+
Die amerikanisch-koreanische Autorin Angie Kim. Foto: Tim Coburn

Debütroman

Angie Kim: „Miracle Creek“ – Was sollen sie von Elizabeth halten?

  • schließen

Angie Kims außergewöhnlicher Spannungsroman „Miracle Creek“ erzählt auch von Müttern mit behinderten Kindern.

Alles spricht gegen Elizabeth, alles macht Elizabeth verdächtig. Sie ist, ausnahmsweise, nicht mit ihrem Sohn in die Druckkammer gegangen. Sie wollte, dass Henry auf einem bestimmten Platz sitzt, auf dem er bei den Behandlungen sonst nie saß. Sie wurde mit Zigaretten der Marke Camel und Streichhölzern am nahen Fluss gesehen. Sie hat einer Freundin gestanden, sich schon mal, wenn auch nur für Augenblicke, den Tod von Henry gewünscht zu haben. Die Freundin, Teresa, selbst Mutter eines behinderten Kindes, hatte Verständnis, ging es ihr doch nicht anders.

Aber nun soll Teresa, die das Gespräch für harmlos hielt, vor Gericht aussagen. Denn jemand – die Ermittler denken: Elizabeth – hat unter einem Zuleitungsschlauch zur Druckkammer für hyperbare Sauerstoff-Therapie Feuer gelegt, mit Reisig und einer Camel. Das tragische Unglück mit zwei Toten scheint ein Mordanschlag gewesen zu sein. Henrys Kopf verbrennt im Sauerstoff-Feuersturm, Matt, neben dem Kind sitzend, versucht noch, ihm den Helm vom Kopf zu reißen, im Krankenhaus müssen ihm einige Finger amputiert werden. An ihren starken Verbrennungen stirbt neben Henry eine der Mütter, sie hatte sich gerade erst mit Elizabeth gestritten, scherzte danach, diese würde sie wohl am liebsten umbringen. Man sagt das halt so, bis jemand meint, das sei nicht nur so gesagt worden.

Angie Kim: Miracle Creek. Roman. A. d. Engl. v. Marieke Heimburger. Hanserblau

Angie Kim, geboren in Seoul, mit ihren Eltern als Kind in die USA gezogen, Jurastudium in Stanford und Harvard, hat mit ihrem Erstlingsroman „Miracle Creek“ im vergangenen Jahr Aufsehen erregt und viel Lob eingeheimst. Was das Buch so ungewöhnlich macht, ist, dass Kim in einem veritablen Spannungsroman drei durchaus heikle Themen scheinbar mühelos, sensibel und differenziert unterbringt: Das eine ist das Leben mit einem behinderten Kind, das andere die Selbstverständlichkeit, mit der Männer das Sagen haben wollen, das dritte der Rassismus, dem Migranten begegnen. Die auch so genug Probleme haben, vom Erlernen der fremden Sprache bis zum Geldverdienen – damit das Kind ein besseres Leben hat.

Pak Yoo, zertifizierter Techniker für Überdruckbehandlung, versucht das im kleinen Ort Miracle Creek, Virginia, mit dem „Miracle Submarine“, das kein U-Boot ist, sondern eine Druckkammer. Die Nachfrage nach Sauerstoff-Behandlungen ist gut. Bis zum Dienstag, 26. August 2008, und dem „Vorfall“.

Angie Kim beginnt ihren Roman mit der Beschreibung dieses schlimmen Tages, springt dann direkt zum Prozess ein Jahr später. Von diesem erzählt sie Tag um Tag und aus Sicht verschiedener Charaktere, auch immer wieder in direkter Rede, in Zeugenbefragungen vor allem. Angeklagt ist Elizabeth, der Staatsanwalt ist seiner Sache sicher, die Verteidigerin hat ihrerseits penibel recherchiert und kann manches widerlegen. Die Leserin weiß da schon, dass die Familie Yoo nicht durchweg die Wahrheit sagt, weiß, dass die Ermittler nicht alles herausgefunden haben, trotzdem ist „Miracle Creek“ fast ein Whodunnit, komplett mit Cliffhangern.

Das eine ist der intrikate, aber tadellose Bau von „Miracle Creek“. Das andere, dass durch die Verteilung der Perspektive auf unterschiedliche Personen belegt werden kann, dass es die eine Wahrheit bei vielen Dingen gar nicht gibt. Die vielleicht schillerndste Figur ist Elizabeth, die mal kalt, mal überbesorgt wirkt. Man könnte meinen, sie habe den autistischen Henry mit allzu vielen Behandlungen gequält. Man könnte aber auch meinen, sie habe zu Recht alles versucht, schließlich hat Henry irgendwann ganze Sätze formuliert und konnte auf die Regelschule wechseln. Die anderen Mütter aus der Selbsthilfegruppe haben Henry vielleicht bedauert. Die anderen Mütter waren vielleicht neidisch, als er dann der Vorzeigejunge war.

Die Form erlaubt es Angie Kim, ihre Themen zu drehen und wenden, sie tut es ausführlich, aber keineswegs zu ausführlich. So erzählt sie komplex und berührend von den Frauen (es sind fast immer die Mütter, kaum die Väter), deren Leben bestimmt wird von einem behinderten Kind. Die es von Herzen lieben. Die manchmal darüber nachdenken, wie es wäre, kein behindertes Kind mehr zu haben.

Die amerikanisch-koreanische Autorin erzählt von Young Yoo, Paks Frau, die noch erzogen wurde, sich ihrem Mann unterzuordnen. Von Tochter Mary, eigentlich Meh-hee-yah, die bald perfekt Englisch spricht, trotzdem in der Schule Rassismus zu spüren bekommt. Während ihrem Vater Pak die fremden Wörter oft schwer auf der Zunge liegen.

Sie alle – dazu Matt, der wegen seiner schlappen Spermien in der Druckkammer war; dazu dessen koreanischstämmige Frau Janine, die den Wok, den sie zur Hochzeit bekam, ganz hinten in den Schrank geschoben hat; dazu Teresa, die nicht mehr weiß, was sie von Elizabeth halten soll –, sie alle also umkreist Angie Kim behutsam, aber auch nüchtern und präzise. Sie macht sie nicht lieb und nett. Sie macht sie nicht böse. Erst ganz am Ende kommt ein wenig Kitsch dazu, er sei verziehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion