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Ann Petry „The Narrows“: Sind Prinzessinnen immer weiß?

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Von: Sylvia Staude

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Ann Petry. Foto: Elisabeth Petry
Ann Petry. Foto: Elisabeth Petry © Elisabeth Petry

Ann Petrys kraftvoller, atmosphärisch reicher Roman „The Narrows“ über eine fatale Beziehung.

Den großen Ahorn am Kai nennen alle „der Henker“. Die Kneipe trägt den Namen „Last Chance“. Das Viertel des Henkers und der letzten Gelegenheit hat viele, auch verstörende Namen, wer dort lebt, sagt: „Die Narrows, Nadelöhr, Ganzunten, Little Harlem, Finstereck, Niggertown, weil Negroes den Platz der früheren Einwanderer – Iren, Italiener und Polen – eingenommen hatten.“ Ann Petry, geboren 1908, gestorben 1997, war die erste afroamerikanische Schriftstellerin, die mehr als eine Million Exemplare eines Buches verkaufte – von „The Street“, erschienen 1946 –, vielleicht war sie erfolgreich, weil sie nichts beschönigte. Doch 1953 bereits kam ihr dritter und letzter Roman heraus, „The Narrows“.

Sie hatte zunächst ein männliches Pseudonym gewählt, Arnold Petri, sie wird gewusst haben, warum. Denn sie schrieb keine „Frauenliteratur“, nichts Nettes, Sanftes, Versöhnliches. Alle ihre Figuren reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – oft ist es ein derber, rassistischer, sexistischer, manchmal auch antisemitischer Schnabel. Die Besserverdienenden schauen herunter auf die Armen. Die Hellhäutigeren auf die Dunkleren – oder umgekehrt, dann nennen die Letzteren die Ersteren verächtlich „high yaller“, „hochgelb“. „The Narrows“-Übersetzerin Pieke Biermann erklärt am Ende des Bandes einige ihrer Entscheidungen, etwa für die Beibehaltung der englischen Begriffe „race“ und „negro“, für das Wort „farbig“, „colored“ im Original.

In den Narrows, am Fluss Wye, passieren in diesem Roman die entscheidenden Dinge. Dort wird Camilo im Nebel von einem Beinlosen belästigt und wirft sich in Panik Link Williams an den Hals, der im Last Chance arbeitet. Dort wird sie wieder nach ihm Ausschau halten, denn Link ist ein prachtvolles Mannsbild. Sie werden tatsächlich ein Liebespaar. Dort, am Fluss, im Finstereck, wird Camilo sich das letzte Mal mit Link streiten, ihn bei der Polizei beschuldigen, sie vergewaltigt zu haben. Dort im Viertel wird sie wenig später ein Kind überfahren. Und weil Camilo nicht nur weiß ist, „kreideweiß“, sondern auch reich, wird ihre Mutter versuchen, alles geradezubiegen bzw. zu vertuschen. Den Macher des „Monmouth Chronicle“, der Zeitung am Ort, erpresst sie, indem sie mit dem Entzug der Anzeigen droht.

Sie kann nur tragisch enden, die Liebesgeschichte zwischen Link und Camilo. Er schön und stolz, studierter Historiker, aber als Barkeeper arbeitend. Sie schön und abenteuerlustig, gelangweilt von ihrem in doppeltem Sinn blassen Ehemann, dabei über alle Mittel verfügend, sich einen Lover zu halten und ihm teure Geschenke zu machen. Bis dieser aus der Zeitung erfährt, dass sie verheiratet ist und nicht mehr ihr „Muskelknabe“ und „Hengst“ sein will. Link fühlt sich missbraucht und möchte Camilo wehtun. Sie möchte sich rächen und tut es auf die fatalste Art und Weise, indem sie nämlich den schwarzen Mann beschuldigt, der weißen Frau Gewalt angetan zu haben. Aber was hat sie in den Narrows eigentlich zu suchen gehabt? Selbst schuld, wispert es. Hure, raunt es.

Das Buch:

Ann Petry: The Narrows. Roman. Aus dem Englischen von Pieke Biermann. Nagel & Kimche, Zürich 2022. 544 S., 28 Euro.

Ann Petry bettet die Geschichte von Link und Camilo ein in nicht chronologisch erzählte, pralle, die Sinne einbeziehende Milieuschilderungen, sie wechselt häufig die Perspektive, umgibt die beiden Liebenden mit Nebenfiguren, die man kaum Nebenfiguren nennen möchte, so ausführlich, detailliert, allesamt charakteristisch sind sie gezeichnet.

Ein Schauplatz ist immer wieder das Last Chance, mit seinem in den Narrows gefürchteten Besitzer Bill Hod, der hilfreich sein kann, aber auch brutal, ein Prügler (freilich waren auch die „Erziehungsmaßnahmen“ damals deutlich andere). Sein Koch, Weak Knees, kann geradezu zaubern, vor allem, wenn ein halb verhungertes Kind (Link) aufgepäppelt werden muss.

Aber warum musste der kleine Link, als er acht Jahre alt war, hungern, wo ihn doch die außergewöhnliche, stets strikte und korrekte Abbie Crunch adoptiert hatte? Weil da Abbies Ehemann plötzlich und unbegreiflich an einem Schlaganfall starb und sie das Kind tagelang einfach vergaß. Tatsächlich komplett vergaß in ihrer Trauer und ihrem Schuldgefühl, denn sie hatte nicht verstanden, was da mit dem Major passierte und keine Hilfe geholt. Da nahm sich eben Bill Hod des kleinen Link an.

Ein anderer Schauplatz ist immer wieder Abbies Haus. Wo sie eine Wohnung vermietet an die Powthers. Das heißt, eigentlich an den sauberen, adretten Butler Malcolm Powther; unglücklicherweise entpuppt sich dann „eine knallige, großbusige junge Frau“ als seine, sie hat ein „patronenköpfiges“, nach Urin riechendes Kind dabei namens J. C. – der Junge wird als eine Art Nachfolger Links bald mehr unten bei Abbie Crunch sein als oben bei seiner Mutter. Und, ein aufmerksamer Beobachter, sie eines Tages fragen: „Sin Prinnsessins immer weiß?“ Da hat sie noch gar nicht mitbekommen, dass Link mit Camilo im Bett liegt. Als sie es mitbekommt, wird sie die junge Frau, die sie für eine Hure hält, auf die Straße jagen. Etwas anderes, als dass Link die weiße Frau bezahlt, kann sie sich nicht vorstellen.

Link Williams mit seinem Profil wie gemeißelt ist in „The Narrows“ derjenige, der sich erinnert, der reflektiert, darüber nachdenkt, was ihm zugestoßen ist und noch zustößt, bloß, weil er schwarz ist. Der sich erinnert, wie er in der Schule Sambo sein musste, wie ihn Bill Hod und Weak Knees „umschulen“ in Sachen Race, ihm von den Chicago Riots erzählen, ihm beibringen, dass er sich seiner Hautfarbe nicht zu schämen braucht. Trotzdem sitzt „die Race ihm rittlings auf den Schultern“. Dass das bis heute andauert, dieses lastende Gefühl, ausgelöst durch Rassismus, das denkt man als Leserin mit und muss es mitdenken.

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