Wer hat Angst vorm "deutschen Osten"?

Der Regensburger Historiker Manfred Kittel will die angebliche "Vertreibung der Vertriebenen" revidieren

Von K. ERIK FRANZEN

Wenn er in Bayern im Jahre 2007 an einem Gebäude ein Schild mit der Aufschrift "Haus des Deutschen Ostens" entdeckt, stutzt der Laie nur wenig. Und auch der Historiker wundert sich nicht wirklich. Bereits 1970 wurde die Einrichtung, die den Rang einer nachgeordneten Behörde des Bayerischen Arbeits- und Sozialministeriums einnimmt, in München eröffnet. Seitdem wird in diesem Haus "ostdeutsche" Kultur- und Erinnerungsarbeit geleistet; einbezogen sind alle "ehemaligen und gegenwärtigen deutschen Siedlungsgebiete und Sprachinseln jenseits der deutschen Staatsgrenzen". Deutscher Osten? War da was?

Manfred Kittel hat keine Angst vor dem "deutschen Osten". In seinem Buch Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961-1982) kämpft der Regensburger Geschichtsprofessor und Mitarbeiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte für die Rettung der Erinnerung an einen scheinbar vergessenen Raum. In dem sehr gut lesbaren, kurzweiligen Werk untersucht Kittel den Vertreibungsdiskurs in der Bundesrepublik. Er geht der im Vertriebenenmilieu oft gestellten, provokant gemeinten Frage nach, ob die deutschen Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs ab 1960 nicht nur aus ihren Siedlungsgebieten, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen vertrieben worden seien.

Chronologisch vorgehend, analysiert der Autor die aus politischen Gründen immer wieder bemühte These vom angeblichen Tabu der Vertreibung, das erst vor kurzem gebrochen worden sei. Er beleuchtet dabei an verschiedenen konkreten Beispielen die Verankerung des "historischen deutschen Ostens" im erinnerungskulturellen Gesamtgefüge der Bundesrepublik einschließlich der damit verbundenen finanziellen Subvention von Bund und Ländern.

Aber warum lässt Kittel seine Untersuchung im Wesentlichen erst in den 1960er Jahren beginnen? Die ungenügende Betrachtung der zentralen Funktion des Vertriebenendiskurses für die Opfer-Selbstbefindlichkeit der 1950er Jahre muss am Ende zu einer verzerrten Perspektive führen.

Kittel deutet den Vertriebenendiskurs in Literatur, Politik und Massenmedien als durchaus vielstimmigen Prozess, der jedoch zunehmend polarisiert wurde und in der Debatte über die Ostverträge der Regierung Brandt einen Höhepunkt fand. Die Erinnerungspolitik der sozial-liberalen Koalition der Jahre 1969 bis 1982 bildet dabei die eigentliche Angriffsfläche seiner Untersuchung. In dieser Zeit habe sich die Tendenz verfestigt, die Ostdeutschen nur als "verdiente Opfer" für die Kriegsschuld der Deutschen zu betrachten und damit letztlich deren Zwangsmigration ausschließlich in den Kontext des Nationalsozialismus zu stellen.

Eine Hauptursache für diesen zutreffenden Befund marginalisiert Kittel jedoch bewusst. Die politisch organisierten Landsmannschaften mit ihrer so genannten Heimatpolitik und ihrem offensiv vertretenen Anspruch, für alle Vertriebenen zu sprechen, produzierten nämlich den Grund dafür selbst. Ihre konsequente Verdrängung der Zeit des Nationalsozialismus aus ihrem Geschichtsbild, verbunden mit dem Postulat, immer nur Objekt der Geschichte gewesen zu sein, provozierte geradezu eine Gegenreaktion. Zudem übersieht Kittel, dass die von ihm richtig diagnostizierte Strategie der führenden Vertriebenenverbände, der stete Vergleich mit den Opfern des Nationalsozialismus, letztlich in die Isolation führen musste. Wer ständig derartige Konkurrenzsituationen konstruiert, darf sich über Revanchismusvorwürfe nicht wundern.

Den Preis zahlten letztlich, zum Teil bis heute, die Vertriebenen selbst. Ihre persönlichen Lebensgeschichten, ihre individuelle Erinnerung an Verlust und Schmerz, aber auch an Glück und Erfolg wollte lange Zeit niemand hören. Sie blieben, was sie seit 1945 waren: nicht "unverdiente", sondern "unerwünschte" Opfer.

Faszinierend an der Studie ist, dass sie sich ganz anders lesen lässt, als es der Autor möchte. Der von ihm festgestellte "erinnerungskulturelle Paradigmenwechsel" seit den 1970er Jahren wird beim Lesen nämlich nahezu konterkariert. Bei der ausführlichen Schilderung der geschichtspolitischen Grabenkämpfe bis in die 1980er Jahre entsteht am Ende der Eindruck einer zwar manchmal schroffen, aber sehr nachhaltigen Erinnerungslandschaft des manchmal mythisch aufgeladenen "deutschen Ostens".

Den entscheidenden Hinweis zum Verständnis des Buchs liefert Kittel zum Schluss. Er outet sich offen als Unterstützer der Idee eines nationalen Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin, die der Bund der Vertriebenen (BdV) mit zunehmendem Erfolg ventiliert. Kittel will nicht bloß ein sichtbares Zeichen der Erinnerung, sondern den "erinnerungskulturellen Leuchtturm". Ein Haus ist ihm zu wenig, er möchte den Megastore des Deutschen Ostens. Angst vor den innen- und außenpolitischen Folgen einer solchen Monumentalisierung der deutschen Opfererinnerung hat er nicht. Hoffentlich ist für den Leuchtturm wenigstens eine Energiesparlampe vorgesehen. Sonst müsste dem Versuch, die Anliegen des BdV wissenschaftlich zu legitimieren, nachträglich eine schlechte Öko-Bilanz attestiert werden.

Manfred Kittel: Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik. Oldenbourg Verlag, München 2006, 206 Seiten, 39,80 Euro.

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