Anna Katharina Hahn.
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Anna Katharina Hahn.

Roman

Anna Katharina Hahn: „Auf und davon“ – Diese Miracoli-Tage

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Anna Katharina Hahn erzählt in „Aus und davon“ überaus vielfältig und durchaus unfreundlich vom gerupften, aber beharrlich weiterexistierenden Konstrukt Familie.

Es fängt mit einem ulkigen, nein, einem albernen Bild an: An der Decke klebt ein Pfannkuchen. „Elisabeth ist viel zu verblüfft, um sich aufzuregen.“ Auf dem Tisch in der Küche, die nicht ihr gehört, liegt ein Kreuzworträtsel, nur ein einziges Wort ist ausgefüllt. „Zerstörung durch Feuer: BRAND.“ Das fällt noch weniger auf als der Pfannkuchen an der Decke, den man auch zunächst wieder vergessen wird. Es geht mitten hinein in ein Stuttgarter Familienleben, es wird rumgeheult, Türen fliegen zu, pubertierende Kinder treiben selbst die Leserin und den Leser rasch zur Weißglut. Die Nerven liegen blank.

Elisabeth ist die Mutter von Cornelia, einer Physiotherapeutin und alleinerziehenden Mutter, die auf eine Ferienreise in die USA aufgebrochen ist. Die Großmutter soll die beiden Kinder, die attraktive Teenagerin Stella und den übergewichtigen kleinen Bruno, betreuen. Ein schwieriges Unterfangen. Elisabeth ist soeben von Hinz, ihrem langjährigen Ehemann, den sie nach dessen Schlaganfall lustlos gepflegt hat, pflegen musste, so gut wie verlassen worden. Es ist nicht einfach, für einen durch einen Schlaganfall geschädigten Mann, seine Frau zu verlassen, aber Hinz hat Annemarie kennengelernt. Damit hat Elisabeth, die Hinz liebt – sie ist nur eine schlechte Pflegerin –, nicht gerechnet. „An Hinz zu denken ist wie ein Griff in die Bratpfanne.“

Cornelia ist von ihrem Alltag zu Tode erschöpft, einem Alltag, den sie nicht nur als glanzlos erlebt, sondern als Debakel. An ihr hafte, findet Cornelia, „der Gestank von Einsamkeit. Der Gestank von Hilflosigkeit bei Arztterminen oder Elternabenden“. Brunos Gewichtsproblem hat zudem „dazu geführt, dass zwischen mir und dem Rest der Welt ein Grenzwall von Unversöhnlichkeit aufragt“. Cornelia, ihrerseits topfit, striezt Bruno, damit er abnimmt, aber sie überwirft sich auch mit ihrer bis dahin besten (einzigen) Freundin, als die eine rücksichtslose Bemerkung über Bruno macht. Das sind keine Kleinigkeiten, das ist das, woraus sich das Leben zusammensetzt.

Bruno, dessen Zartheit den wenigsten auffällt (Hinz zum Beispiel), fasst während des Romans den Entschluss, niemals wieder zur Schule zu gehen. Er hat gute Gründe dafür. Trotzdem ist das für ein Kind praktisch unmöglich.

Anna Katharina Hahn, 1970 geboren, legt ungefähr alle vier Jahre einen Roman vor. In „Aus und davon“, ihrem vierten, kehrt sie in ihre Heimatstadt Stuttgart zurück, an einen ihrer wichtigsten Schauplätze – zuletzt, 2016 in „Das Kleid meiner Mutter“, hatte sie aber das Madrid der Finanzkrise gewählt. Hahn, eine gnadenlos aufmerksame Beobachterin ihrer Figuren – zur Höflichkeit fühlt sie sich dabei nicht verpflichtet –, hat und nutzt ein scharfes Gespür für soziale Frakturen und ihre Anfänge. Unvergessen, wie in „Am Schwarzen Berg“ (2012) zum ersten Mal jemand in der schönen Wohngegend auftauchte, der in Mülltonnen nach Pfandflaschen schaute.

