Angst vorm "großen Gatsby"

Die iranische Literaturdozentin Azar Nafisi gründet in Teheran einen subversiven Lesezirkel für Studentinnen

Von KATAJUN AMIRPUR

Hat Literatur eine subversive Kraft? Kann verbotene Literatur etwas bewirken in einem durch und durch ideologisierten Staat? Azar Nafisi bejahte die Frage für sich und beschloss, Mitte der neunziger Jahre, sieben ausgewählten Schülerinnen Literatur nahe zu bringen, die in Iran aus dem Lehrplan verbannt waren. Lolita, Der große Gatsby, Romane von Henry James und Jane Austen wollte sie mit ihren Schülerinnen in einem privaten Lesekreis lesen. Sie wollte eine Gruppe zu sich einladen, die nur aus Liebe zur Literatur an ihrem Unterricht teilnahm, und wollte, so schreibt sie, ihr Verlangen nach einer intellektuellen Freiheit befriedigen, die an den iranischen Universitäten nicht gegeben war. Nafisi war zuvor Professorin für Englische Literatur an zwei Teheraner Universitäten gewesen, die sie beide aus Enttäuschung über die Beschränkungen, die ihr auferlegt wurden, verließ.

Der zensierte Lehrplan

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Land der "Dritten Welt" überhaupt Lehrer für Fächer wie Englische Literatur hat. Lehrer, die unterrichten wollen, die die Große Neue Welt, wo sie studiert haben, verlassen, um in eine Islamische Republik Iran zurückzukehren, um das zu vermitteln, was sie in der Großen Neuen Welt gelernt haben. Um so erschreckender liest sich, wie eine Regierung solche Lehrende nicht zulässt, weil in den Büchern, die sie behandeln wollen, Themen vorkommen, die ihr missfallen: Freiheit, Individualität, Ehebruch, Pluralität der Lebensentwürfe. In den achtziger Jahren musste Literatur in Iran ideologisch sein, eine Botschaft haben und vor allem das Volk im Sinne des Islams erziehen.

Ein Buch wie Der große Gatsby hatte darin keinen Platz. Wenn Daisy in Der große Gatsby ihren Mann betrügt, dann kritisierte der Fakultätsvorsitzende, Nafisi stifte ihre Studentinnen zum Ehebruch an, wenn sie solche Bücher lese. "Dieser Gatsby ist der Held des Buches - und wer ist er? Er ist ein Scharlatan, ein Ehebrecher, er ist ein Lügner", hielt man ihr entgegen. Und weiter: "Das einzig Gute an diesem Buch ist, dass es die Unmoral und Dekadenz der amerikanischen Gesellschaft bloßlegt, aber wir haben gekämpft, um uns von solchem Schund zu befreien, und es ist höchste Zeit, dass solche Bücher verboten werden."

Also strich man das Buch vom Lehrplan. Ähnlich bei Lolita - welche Katastrophe! An manchen Stellen, so die Argumentation, könnte der Leser Mitgefühl entwickeln für den Mann, der eine Minderjährige ent- und verführt. Oder ist es das Mädchen, das umgekehrt ihn verführt? Auch diese Antwort ist im Roman angelegt. Beide Interpretationen sind jedenfalls nichts für eine Islamische Republik. Die Bücher von Jane Austen waren auch nicht akzeptabel. Selbstständige, eigenwillige Frauen? Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen? So eine Literatur brauchte die Islamische Republik nicht.

Das Gegenteil zur Ideologie

Doch Literatur findet ihren Weg. Unausweichlich. Und deshalb, so hat der große iranische Schriftsteller Huschang Golschiri einmal geschrieben, haben Ideologien so große Angst vor Literatur. Weil sie ihren Weg trotzdem immer findet und weil Literatur das komplette Gegenteil von Ideologie ist: Vielheit gegen Einheit. Jeder Roman, den Nafisi in ihrem privaten Lesekreis vorstellte, sollte die herrschende Ideologie in Frage stellen. Und zwar nicht durch das, was er aussagte, sondern durch das "Wie", durch seine Haltung gegenüber dem Leben und der Literatur.

Zu diesem Experiment lud Nafisi sieben Frauen ein, die unterschiedlicher nicht sein konnten: zwei streng gläubige Frauen - auch sie aus völlig verschiedenen Kontexten - und Frauen aus der mehr oder minder westlich orientierten Mittelschicht. Allein die Spannung, die zwischen diesen Personen herrscht und die Nafisi beschreibt, wäre ein Buch wert gewesen.

Nafisi zeigt überdies sehr einfühlsam, wie die Literatur auf diese Frauen wirkt: wie sich die Religiöseren beispielsweise zuerst distanziert äußern und dann doch der magischen Kraft der Bücher erliegen. Gleichzeitig erfährt die Leserin die Geschichten dieser Teheraner Studentinnen, von den Erfahrungen, die jede von ihnen mit der Revolution gemacht hat.

Lolita lesen in Teheran gibt einen eindrucksvollen Bericht über das Leben während der Islamischen Revolution und in den ersten Jahren danach. Die Revolutionswirren kommen vor, die Besetzung der US-Botschaft, der Städtekrieg. So erzählt auch die glühende Anhängerin der Revolution, Nassrin, ihre Geschichte: Verhaftet wurde sie, halb noch ein Kind, auf einer Demonstration der oppositionellen Volksmudschaheddin, wo sie mehr aus Zufall mitmarschiert war und Flugblätter verteilt hatte.

Zehn Jahre lang erwartete sie, die Nacht nicht zu überleben. Sie hörte, wie die Todeskandidatinnen vergewaltigt wurden - denn nur wenn sie keine Jungfrauen mehr waren, war sicher gestellt, dass sie nicht ins Paradies kommen würden. Nassrin sagt: Ich habe Glück gehabt, ich bekam nur zehn Jahre. "Glück gehabt?", fragt Nafisi sie ungläubig. "Aber ja, haben Sie nicht von der Zwölfjährigen gehört, die erschossen wurde, als sie über den Gefängnishof lief und nach ihrer Mutter rief?"

Ja, so jemand hat also Glück gehabt - diese gebrochene Frau, die Nafisi beschreibt. Und man möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen das Gefängnis "nur" gebrochen hat. Was man weiß, ist, dass allein 1988 gut 8000 junge Menschen in iranischen Gefängnissen hingerichtet worden sind. Für ähnliche Vergehen wie Nassrins, der die Literatur nun, in der Abgeschlossenheit der Privaträume ihrer Professorin Nafisi, eine neue Welt eröffnete.

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