Geschichte

Anna Bikont „Wir aus Jedwabne“: Das Gedächtnis, ein Schlachtfeld

  • vonMatthias Arning
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Anna Bikont trotzt dem Bemühen der Rechtspopulisten, Polens Geschichte umzudeuten

Es geht um eine verlässliche Sicht auf die Dinge. In dieser Hinsicht ist Polen für Anna Bikont früher schon einmal weiter gewesen als in der Gegenwart. So sei die Aufdeckung der Wahrheit über das Massaker von Jedwabne um die Jahrtausendwende „eine Revolution gewesen“. Mittlerweile aber sei Polen in einer Rückwärtsentwicklung. Die rechtskonservative PiS setze alles daran, die Geschichte Polens „neu zu schreiben“. Bei der Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag rechnet man Amtsinhaber Duda von der nationalkonservativen Regierungspartei PiS gute Chancen aus.

Vom Bemühen, die eigene Geschichte umzudeuten, könne man sich beispielsweise in Jedwabne überzeugen, notiert Anna Bikont. Wie man in dieser Kleinstadt im Nordosten des Landes mit der Erinnerung an das von Polen angerichtete Massaker umgehe, belege nur, dass man mit diesem Teil der eigenen Geschichte nichts mehr zu tun haben wolle, beschreibt Bikont in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Wir aus Jedwabne“.

Die lokalen Behörden boykottierten etwa den Gedenktag am 10. Juli in Erinnerung an den Pogrom von 1941. Und man riss das Schild, mit dem der ehemalige Bürgermeister Krzyzstof Godlewski an die Gräueltaten erinnern ließ, aus der Erde und ersetzte es kurzerhand durch den Hinweis auf das Schicksal der Polen, die während des Zweiten Weltkriegs nach Sibirien deportiert wurden.

Grausames Leugnen

Diesen Versuchen der Umdeutung setzt Anna Bikont ihre akribische Rekonstruktion des Verbrechens entgegen. Gestützt auf eine Studie des Historikers Jan T. Gross aus dem Jahr 2000, reiste sie für ihre Recherchen in den Nordosten Polens. Gross hat sein Buch „Nachbarn“ genannt, um die Beziehung zwischen Tätern und Opfern zu betonen. Er legte dar, dass es Polen gewesen sind, die ihre jüdischen Nachbarn am 10. Juli 1941 ermordeten, im Einvernehmen mit den deutschen Besatzern. Sie trieben mehrere hundert Männer, Frauen und Kinder in eine Scheune und zündeten diese an.

Mit seiner Veröffentlichung versetzte Gross Jedwabne und dem gesamten Land einen Schock. Er kratzte am Opfermythos des Landes, das sich lieber im Widerstand gegen Russen und Deutsche sah, die das Land immer wieder überfallen und gewaltsam unterdrückt hatten. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung der Studie von Gross über das Massaker von Jedwabne unterstrich eine polnische Historikerkommission diese Sicht der Vorgänge.

Das Buch:

Anna Bikont: Wir aus Jedwabne. Polen und Juden während der Shoah. A. d. Poln. von Sven Sellmer. Suhrkamp 2020.
699 S., 34 Euro.

Anna Bikont wollte es ganz genau wissen. Dafür ist die Journalistin der in Warschau erscheinenden „Gazeta Wyborcza“ immer wieder nach Jedwabne gereist, hat mit Tätern und Überlebenden gesprochen, mit Historikern und Politikern, hat unzählige Interviews mit den Bewohnern von Jedwabne geführt, mit dem örtlichen Pfarrer, hat Prozessakten durchforstet. In einem Tagebuch dokumentiert sie diese Suche nach der Wahrheit eindrücklich. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht feststellbar, vermutlich wurden mehr als 300 Menschen grausam ermordet.

