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Anna Baar.
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Anna Baar.

Roman

Anna Baar „Nil“: Das Ich, ein endlos Ploppen!

  • VonBjörn Hayer
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Die Entdeckung der „Luftwurzler“ – Anna Baars Roman „Nil“ ringt um die verwandelnde Kraft des Erzählens.

Als wäre das Leben so einfach: sich in einen Fotoautomaten zu setzen, um sodann irgendwo anders anzukommen. Doch derlei „Weltfluchtzellen“ gibt es nur in der Literatur, und selbst dort ist ihr Realitätsstatus unsicher, wie Anna Baars dritter Roman „Nil“ belegt. Zwar wird dieses vermeintliche Tor in ein unbekanntes Reich auch darin immer wieder erwähnt. Ob es allerdings wirklich existiert, ist genauso unsicher wie die Wahrheit über das erzählende Ich.

Beauftragt, das Ende einer Erzählserie für eine Frauenzeitschrift zu schreiben, verliert sich die Protagonistin mehr und mehr in der Narration um ein Pärchen, das an der eigenen amour fou zugrunde geht. Mal taucht die Heldin des Buches, verbunden mit einem Perspektivwechsel, direkt in die Charaktere ein, mal berichtet sie übergangslos von Kindheitserinnerungen, einer Zeit, die einem Gefängnis mütterlichen Fürsorgeradikalismus gleichkam. Was die Ich-Erzählerin inmitten dieser traurigen Episoden immer gehalten hat, war und ist einzig die eskapistische Imagination: „Ich bin das freundliche Ploppen, wenn ein Apfel ins Gras fällt, bin Monster, Märtyrer, Nichts, Form der Unmöglichkeit, Strudel und Projektion, ein Gedicht, das man aufsagt, ohne es zu verstehen. Oder ein Zookrokodil. Alles fließt und flutet in das schöne Wort Nil.“ Ein ziemlich verworrenes Arrangement? Durchaus, denn wie der Verweis auf den ägyptischen Lebensstrom nahelegen soll, befindet sich alles in Bewegung. Nichts erweist sich in dieser haltlosen und sprunghaften Story als so instabil wie das Ich. Seine Rettung lautet Verwandlung, im Traum und in der Sprache.

Das Buch:

Anna Baar: Nil. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 148 Seiten, 20 Euro.

Mit Geschlechter-Switchen

Es überrascht daher kaum, dass die 1973 in Zagreb geborene Anna Baar eine Autorin zur Hauptfigur erkoren hat. Stets kreist der fiebrig-halluzinative Künstlerroman um Funktion und Sinn des Schreibens. Allen voran das kulturgeschichtlich weit zurückreichende Motiv des Doppelgängers, prominent entfaltet in Werken von Robert Louis Stevenson oder E.T.A. Hoffmann, spielt dabei eine große Rolle. Switcht das Subjekt in unterschiedliche Figuren (und Geschlechter), sucht es zugleich im Fremden das Eigene und umgekehrt. Nur auf diese Weise scheint es überhaupt lebendig zu bleiben – in einer Liebesgeschichte, bei der der Tod einen ständigen, ungreifbaren Begleiter darstellt. „Hättest du keine Angst, wovon würdest du schreiben?“, fragt die Ich-Erzählerin einmal ihr möglicherweise selbst erdachtes Gegenüber und macht deutlich: Nur in der künstlerischen Verarbeitung lässt sich die Furcht bannen.

Dieser avantgardistische Roman mag samt seiner zahlreichen Perspektivwechsel und gezielten Erschütterungen unserer Wahrnehmung reichlich überkonstruiert anmuten. Nichtsdestotrotz lässt er sich als eine Feier auf die Literatur beschreiben, als ein Rausch an Bildern und Fabulierlust, mit unzähligen Anspielungen, etwa auf Gedichte von Schiller, Goethe und nicht zuletzt die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“, in denen Scheherazade ihrem Fürsten allabendlich eine Erzählung darbieten muss, um nicht getötet zu werden.

So schreibt auch Baars Protagonistin unentwegt gegen ein möglicherweise ungutes Ende an und gibt sich währenddessen als wahre Ästhetin zu erkennen. Sätze wie „Mama wattiert sich das Jetzt mit ihrer Nostalgie“ sowie Wortneuschöpfungen wie „Luftwurzler“ (eine der schönsten Metaphern für Dichterinnen und Dichter überhaupt!) zeugen von einer umfassenden Poetisierung der Welt. Der Roman folgt dem Versprechen: „Alles ist frei erfunden“ und auf faszinierende Weise so boden- wie grenzenlos.

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