Die Angst vor der Todesstille

Sackhüpfen, jubeln, weinen: Friederike Mayröcker legt mit figuralen Herzensergießungen ein mutiges Buch vor

Von ROLF-BERNHARD ESSIG

Gute Bücher nehmen den Leser auf eine Reise mit, bessere entführen ihn gar, die besten aber entrücken ihn aus der gewohnten Lese- und Lebenswelt. Je freier der Autor, um so leichter gelingt es ihm, Letzteres zu erreichen, und Friederike Mayröcker hat in Jahrzehnten der Konzentration diesen Zustand der Freiheit in immer höherem Grad erreicht. Mit ihrem geradezu stürmischen Buch Und ich schüttelte einen Liebling erreicht sie nun das Äußerste, zugleich einen Höhe- und Tiefpunkt an schöner Rücksichtslosigkeit - im Stilistischen und im Emotionalen.

Fast erschrocken vom eigenen Extremismus, spricht Mayröcker etwa in der Hälfte ihres Buches die Lesenden an: "... oder ist das nicht alles ein wenig zu hochgegriffen, lieber Leser, liebe Leserin, denn ich bitte Sie im Grunde wohnen Sie ja einer ANGST REISE bei, nicht wahr ...". Das stimmt und stimmt doch nicht, denn dieses atemlose Werk, das Aufzeichnungen von August 2003 bis Mai 2004 enthält, ist eine radikale "Selbstentblöszung" Mayröckers, so dass die Angst naturgemäß eine Rolle spielt: "ach die Angst vor der TODES STILLE die in jedem meiner Worte offenbar wird, nämlich das Unersetzliche das Einzigartige das Leben : zu verlieren". Genauso gut könnte man aber auch sagen, der Leser wohne einer Liebes-, Freundschafts-, Sehnsuchts-, Begeisterungs- und Lesereise bei: Ernst Jandl spricht sie in diesem Buch weiterhin an, er bleibt auch Jahre nach seinem Tod Fluchtpunkt der Existenz. Mayröcker webt in ihre Sätze ihre Lektüre ein - vor allem die von Gertrude Steins und Jacques Derridas Werken. Sie schreibt über ihre dämonischen Schreiberfahrungen, sie denkt an die Mutter, erinnert sich an Freunde und preist deren Bedeutung. Neun Monate lang hält sie ihre Gedanken, Gefühle, Gebrechen fest, die Gänge ins Caféhaus, zu ihrer alten Ärztin und durch die Zeiten.

Das Versenken in die Gefühle, das Züge von Asozialität trägt

Doch ist Und ich schüttelte einen Liebling kein Tagebuch im eigentlichen Verstande. Friederike Mayröcker versenkt sich in ihre Gefühle mit einer Intensität, die, wie sie weiß, durchaus Züge von Asozialität trägt. Doch schon Joseph Brodsky meinte: "Wenn die Kunst den Künstler - in erster Linie - überhaupt etwas lehrt, dann ist es die Privatheit der menschlichen Existenz. Als älteste Form der Privatinitiative fördert sie in jedem Menschen, wissentlich oder unwissentlich, das Bewusstsein seiner Einzigartigkeit, seiner Individualität und Absonderung, und verwandelt ihn so von einem sozialen Lebewesen in ein autonomes Ich." Aus diesem Grund schlägt gerade die unerbittliche Fixierung des Höchstpersönlichen um in eine Botschaft für jeden einzelnen Leser.

Es geht dabei nicht um ein repräsentatives Dasein des Dichters, sondern um Mayröckers Präsentation des Menschlichen in künstlerischer Rücksichtslosigkeit: "... und ich glaube, sage ich zu EJ, man kann gar nicht realistisch genug und verrückt genug schreiben und man kann gar nicht vernarrt genug sein in dieses und jenes und in diese und jene Person, und all meine Tränen aus Liebe, viel Kritzeln im Kopf und ich schreibe jetzt figural, sage ich zu EJ, und ich bin zu alt um mir sagen zu lassen was ich tun solle, trotzdem sehne ich mich manchmal nach dem Zustand auf jemanden hören zu können ..."