Wegen des Massakers hatte es nach dem Krieg im kommunistischen Polen 1949 ein Verfahren gegeben. Angeklagt wurden 22 Männer. Zwölf wurden schuldig gesprochen. Doch bereits ein paar Jahre später wurde das Verbrechen auf einem Gedenkstein an der Stelle, an der die Scheune stand, allein den Deutschen zugeschrieben. Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew fasst die Untersuchungsergebnisse zum Verbrechen von Jedwabne retrospektiv zusammen: „Gegen Morgen trafen nach und nach Bewohner der umliegenden Dörfer in Jedwabne ein, mit der Absicht, an dem vorher geplanten Verbrechen an der Ermordung der jüdischen Einwohner teilzunehmen.“ Es sei schockierend, wie präzise das Verbrechen „organisiert war: Die einen trieben die Opfer aus den Häusern, die anderen sicherten die Ausfallstraßen der Stadt, wieder andere bewachten diejenigen, die auf den Markt geführt worden waren.“

Gnadenloses Vergessen

Zu den 1949 Angeklagten gehörten die Brüder Zygmunt und Jerzy Laudanski. Auch mit ihnen hat Anna Bikont für ihre Rekonstruktion dessen, was passiert ist und wie der kleine Ort bis heute mit den Gräueltaten umgeht, ausführlich gesprochen. Der zu zwölf Jahren Haft verurteilte Zygmunt Laudanski, der sechs Jahre absaß, verteidigte seine Tat und nannte Berichte, unter den mehreren hundert Opfern seien auch Kinder gewesen, als falsch: „Solche schrecklichen Dinge“ an Kindern, die in die brennende Scheune geworfen worden seien, „kamen gar nicht vor. Die sind jetzt erfunden worden, aus Rache. Es ist Unsinn, dass ich und mein Bruder tausend Juden ermordet haben sollen. Unsere Familie war und ist anständig. Diese Tragödie kann unserer Anständigkeit nichts anhaben.“ Für seinen Verdacht, die Berichte über das Massaker zielten darauf, das Land und seine Bürger zu diskreditieren, bekam Zygmunt Laudanski Unterstützung von Edward Orlowski. „Man will uns einreden, dass wir Mörder sind“, sagte der katholische Stadtpfarrer von Jedwabne Anfang Februar 2001 bei einer Versammlung von Bürgern, überwiegend Männer zwischen dreißig und fünfzig, notiert Anna Bikont in ihrem Tagebuch. Auf diese Weise werde aber „nicht nur Jedwabne besudelt, sondern das polnische Volk“. Dagegen, unterstrich Orlowski, „müssen wir uns verteidigen.“ Gross und Bikont ließen nie Zweifel daran, dass erst der Terror Hitlers und Stalins die Menschen demoralisiert und ihnen das Gefühl gegeben habe, dass alles erlaubt sei.

In ihrem glänzend geschriebenen Buch beschreibt Bikont auch den Antisemitismus von heute, der mittlerweile „den polnischen Mainstream“ erreicht habe. Und sie macht sich auf „die verzweifelte Suche nach dem Positiven“ und setzt auf Krzyzstof Godlewski, den ehemaligen Bürgermeister von Jedwabne. Er hatte sich für seine Amtszeit vorgenommen, seine Stadt „sollte zeigen, dass es in Jedwabne einige Verbrecher gegeben hat, aber dass es auch Polen gab, die Juden gerettet haben.“ Das solle die Erinnerung deutlich machen, sagte Godlewski am Tag des Gedenkens an das Massaker am 10. Juli 2001, „um ein Zeugnis für die Wahrheit abzulegen.“

Europas Öffentlichkeit registrierte in diesem Augenblick sehr wohl, dass der damalige Präsident Alexsander Kwasniewski zum Akt der Erinnerung in Jedwabne „im Namen aller Polen um Entschuldigung“ bat. Polen stand damals kurz vor dem Beitritt zur Europäischen Union. Godlewski schlug dem Stadtrat auch vor, eine Schule nach Antonina Wyrzykowska zu benennen. Die Bäuerin gehört zu den Rettern von Juden, geehrt heute als „Gerechte unter den Völkern“. Sie wohnte nahe Jedwabne und rettete sieben Juden vor dem sicheren Tod. Der Stadtrat allerdings lehnte eine Ehrung der mutigen Frau ab.

Deshalb will Bikont mit ihrem Buch Antonina Wyrzykowska ein Denkmal setzen. Schließlich stehe Jedwabne dafür, dass „das Gedächtnis ein Schlachtfeld ist“.

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