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Anja Rützel.

Anja Rützel

Anja Rützel: Lesung mit Glückskeks

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Anja Rützel liest im Mousonturm aus ihrem Buch über Take That.

Wenn die Zukunft so werden würde, wie sie sein sollte, was vermutlich nicht der Fall sein wird, dann hätte bald jeder, der es sich leisten kann, einen kleinen, elektronischen Freund und Helfer. Der ginge dann zu allen Terminen, denen man sonst gezwungen wäre selbst beizuwohnen, obwohl man weiß, dass dort die Wohlfahrt nicht gedeiht – Meetings, Powerpointpräsentationen, Boybandkonzerte. Der elektronische Freund, der die Vergeudung von Lebenszeit nicht fürchten muss, geht dorthin, hört alles, sieht alles, und gibt einem danach eine kurzweilige, kenntnisreiche, von Aphorismen und Anspielungen satte Zusammenfassung, so dass man ausruft; „Hoho, scheint ja ganz spannend gewesen zu sein“ – auch wenn es das in Wahrheit gar nicht war. Wäre die Zukunft gerecht, so würde der kleine Helfer auf den Namen „Rützeling“ hören. Zum Glück kann man bereits in der Gegenwart auf den lebendigen Prototyp bauen.

Man ließ sie gewähren

Der liest am Mittwochabend unter dem Namen Anja Rützel im Frankfurter Mousonturm aus seinem neuen Buch über Take That, erschienen als zweiter Band der KiWi-Musikbibliothek. Eigentlich hatte der Verlag gewollt, dass Rützel über David Bowie schreibt, aber die Autorin sagte dem Verlag, dass sie Bowie zwar liebe, Take That aber noch mehr. Jede andere hätte man gefragt, ob es ihr sonst noch ganz gut gehe, aber Anja Rützel ließ man gewähren. Die darf das. Weil sie es kann.

Dem breiten Publikum ist Anja Rützel als „Spiegel“-Kolumnistin und Chronistin des RTL-Dschungelcamps bekannt. Das muss man nicht mögen, aber nicht wenige sind der Meinung, dass Rützels Kolumnen das Beste am ganzen Camp sind. Und freuen sich das ganze Jahr auf ihren ersten Camp-Artikel und die darunter folgenden Leserkommentare, von denen der erste traditionsgemäß einem Nörgler mit dem klassischen Opener „Rudolf Augstein würde sich im Grabe umdrehen ...“ gehört. Der dann von den Nachfolgern zurechtgewiesen wird, dass er es ja nicht lesen müsse, wenn es ihm nicht passe. Dann aber verpasst man so schöne Beschreibungen wie die eines in der jüngsten Staffel eingesetzten Folterinstruments, das laut Rützels Beschreibung „aussah, als hätte ein mit überschaubaren Bauressourcen ausgestatteter Freizeitpark versucht, das Höllenrad aus Duran Durans ,Wild Boys‘-Video aus dem Gedächtnis nachzuzimmern“. Genau so war’s, dem ist nichts hinzuzufügen. Im Grunde macht Anja Rützel nichts anderes, als ihre Magisterarbeit weiterzuspinnen, in der sie glasklar erläutert, warum „Buffy, die Dämonenjägerin“ eine „sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie“ sei, und auf diese Weise Trash und Hochkultur miteinander versöhnt.

Und so hat Anja Rützel auch im rappelvollen Mousonturm keine Mühe, das Publikum von Anfang an im Griff zu haben, wenn sie die Musiker von Take That mit ihren gesungenen „Glückskeks-Weisheiten“ als „Fluchthelfer aus dem schrundigen Alltag“ lobpreist und ihre Liebe als „tief und ohne ironisches Schützschürzchen“ erklärt. Anja Rützel könnte vermutlich sogar über Helene Fischer geistreich schreiben, und erst recht über Take That. Und vielleicht dreht sich David Bowie ja im Grabe um, aber soll er doch. Er muss ja nicht zuhören, wenn’s ihm nicht passt.

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