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Anna Brüggemann, Schauspielerin, Drehbuch- und nun auch Romanautorin. Foto: William Minke
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Anna Brüggemann, Schauspielerin, Drehbuch- und nun auch Romanautorin.

Debütroman

Anna Brüggemann: „Trennungsroman“ – Geht er neben ihr, oder rennt er vor ihr weg?

  • Jakob Maurer
    VonJakob Maurer
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Anna Brüggemanns literarisches Debüt „Trennungsroman“ schreibt die Gefühle einer Generation fort.

Alle vier Minuten scheitert eine Ehe in Deutschland. Diesen verdrehten Singlebörsen-Werbespruch erhält, wer die Zahl der Scheidungen hierzulande auf die Dauer eines Jahr umrechnet. Am Ende dieses Textes könnte es folglich wieder soweit sein. Und würden zusätzlich die zahllosen Beziehungen samt ihren Enden statistisch erfasst, womöglich schon nach diesem ersten Absatz – genau jetzt.

Ganz so eilig hat es die Autorin Anna Brüggemann nicht. Immerhin grob 13 Filmminuten benötigte 2013 ihre Tragikomödie „3 Zimmer/Küche/Bad“ im Schnitt, um eine Partnerschaft zu beenden irgendwo zwischen Altbauwohnung, Badesee und Autobahnparkplatz. Das Drehbuch zum nichtsdestotrotz turbulenten Ensemble-Film schrieb Brüggemann gemeinsam mit ihrem Bruder Dietrich. Er führte zudem Regie, sie übernahm eine der Hauptrollen, die der schwungvollen Dina, die reihenweise den Jungs den Kopf verdreht.

Mit dem jetzt veröffentlichten „Trennungsroman“, ihrem literarischen Debüt, nimmt die 40-jährige Schauspielerin das Tempo raus und taucht ab in die Innenwelten eines Berliner Paares. Doch auch wenn die Herangehensweise eine andere ist: Der Roman liest sich wie ein lose Fortsetzungsgeschichte oder eine Art Update des Films.

Viele Elemente werden wieder aufgegriffen: die Schauplätze zwischen Kreuzberg und Plötzensee, die akademischen Berufe zwischen Krankenhaus und Museum sowie die Eltern, die einen getrennt, die anderen harmonisch bis in den Familienurlaub – so oder zumindest auffallend ähnlich war das schon 2013. „Wir sind’ne Generation, die schon Mitte 20 freiwillig die kreative Anarchie der Männer-WG gegen die Bürgerlichkeit einer Pärchen-Wohnung tauscht ..., hat mein Vater letztens gesagt.“ So unkt Philipp (Jacob Matschenz) noch in „3 Zimmer/Küche/Bad“, während er neben seinem schlaksigen Kumpel Thomas (Robert Gwisdek) durch Berlin radelt.

Das Buch

Anna Brüggemann: Trennungsroman. Ullstein, Berlin 2021. 416 Seiten, 20 Euro.

Und siehe da: Im „Trennungsroman“ steht eine solche Pärchen-Wohnung im Zentrum der Handlung. Doch in ihr geht es nicht mehr so quirlig-chaotisch zu wie einst. Auf die Liebes- und Sinnsuche hat sich ein „tintenblaues, waberndes Gefühl der Sorge“ gelegt, wie Brüggemann schreibt. Eva und ein neuer schlaksiger Thomas, beide Anfang 30, versuchen darin, ihre jahrelange Beziehung zu retten. Sie kehrt gerade von einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in Paris zurück und will den nächsten Schritt gehen, die Pille absetzen. Er hat die Stellung gehalten, sich in seinem Arztjob festgefahren und jede emotionale Sicherheit verloren. Als Thomas Eva vom Flughafen abholt, denkt sie auf dem Weg zum Bus ins Zentrum: „Geht er neben ihr, oder rennt er vor ihr weg?“

„Noch 31 Tage“ steht über dem ersten Kapitel. Abschnitt für Abschnitt begleitet die Beziehung ein Countdown, der über den Nullpunkt hinausgeht bis zu „14 Wochen und 4 Tage danach“. Ein wenig filmischen Formalismus hat Brüggemann, die 2014 zusammen mit ihrem Bruder auf der Berlinale für das Drehbuch von „Kreuzweg“ den Silbernen Bären gewann, dem literarischen Alter Ego mit gegeben.

Das Muster erinnert an den US-Film „(500) Days of Summer“, der jede Sequenz seiner melancholischen Liebesgeschichte mit einer Tagesangabe zwischen eins und 500 einleitet. Während Marc Webbs Film von 2009 jedoch in der Zeit wild vor und zurück hüpft und so ein Wechselspiel der Stimmungen zwischen Euphorie und Endzeit treibt, baut „Trennungsroman“ auf dem Weg zu „Tag 0“ chronologisch und kompromisslos Spannung auf.

Statt Sprünge auf der Zeitachse bietet Brüggemann ständige Perspektivwechsel zwischen Protagonistin und Protagonist. Minutiös und feinfühlig lässt sie ihre Figuren dabei immer wieder Körpersprache, Blicke und Gedankengänge analysieren, all die kleinen bis großen Fehltritte, Missverständnisse und Verletzungen: Thomas’ zu lange Umarmung mit der hübschen und hippen Arbeitskollegin Rose, Evas plötzliche Angewohnheit, Thomas in den Arm zu nehmen wie ein kleines Kind.

Bisweilen wirkt das aber auch wie viel Stückwerk, das trotz des zielgerichteten Countdowns ein wenig langsam vorankommt. Doch hierin liegt auch eine Stärke. Der Film von 2013 skizziert seine Figuren eher oberflächlich. Kurz vor dem Abspann sieht man den Ensemble-Cast sinnbildlich vor einem breiten Gemälde stehen, ein Blick in den Spiegel: In groben Zügen zeigt das Bild eine Gruppe junger Menschen. „Trennungsroman“ versammelt mehr Details und erschafft so ein intimes Pärchen-Porträt mit vielen feinen Pinselstrichen und pastelligen Farbtupfern.

Auf diese Weise schreibt Brüggemann mit ihrem „Trennungsroman“ vor allem die Gefühlswelten zweifelnder, mit sich selbst beschäftigter Millennials fort. Eva, das wird dabei immer deutlicher, hat ihren Zug in die Zukunft eigentlich schon lange gebucht und will endlich weiterfahren. Thomas hingegen überlegt noch umzusteigen.

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