Das bürgerliche Leben, es ist fragil, aber es beweist seinen Durchhaltewillen. In „Aus und davon“ wirkt es eher ausgehöhlt als von außen attackiert. Cornelia arbeitet sich schier kaputt (das ist ihr Eindruck, und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln) und kann sich und ihren Kinder dennoch nur eine bescheidene Wohnung mieten – Elisabeth fühlt sich hier immer unbehaglich, auf der Straße so viele Leute, die fremde Sprachen sprechen.

Anna Katharina Hahn: Aus und davon. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 305 Seiten, 24 Euro.

Gravierender aber sind die Erschöpfung und die Unzufriedenheit, die latente, merkwürdig fruchtlose Strenge gegen sich selbst, die die Szene grundieren. Hinz, der Mainzer, ist von anderer Natur, denn es ist auch das Schwäbisch-Pietistische, von dem Elisabeth auf ihre Weise so wenig loskommt wie Cornelia. Deren Schwester Sabina hat in ein besonders frommes Milieu eingeheiratet, Pietkong genannt. Cornelia und Sabina: Die „heidnischen“ Namen haben damals Elisabeths Eltern befremdet. Von der Frömmigkeit ist wenig geblieben außer dem schlechten Gewissen, auf das niemand hört. Gute Erziehung im klassischen Sinne – Höflichkeit, Respekt, Diskretion – zeigt sich erst in der Person von Hamid, einem Freund Stellas und unbegleiteten Jugendlichen aus Syrien.

„Aus und davon“ verbindet zwei Redewendungen. Auch „Auf und vorbei“ wäre ein passender Titel gewesen. Scheiternde Versuche, aus den eingefahrenen Bahnen herauszukommen, prägen mehrere Erzählstränge dieses in viele feine Äderchen hinein ausschweifende und dabei konzentrierte Buch. Die Handlung in der Gegenwart des Romans umfasst nur wenige Tage im Juni 2017: Als Cornelia in New York ankommt, erfährt sie, dass Helmut Kohl gestorben ist. Als sie abreist, fällt ihr die Schlagzeile zum Tod des kurz zuvor aus nordkoreanischer Haft entlassenen US-Studenten Otto Warmbier auf.

Die Kapitel sind nach dem jeweiligen Ort der Handlung benannt. In Stuttgart wird meist aus der Perspektive von Elisabeth erzählt, gelegentlich aus Brunos. In den USA erzählt Cornelia selbst. Sie begibt sich dort auf die Spuren ihrer Großmutter Gertrud, die während der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren zu Verwandten nach Pennsylvania geschickt worden ist. Die Erinnerung an die Erzählungen Elisabeths und Cornelias eigene Begegnungen in Trumps USA verbindet Hahn nun raffiniert mit scheinbar arglosen Gutenachtgeschichten, die Elisabeth in Stuttgart für Bruno aufschreibt: Aus Sicht der sympathischen Stoffpuppe Herrn Linsenmaier werden Gertruds Überfahrt und Abenteuer berichtet.

Diesem Mehrschichtigen entspricht die Vergangenheit. Gertruds schlechte, aber von allen Beteiligten auch unterschiedlich bewerteten Erfahrungen in der Fremde erfordern das – in einer Familie, die durch einen (historischen) Schiffsbrand („Zerstörung durch Feuer“!) in überwältigendes Unglück geraten ist.

Es ist vor allem der Blick auf die familiäre Vergangenheit, der nach und nach Hahns Sorgfalt im Einzelnen deutlich macht. Das betrifft nicht nur die ausführliche Recherche in Deutschland und den USA, die etwa Cornelias Übernachtung bei den Amish zu einer Erzählung für sich macht. Viele Schwierigkeiten der Gegenwart finden dort drüben und damals auch einen Spiegel, Elisabeths Unfähigkeit, mit dem versehrten Hinz geduldig umzugehen, trifft man auf einmal – unter anderen Vorzeichen – in Gertruds Überforderung bei der Pflege einer beim Bootsunglück schwerstverletzten Verwandten wieder. Aufopferungsvolle Herzensgüte steht als Forderung im Raum, aber wer ist schon so?

