Deniz Yücel

Die Angst, vergessen zu werden

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Deniz Yücel erzählt im Frankfurter Schauspielhaus von seiner Haftzeit.

Seit der #FreeDeniz-Aktion, sagte der Journalist Deniz Yücel, werde er von jedermann geduzt, wobei er nachvollziehen könne, weshalb die Aktion nicht #FreeHerrYücel genannt worden sei. Jedenfalls sei er zu einer Art von Bekanntheit bekommen, die er sich so nicht gewünscht habe. Und das Publikum solle sich bitte nicht wundern, wenn er es ebenfalls duze.

Deniz Yücels Gespräch mit Michel Friedman war die erste von vier Großlesungen, mit denen das Frankfurter Literaturhaus zu dieser Buchmesse im Schauspielhaus zu Gast ist. Hier trafen zwei Männer aufeinander, die beide gerne tonangebend sprechen, die sich glücklicherweise offenbar aber auch gut kennen, so dass Yücel redete und las, was und wie lange er wollte, und Friedman es bald mit Seelenruhe geschehen ließ. Yücels soeben erschienenes Buch „Agentterrorist“ erzählt von seiner Zeit in türkischer Untersuchungshaft 2017/18, natürlich ist das höchst spannend und auch vielseitig, und Yücel ging nicht zu Unrecht davon aus, dass man ihm noch weit länger hätte zuhören können.

Deutlich wurde im Gespräch, wie schwierig es ist, Situationen von außen zu beurteilen. Yücel sprach von der atemberaubenden Angst vergessen zu werden, die wohl jeden Menschen ankomme, hinter dem sich eine Zellentür schließe. Er vermittelte einen Eindruck davon, wie es ist, in Monaten zu denken (denn an eine jahrelange Haft habe er nie geglaubt). Er betonte, wie sehr er sich gerade in Haft bemüht habe, Subjekt zu bleiben. Er erzählte vom relativ respektvollen Umgang unter den Häftlingen, einer rechtsstaatlich betrachtet bizarren Mischung aus politischen Fällen und Kriminellen.

Er bemühte sich, Michel Friedmans Frage nach der Wirksamkeit öffentlicher Kampagnen zu beantworten. Für ihn sei es, seiner Angst wegen, unbedingt besser gewesen, selbst auf die Gefahr hin, dass es so ein paar Monate länger gedauert hätte (unbeweisbar). Die deutsche Diplomatie sei dagegen skeptisch gewesen, hätte es lieber leiser gehabt, so Yücel, der sich insgesamt für die Hilfsbereitschaft bedankte – und darauf hinwies, dass nur die deutsche Wirtschaft, die überwiegende Zahl der dafür angefragten Konzerne sich einer möglichen Anzeigenkampagne verschlossen habe.

Dabei sei der türkische Präsident Erdogan seitens der Wirtschaft angreifbar, letztlich allein dadurch, denn diesem Politikertypus sei kaum beizukommen außer über die Gefährdung seines Macherhalts. Dem Machterhalt solle auch der Militäreinfall in Syrien dienen, Erdogan brauche permanente Konflikte, um sein System am Laufe zu halten – an dessen Ende (und dieses Ende komme immer) ihn kein ruhiger Lebensabend erwarte, davon gehe er, Yücel, aus, und davon gehe zweifellos auch Erdogan aus. Ansonsten sei es „den Irren“ immer möglich, weiter zu gehen als jenen Politikern, die funktionierenden parlamentarischen Strukturen Rechenschaft schuldig seien.

Deniz Yücel hatte bunte Briefumschläge mitgebracht, zu den Briefen seiner Frau Dilek, die ihn immer nach Ewigkeiten im Gefängnis erreichten. Und er hatte den „Kleinen Prinzen“ dabei, in den er in der Haft einen Bericht über seine Situation schrieb. Die Gegenstände sehen so frisch und neu aus, dass dadurch plötzlich spürbar wurde, wie sehr das gerade erst passiert ist, unmittelbarster Teil der Gegenwart.

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