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Eirene mit Plutosknaben, um 370 v. Chr.
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Eirene mit Plutosknaben, um 370 v. Chr.

Bildband

Angelika Storm-Rusche: „Unzertrennlich. Mutter & Kind in der Bildhauerkunst“ – Eine einzigartige Zweisamkeit

  • VonIngeborg Ruthe
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Von Göttinnen, Madonnen, Frauen wie du und ich: Angelika Storm-Rusche Band über Mutter und Kind in der Bildhauerkunst.

Unzertrennlich“. Schon der Titel dieses Kunst-Buches, das recht gut unter den Weihnachtsbaum passen könnte, besagt, dass es um eine seit Urzeiten zutiefst menschliche Beziehung geht. Sie wurde mythisch-kultisch dargestellt in archaischen Kulturen der Mutter als Archetyp, als Frucht und Hüterin des Lebens und idealisiert in der Antike. Heilig, und anbetungswürdig sehen wir sie im christlich-religiösen Kontext der Madonnen-Erzählungen und inniglich, oft idealisiert auch in der säkulären Welt des Westens wie des Ostens.

In der Moderne wagten es Künstler und Künstlerinnen, etwa der Dada-Bewegung und im Surrealismus ein wenig ketzerisch. Mit der Folge, dass so manches Bildwerk heutzutage als kaum mehr ausstellbar gilt, man denke etwa an den Surrealisten Max Ernst, der 1926 ein Bild malte, auf dem die Heilige Madonna vor Zeugen den Jesusknaben verhaut. Möglicherweise war ihm die Idee dazu gekommen, als er im Frankfurter Liebieghaus vor jener kleinen Elfenbeinskulptur aus dem späten 19. Jahrhundert stand – einer nackten jungen Venus, die den dreisten kleinen Amor züchtigt.

Die Bonner Kunsthistorikerin Angelika Storm-Rusche hat sich dem uralten, in zahllosen Kunstgattungen dargestellten Thema einmal ganz der Bildhauerei seit der Antike bis in die Neuzeit und die – abendländische – Moderne zugewandt. Ihr Fazit: Das Motiv ist schier unerschöpflich. Erhabene heidnische Göttinnen, ehrwürdige biblische Madonnen und moderne junge Mütter mit ihren kleinen Kindern – die naturgegebene Zweisamkeit von der Sekunde der Empfängnis und dem Werden und Wachsen im Mutterleib an weckt bei den Betrachtenden sofort Emotionen. Die Innigkeit dieser Beziehung hat über die Zeiten zahllose berühmte und unbekannte Bildhauer und Bildhauerinnen beflügelt und berückende Formungen hervorgebracht. Auf 111 Buchseiten begegnen wir der Mutter-Kind- Symbiose in Marmor, Bein, Holz und Bronze.

Das Buch

Angelika Storm-Rusche: Unzertrennlich. Mutter & Kind in der Bildhauerkunst. Wienand. Köln 2021. 112 S., 25 Euro.

Storm-Rusche traf eine klassische Auswahl. Einige Bildwerke erlangten Berühmtheit, andere stille Anerkennung. Die rheinische Autorin ist vertraut mit den ikonischen Madonnen der Kirchengeschichte wie mit Artefakten vorchristlicher Zeiten, ist in Berührung gekommen mit den Mutter-Kind-Darstellungen der alten Römer und der Meister des Mittelalters, der Avantgarde um Picasso und des Expressionismus um Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Lehmbruck, Käthe Kollwitz, schließlich mit den auratischen Nachkriegs-Plastiken Henry Moores. Scholastische Einordnungen lässt sie beiseite. In ihren Bilderzählungen erkennen wir ganz von alleine, ob es sich um Urmythisches, Religiöses oder Modernität handelt.

Blick, Wissen und Emotion der Autorin sind ganz auf das Wesenhafte gerichtet, die einzigartige Zweisamkeit von Mutter und Kind, egal in welcher Lebenslage, in welcher gesellschaftlichen oder politischen Situation. Und so begreifen wir das Thema als zeitlos, als etwas Ursächliches, Ewiges. Die antiken Mutter-Kind-Skulpturen wirken ideal und erhaben, in der Romanik streng und feierlich, in der Gotik ist die bedingungslose Mütterlichkeit betont, und in der Renaissance sind es hinreißende Mädchen – der Immaculata-Typ. Im Barock werden die Madonnen-Figuren mit Sinnlichkeit aufgeladen, und im 19. Jahrhundert sind sie wieder klassisch idealisiert.

Seit der frühen Moderne finden sich die unterschiedlichsten Auslegungen – bäuerliche Madonnen und expressiv übersteigerte Muttergestalten neben anmutigen, ganz dem Kind zugewandten mit Baby im Arm. Wilhelm Lehmbruck formte 1907 eine solche, fast geometrisch trapezartig angelegte Plastik, die Frau in elementarer Nacktheit, ganz dem Sohn zugewandt, so entsteht ein – unsichtbarer – Raum, den man beim Betrachten respektiert, man will diese beiden nicht stören.

Storm-Rusche entfernt unsere Erwartungen zudem vom traditionellen Madonnen-Bildnis von Mutter-Sohn. Sie bringt uns auch sehr viel seltenere Werke von Müttern mit Töchtern nahe, etwa Ernst Ludwig Kirchners „Frau und Mädchen“, 1923. Dieser farbigen Holzskulptur, wo die ruppigen Spuren von Axt und Eisen deutlich zu sehen sind, eignet etwas Ambivalentes. Diese Frau ist weder Venus noch Madonna. Eher eine herbe Eva aus dem Volk, die es im Leben nicht einfach hat und ihrer Tochter könnte es einmal ähnlich ergehen.

Als Picasso 1950 seine „Frau mit Kinderwagen“ aus Bronze formte, erst in Gips, dann in Bronze, ging er auf die 70 zu – ein alter Vater, der mit der jungen Malerin Françoise Gilot zwei Kinder hatte, allerdings nie mit ihnen am Meer Sandburgen baute oder Ball spielte, wie andere, jüngere Väter. Im Wägelchen sitzt die kleine Paloma. Die Beziehung der Eltern hatte schon damals, wie wir wissen, einen krassen Riss.

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