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Auf dem Friedhof wird der Wende-Verlierer freundlich.
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Auf dem Friedhof wird der Wende-Verlierer freundlich.

Angelika Klüssendorf

Angelika Klüssendorf: „Vierunddreißigster September“ – Vom Wutbürger zum Gutbürger

  • VonCornelia Geißler
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Angelika Klüssendorfs „Vierunddreißigster September“: Ein Dorfroman mit düsterem Humor.

Sie hätte das Gewehr nehmen können, schreibt Angelika Klüssendorf, „entschied sich aber für die Axt“. Das unerhörte Ereignis, auf dem ihr neuer Roman aufbaut, geschieht bereits auf Seite 18. Hilde lässt am Silvesterabend die Axt auf den Schädel ihres Mannes Walter sausen. Danach geht sie tanzen und verschwindet. Walter aber bleibt im Buch, er bleibt auch in seinem Dorf im deutschen Osten anwesend. Wie in diesem Roman, der mit dem Titel „Vierunddreißigster September“ auf Unwirkliches verweist, sich dennoch die Verhältnisse der Gegenwart spiegeln, das ist schon sehr besonders.

Nicht nur Walter, viele Insassen des Dorf-Friedhofs sind noch wach, zwar für Lebende nicht sichtbar, aber untereinander im Kontakt, auch in der Lage, herumzulaufen und sogar Aktenschränke zu öffnen. Manche tapern schon seit Jahrzehnten herum. Klüssendorf ist da großzügiger als ihr US-amerikanischer Kollege George Saunders, der in seinem Roman „Lincoln im Bardo“ die Toten an nur einem einzigen Tag zwischen Diesseits und Jenseits sprechen ließ.

Walter, eine eigentlich tragische Figur, auf den das Etikett Wende-Verlierer passte und in dessen Wesen Enttäuschung brodelte, hat als freundlicher Toter seine letzte Gestalt erhalten. Denn die Autorin bietet zwei Möglichkeiten an, warum Hilde ihn getötet hat: Mitleid oder Enttäuschung. An seinem Hirntumor wäre er ohnehin und vermutlich qualvoll gestorben. Durch den Tumor aber ist er so nett geworden, dass er nicht mehr zu sich selber passte. Ramponiert am Kopf, aber zugewandt, begegnet er seinen Mit-Toten. Seine Schwiegermutter mit dem sprechenden Namen Gerda Engel weist ihm die Rolle des Chronisten zu. Die Autorin blickt im Roman meistens durch seine Augen, setzt noch andere Stimmen dazwischen, auch die der abwesenden Hilde.

In der Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, 2011 bis 2018 erschienen, erzählte Angelika Klüssendorf von der Rettung eines Mädchens aus dem Kinderheim und einer jungen Frau aus politischen Zwängen durch Literatur. Parallelen zum Leben der 1958 geborenen, in Leipzig aufgewachsenen und 1985 in den Westen ausgereisten Autorin ließen sich erkennen.

Das Buch

Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September. Roman. Piper. 224 S., 22 Euro.

Der neue Roman ist von derselben knappen, direkten Sprache bestimmt, in der Handlung aber ganz unabhängig davon. Er spielt über ein paar Monate in Brandenburg oder vielleicht Mecklenburg. So wie im Buchtitel der September über den Kalenderrand weitergeht, muss eben auch die Beerdigung keinen Schlusspunkt setzen – solange man in der Erinnerung eines Lebenden auftaucht.

Ein kleines Detail wirkt dabei wie ein Gruß an Klüssendorfs allerersten Roman. Ein kluger Toter preist die Bedeutung von Gerüchen für die Erinnerung. Frische Brötchen, Quarkkuchen, Meeresluft nennen seine Gefährten, bis einer sagt: „Duosan Rapid“. Nach diesem Klebstoff mit markanter Duftmarke aus der DDR hieß schon das Anfangskapitel von „Alle leben so“, im Jahr 2001 erschienen. Es scheint die Erinnerung an begrabene Verhältnisse auf: Alles hatte seine Ordnung, zu wählen blieb wenig. Pepe, der Duosan im neuen Buch erwähnt, ist jung gestorben, er war das Opfer einer dummen Wette. Und wenn er nun die Träume seines lebenden Bruders Leo wie einen Film anschaut, dann sieht er sich darin herumgeistern.

Leo gehört das nächste Kapitel im „Vierunddreißigsten September“. Während er mit einem Kumpel einen Joint raucht, sagt er „Wir sind abgehangen.“ Der andere will wissen, wer dieses Wir sei. „Na, wir Ostdeutschen.“ Wer das sage? „Na, die Westdeutschen.“ Der andere findet’s komisch: „Schinken kannste abhängen.“ Aber dann bereiten sie sich auf ein Ereignis vor, das vielleicht nicht den ganzen Osten, aber mindestens dieses Dorf nach vorn bringen könnte. Ein bedeutender Regisseur aus den USA soll seinen Besuch angekündigt haben. So liegt in der Kunst auch hier eine Chance. Allerdings: Angelika Klüssendorf ist eine Autorin, die mit Hoffnung sehr sparsam umgeht.

In unserer schnellen Zeit sind ausgerechnet Dorfromane auf dem Buchmarkt erfolgreich. Regina Scheers „Machandel“, Dörte Hansens „Altes Land“ und „Mittagsstunde“, Juli Zehs „Unter Leuten“ und „Über Menschen“. Angelika Klüssendorfs neues Buch passt dazu und passt auch wieder nicht.

Auch in dem Ort, von dem sie erzählt, kann man die Gesellschaft wie in einem Trichter sehen. Was sich in der Stadt großzügig verteilt, rutscht in diesem kleinen Kosmos eng aufeinander: die Schriftstellerin und ihr schöner Partner, ein genervter Biobauer, eine mutlose Kneipenwirtin, der arbeitslose Einbeinige und seine dicke Mutter, der Arzt, der sich für einen großen Maler hält, der Manisch-Depressive, genannt „Bipolarchen“, die neuen Nachbarn aus dem Westen. Mit dem Kunstgriff, die Toten unter die Lebenden zu mischen, kann die Autorin sich eine ungewöhnliche Art der Kommentierung erlauben, oft klingt ein düsterer Humor heraus. Der Wutbürger ist zwar ein Gutbürger geworden, aber lediglich aus medizinischen Gründen.

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