„Ich darf das. Ich habe es mir verdient“, denkt Cornelia trotzig mit Blick auf die Reise, während ihr schon klar ist, dass die Großmutter es zu Hause mit den Enkeln nicht leicht haben wird.

Anders als die Figuren selbst, gibt Hahn keine Urteile ab, aber sie verhält sich kühl bis ins Spottbereite (oder sind das auch wieder bloß die Figuren selbst?). Das Konstrukt Familie, wie es hier auftritt, es kann einem angst und bange machen. So gerupft es erscheint, so maßgeblich ist es immer noch. Um sich ein Stück Freiheit zurückzuerobern, ruft Cornelia selbstverständlich ihre Mutter herbei. Und die Mutter kommt selbstverständlich.

Dass überall Fäden verlaufen, überall Zusammenhänge bestehen, die das Romanpersonal gar nicht mehr überschaut, füllt Hahn durch ein schönes Netz an Motiven mit Leben: Hält sich Gertrud an den Herrn Linsenmaier (der als eine Art Familienpuppe ohnehin wieder auferstehen wird), fällt Cornelia dem freundlichen „Huggy“ um den Hals, dem Reklamegag einer IT-Markenfirma. Brieftaubendienste übernehmen Messenger-Dienste, die auch Großmütter selbstverständlich nutzen (nur nicht so virtuos). Lässt sich Stella in Stuttgart pubertär treiben, trifft Cornelia bei den Amish den betrunkenen jungen David in „his ,Rumspringa‘ year“, das ihm die weltlichen Freunden vertraut machen und zugleich austreiben soll.

Das interessanteste Motiv ist aber das der Essenszubereitung. Nicht nur, aber auch, weil sie sich immer wieder verändert. Elisabeth, die keine begeisterte Hausfrau ist, weiß den „Miracoli-Tag“ und Pfanni-Kartoffelbrei zu schätzen, Connie hasste das eine wie das andere. Jetzt bemüht sich die verhetzte Mutter, für ihre Kinder besonders gesund zu kochen. Wesentlicher noch ist aber, das beide Frauen, dass alle Frauen im Buch mit dem Thema befasst sind, und zwar ständig, jeden Tag mehrmals. Es wird einem beiläufig klar, dass die Weltliteratur eindeutig mit Hinweisen auf diese belastende Aufgabe unterversorgt ist.

In der zärtlichsten Szene des Romans, Connies One-Night-Stand mit einem netten Amerikaner, kocht er für sie ein gutes Abendessen. Ein geradezu utopisches Moment, wenn derweil in Stuttgart die Pfannkuchen an der Decke hängen. Aber auch Elisabeth wird später noch einen unerwarteten Erfolg mit Toast Hawaii feiern.

Und was ist es für ein Amerika, das Cornelia antrifft? Nach einem halben Jahr unter Präsident Trump? Sie unterhält sich mit der netten Verwandten, die eine Menge Kinder hat. Einfache Verhältnisse. Für die Studenten, für die sie putze, erzählt sie, sei sie „White Trash“. Aber, sagt sie, deren Zeit sei vorbei: „But their times’s over now and they know ist“. Das klingt wie eine Drohung und Cornelia bekommt auch einen Schreck. Aber die Verwandte lacht. Cornelia sei doch nicht gemeint. Sie wisse aber, „dass wir in Old Europe keine Ahnung hätten, wie hart das Leben in den Staaten für viele Menschen sei“. Hier sitzt jeder Satz, jede Szene, und erzählt etwas über uns und die anderen, oder besser: über die einen und die anderen.

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