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Angst vor dem Bürgerkrieg Dirk Blasius über Weimars Ende

August Thalheimer hat bereits in seinen hellsichtigen Gedanken Über den Faschismus aus dem Jahre 1930 darauf hingewiesen, dass es zu den wesentlichen

Von ALEXANDER GALLUS

August Thalheimer hat bereits in seinen hellsichtigen Gedanken Über den Faschismus aus dem Jahre 1930 darauf hingewiesen, dass es zu den wesentlichen faschistischen Strategien der Machteroberung zählte, der bürgerlichen Gesellschaft "Ruhe und Ordnung" zu versprechen. Das hieß zugleich, für "beständige Unruhe und Unsicherheit" zu sorgen, um als permanenter und unentbehrlicher "Retter der Gesellschaft" erscheinen zu können.

Dieses Spannungsfeld zwischen Ordnung und Gewalt in Politik und politischer Kultur der Weimarer Republik zieht seit einiger Zeit wieder die Aufmerksamkeit der Weimar-Forschung auf sich. Der Essener Historiker Dirk Blasius widmet sich einer spezifischen Variante des Gewaltthemas: dem Bürgerkrieg und der Furcht davor in der Endphase Weimars.

"Als Erfahrungs- und Deutungskategorie der Mitlebenden", schreibt er, "erschließt der Begriff des Bürgerkrieges eine Konfiguration, die die Weimarer Staatsordnung von innen her zerstört hat." Auf der Grundlage eingehenden Quellenstudiums - nicht zuletzt der Auswertung von Zeitungsberichten - kann er zeigen, wie präsent Begriff und Phänomen in Politik und Öffentlichkeit der Jahre 1930 bis 1933 waren.

Als "Bürgerkrieg" zum politischen Schlagwort wurde

Spätestens 1932, als die Wahl- und Straßenkämpfe einen Blutzoll bis dahin ungekannten Ausmaßes forderten, avancierte "Bürgerkrieg" zum "politischen Schlagwort des Jahres". Nicht nur die gerade im Sommer 1932 nach Aufhebung des SA-Verbots akute Bürgerkriegslage, die allein im Juli für 86 Tote sorgte, trug zum Scheitern Weimars bei, auch die Bürgerkriegsphobie, die zu Fehleinschätzungen führte und die politisch Verantwortlichen verunsicherte. In dieser angespannten Situation kam deutlich zum Ausdruck, wie sehr es dem ersten demokratischen Verfassungsstaat der deutschen Geschichte an Selbstbewusstsein mangelte.

Die Erhaltung der Legalität und des Staates an sich, eben die Vermeidung des Bürgerkriegs, dominierte das Verhalten der politisch Verantwortlichen und selbst jener, die der Weimarer Ordnung wohlwollend oder wenigstens neutral gegenüberstanden. Die Vereitelung eines antidemokratischen und unparlamentarischen Regierungssystems war dagegen auf der Prioritätenliste weiter unten angesiedelt. Die Angst vor der kommunistischen Gefahr, verbunden mit dem Wunsch nach bürgerlicher Sicherheit, arbeitete den Nationalsozialisten in die Hände. Auch einer Reihe konservativer Meinungsführer schienen die alten "Honoratiorenparteien" zu behäbig und letztlich überfordert, den Kampf auf der Straße in den Griff zu bekommen.

Selten wurde die schwelende Staats- und Demokratiekrise seit Einsetzung des ersten Präsidialkabinetts unter Zentrumskanzler Heinrich Brüning 1930 so quellennah und stringent geschildert wie es Dirk Blasius tut. In einem Prozess der Radikalisierung, das unterstreicht die schmale Studie, wurde "Bürgerkrieg zum bestimmenden Faktor von Regierungspolitik", ja die "feststehende Achse, um die sich die Politik in Deutschland mit all ihren Listen und all ihrer Ranküne drehte".

Die Weimarer Institutionen haben die Gefahr verkannt

Der Autor argumentiert gegen die These, dass die Weimarer Republik gleichsam zwangsläufig aufgrund unveränderbarer Strukturdefekte ihrem Ende entgegengegangen und schließlich eine Art Erschöpfungstod gestorben sei. Kritisch steht er jedoch der These gegenüber, das totalitäre "Dritte Reich" hätte durch Errichtung eines autoritären Regimes, einer Militärdiktatur unter Federführung Kurt von Schleichers, vermieden werden können. Mit gutem Grund macht Blasius die Institutionen der Weimarer Demokratie und ihre Akteure - von der Reichsregierung über den Reichspräsidenten bis zur Reichswehr und den Gerichten - dafür verantwortlich, dass sie die "tödliche Gefahr" verkannt hätten, "die von den politischen Gewalthandlungen der Rechten ausging".

Die Studie belegt eindrücklich, wie sehr deutsche Politik und Öffentlichkeit damals noch von staatlichem Ordnungsdenken bewegt und wie schwach die Wertebindung an den demokratischen Verfassungsstaat westlicher Provenienz war. Es fehlte ein klarer Schnitt zwischen Demokratie hier und Extremismus sowie Diktatur dort. Unter dieser Voraussetzung konnte das Schreckbild des Bürgerkriegs wesentlich zum Erfolg Hitlers beitragen. Es ist paradox: Im Gewand der Antibürgerkriegspartei kamen die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht, um für den "Bürgerkrieg in Permanenz" zu sorgen.

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