Erzählerin Franziska, zum anderen aus einer Akte des Sozialdienstes der Erzdiözese Green Bay.

Im Maschinenraum der Bürokratie, die wegen der Adaption ins Rollen gerät, spielt Marlene Winckler eine treibende Rolle. Die Österreicherin vom Sozialdienst, die eine Vergangenheit als Anthropologin in der NS-Zeit hat, ist hartnäckig bemüht, den Vater des Kindes ausfindig zu machen. Denn es besteht der „Verdacht“, dass es sich nicht um einen Weißen handelt, im weißer-als-weißen Wisconsin der 1950er Jahre ein Problem: Wer ein Kind adoptiere, heißt es, wolle nun mal wissen, von welcher Rasse es sei.

Immer wieder wird der Säugling penibel untersucht. Rassistisches Vokabular findet dabei mit dem Hinweis auf die historischen Umstände Verwendung. Anna Kim erklärt im Vorwort, dass sie „die Vergangenheit unverändert, unbeschönigt dargestellt habe, gerade, was ihren Wortschatz betrifft“. Dies ist umso leichter nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Geschichte handelt, die „auf einer wahren Begebenheit“ beruht.

Auf Nachfrage erklärt Anna Kim, dass es diese Akte und einen „echten“ Daniel tatsächlich gebe. Durch ihren Ehemann, der aus Green Bay stamme, sei sie auf den Fall aufmerksam gemacht worden. Allerdings seien die Behörden-Vermerke ebenso erfunden wie die Personen. Die Originalakte habe sie „hauptsächlich benutzt, um mir die Sprache, den Tonfall und die Art der Beschreibungen (von Menschen, Räumen, Situationen) anzuschauen, die wirklich äußerst eigen ist“.

Das Buch

Anna Kim: Geschichte eines Kindes. Roman. Suhrkamp, Berlin 2022. 224 Seiten, 23 Euro.

Im Roman ist es zunächst einmal Vermieterin Joan, die Franziska mit diesem Fall vertraut macht. Denn aus dem Waisenkind ist ihr Ehemann geworden. Daniel, nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim untergebracht, ist als Afroamerikaner immer noch ein Außenseiter in Green Bay. Vor diesem Hintergrund erlaubt sich Joan die Frage, wie sich denn ihre Mieterin Fran so fühle – als Asiatin allein unter all den Weißen in Wisconsin. Darauf erwidert die Tochter einer Südkoreanerin und eines Österreichers, sie sei in Wien geboren und fühle sich in etwa so asiatisch wie Joan.

Die Frage nach der Identität durchzieht das Buch. Daniel leidet darunter, „nicht gesehen zu werden“, also nicht zu wissen, „ob man ihn oder eine Version von ihm sah, die er nicht war“. Und Ich-Erzählerin Franziska soll sich erklären, ob sie eher ihrer asiatischen oder ihrer europäischen Herkunft zuneige. Sie lehnt eine solche Entscheidung ab, wolle „simply Fran“ sein und nichts anderes. Gleichwohl ändert dieses öffentliche Bekenntnis nichts daran, dass die Frage in ihrem Inneren weitergärt.

Identität ist aber nicht nur eine Sache der Hautfarbe. Selbstverständlich nicht. Und so fragt man sich, warum Daniels Mutter so entschieden darauf verzichtet, ihr Kind anzunehmen. Eine Antwort gibt der Roman nicht. Wohl aber stellt er Carol nicht als Einzelfall vor. Da gibt es weitere Frauen, die ihre Mutterschaft eher distanziert wahrnehmen.

Als Carol neun Monate alt war, verließ ihre Mutter die Kleinfamilie, „um sich selbst zu finden“. Und Marlene Winckler, die übereifrige Sozialarbeiterin, hatte nach Angaben ihrer Tochter Silvia nichts für Kinder übrig: „Sie habe früh verstanden, sagte Silvia, dass Mutterschaft nicht für jede Frau das Richtige sei, Kinder zu haben, keine Kinder zu haben, das seien private Entscheidungen, in die sich die Gesellschaft nicht einmischen sollte.“

Anna Kim führt die beiden großen Motivstränge zusammen, als die Mutter der Ich-Erzählerin ins Spiel kommt. Wenn man Franziska trauen darf, wurde Ha – wie jene genannt wird – von ihr selbst aus der Familie gedrängt. „Ich wollte Ha nicht in meiner Nähe haben, weil ich es nicht ertrug, ständig mit ihr verglichen zu werden, mit ihr gleichgesetzt zu werden – ich ertrug ihre Fremdheit nicht. Ich ertrug es nicht, wie aus ihrer Fremdheit meine wurde.“ Ha verlässt Ehemann und Tochter und kehrt zurück nach Südkorea.

Herkunftsfragen sind der Schriftstellerin Anna Kim, die hier ihren fünften Roman vorlegt, nur allzu vertraut. Ihre Erfahrungen als „Migrationsliteratin“ hat sie im September 2021 in einem Beitrag für das Magazin „Volltext“ festgehalten. Einerseits habe sie diese Rolle angenommen, schreibt sie, andererseits sei ihr bewusst geworden, wie wenig diese Rolle ihr entspreche. Ihr Fazit: „Wir leben in einer Welt, nein, wir leben in einem Entwicklungsstadium, in dem der ethnische Hintergrund noch immer eine große Rolle spielt. Wann wir dieses Stadium verlassen werden, lässt sich nicht abschätzen; es hängt auch davon ab, ob und wann alle Betroffenen, die Mehrheit und die Minderheit, Farbe bekennen.“

Es darf als gesichert angenommen werden, dass die Lektüre von Anna Kims Roman dazu beiträgt, dass die Entwicklung nicht stagniert. Die „Geschichte eines Kindes“, soeben auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2022 gelangt, kommt auf leisen Sohlen daher. Doch sie ist aufwühlend, komplex und bestens geeignet, Leserinnen und Leser über die letzte Seite hinaus zu beschäftigen. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen, sobald das Buch zugeklappt ist.

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