Dieses "figurale" Schreiben Mayröckers hat sich lange vorbereitet und ist doch hier zu etwas Neuem geworden. Seit vielen Jahren geht sie schon eigenwillig mit der Interpunktion um, nützt die Typografie, um den Fluss der Worte und Gedanken mal zu stauen, dann wieder widerstandslos fließen zu lassen. Dazu wechselte sie in Lyrik und Prosa nicht selten mitten im Satz die Richtung, brach Formulierungen ab, setzte unvermittelt neu an. Dieses Verfahren treibt sie in ihrem neuen Buch auf die Spitze, ohne dass doch der Zusammenhang gestört wäre, vielmehr entspricht der zersplitterte Sinn und das Springen zwischen Zeiten und Themen ihrer Existenz wie der menschlichen überhaupt. Kursive Sätze, groß geschriebene Wörter, lyrische Einsprengsel heben sich besonders hervor aus dem Fließen, seltene Absätze setzen Pausen.

Das alles kombiniert Mayröcker mit dem ebenfalls öfters von ihr angewendeten Prinzip von Wiederholung und Variation, das wiederum hier radikalisiert wurde. Etwa hundert Wendungen, Wörter und Satzgefüge begegnen uns unentwegt, mal identisch, mal verändert: Da ist der Titel, dann Sätze über das Befinden ("und dann fällt mir das Blut in die Füße hinunter"), über Einstellungen ("und immer wieder diese geriatrische Sicht der Dinge"), über das Schreiben ("in meinem Schoß die Notizblätter zwitschern"), über Gefühle ("und es schnürte mir den Hals"), über Atmosphärisches ("und Sonne innig glänzte"), lyrische Wendungen ("nämlich was steht zwischen meinen Schulterblättern geschrieben") und Poetologisches: "ich weise die Forderung nach Humor in den schönen Künsten zurück", dazu Zitate und vieles andere.

Ein mächtiger Wortstrom, eine Symphonie mit hundert Themen

Am besten kann man die Wirkung dieser wiederkehrenden Formulierungen inmitten des mächtigen Wortstroms mit musikalischen Begriffen beschreiben, und tatsächlich klingt Mayröckers Sprache reich und voll. Ein wenig nähert sich das Buch den Prinzipien der "minimal music", da auch hier Variation und Wiederholung meditativ einerseits, aufmerksamkeitssteigernd andererseits wirken. Doch sind es zu viele Themen, die erklingen, und zu viel weiteres Material wird verarbeitet. Am ehesten gleicht das Buch einer Symphonie fantastiquemit hundert Themen, und wie die Komposition von Berlioz beschreibt Mayröckers Buch "Episoden aus dem Leben eines Künstlers", denn sie beschränkt sich nicht auf ihre aktuelle Situation, das Wehen des Geistes treibt sie auch in alle anderen Lebensstufen.

In nur neun Monaten Arbeit ist Mayröcker eine wunderbare Buchgeburt gelungen. Man liest zwar unverkennbar ein kühnes Alterswerk, doch gleichzeitig ein Buch, in dem jugendliche Leidenschaft wie kindliche Spielfreude und Mut des Erwachsenen zu finden sind. Einem ihrer Ziele ist Mayröcker damit sehr nahe gekommen: "eigentlich imaginiere ich zu schreiben wie Francis Bacon gemalt hat - Kolossal Maler aller Tabus ledig".

Kolossal sind ihre Themen: Tod, Todesangst, Trauer, Kunst, Liebe, Glück. Klein aber sind oft die Dinge, die deren Behandlung auslösen: Ein liegen gebliebener Handschuh oder ein Maiglöckchenduft-Traum können genügen, sie an die Schreibmaschine zu treiben, ein unerwarteter Besuch oder ein kurzer Brief, über den Mayröcker etwas schreibt, das ideal auf ihr Buch zutrifft: "... und ich dachte es sei schön, man könne alles AUFBLASEN den ganzen Text aufblasen oder auch reduzieren den ganzen Text DEHYDRIEREN, nicht wahr, man stecke ja drinnen und könne alles tun mit dem Text also man könne sich in ihm bewegen und man liebe ihn, und man könne sackhüpfen in ihm und man könne überhaupt alles tun in ihm und mit ihm und man könne jubeln in ihm und weinen in ihm, und es war überhaupt das schönste was es gab, mit ihm eins zu sein."

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