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Angela Steidele: „Aufklärung“ – Ganz wahr ist es nicht, falsch erst recht nicht

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Von: Martin Oehlen

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Hand aufs Buch: Luise Gottsched, 1757.
Hand aufs Buch: Luise Gottsched, 1757. © piemags/Imago

Angela Steidele und ihr so leichtfüßiger wie fundierter Roman über die „Aufklärung“.

Es ist so schwer, sich in diese Zeit zu versetzen“, klagt Dorothea Bach (1708-1774). Dabei liegt „diese Zeit“ noch gar nicht so lange zurück, als sich die „Jungfer Bachin“ den Erinnerungen an ihre Freundin Luise Gottsched (1713-1762) widmet. Um wie viel größer war wohl die Herausforderung für Angela Steidele, geboren im Jahre 1968, sich für ihren Roman „Aufklärung“ auf das Leipzig des 18. Jahrhunderts einzulassen! Zusammen freilich sind sie, die Romanautorin und ihre Romanerzählerin, stark genug, um ein farbenfrohes Zeitgemälde zu erschaffen.

Angela Steidele befindet sich auf historischer Mission. Abermals bringt sie uns Frauen aus der Zeit vor 1850 nahe. So wie sie es zuvor schon getan hat, als sie Catharina Linck (alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel), Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens sowie Anne Lister und Ann Walker aus dem Schatten der Vergangenheit ans Licht unserer Gegenwart geholt hat. Frauen seien damals, so sagte die Autorin einmal anlässlich ihrer „Poetik der Biografie“ (2019), „viel ungebärdiger gewesen als sie dargestellt werden“.

Das bezeugt auch die Geschichte der Luise Gottsched, die aus Danzig stammte und den Leipziger Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched (1700-1766) geheiratet hat. Erzählt wird sie von Dorothea Bach, der Tochter aus erster Ehe des Thomaskantors Johann Sebastian Bach (1685-1750). Sie betreibt eine Art Faktencheck: „Ich habe mich halt so über die Biografie Luises geärgert, die der Professor veröffentlicht hat.“ Gottsched habe „ja eigentlich nur sein eigenes Leben geschildert und nennt es das Leben seiner Frau.“ Solche Ignoranz empört Dorothea umso mehr, da die Gottschedin die Karriere ihres Ehemannes mit allerlei Beiträgen gefördert hat.

Angela Steidele bietet ein Leipziger Allerlei aus Kunst und Wissenschaft, Eitelkeit und Solidarität, Aufbruch und Reaktion, Theater vor und hinter der Bühne. Sehr bekannte und kaum noch bekannte Personen finden hier zusammen. Männer geben den Ton an. Doch die scheinbar festgefügten Verhältnisse geraten ins Wanken. Das „Sapere aude!“ des Horaz, seine Aufforderung „Wage, weise zu sein“, findet neuen Zuspruch. Professor Gottsched ruft es seinen Studenten zu: „Sapere aude, sapperlot!“

Da wird dann auch die Rolle der Frau neu bedacht. Nicht allenthalben. Aber da und dort. Ein guter Ort ist dafür der Salon der Schriftstellerin Christiane Mariane von Ziegler (1695-1760), damals „die berühmteste Frau Deutschlands“. Dorothea Bach imponiert besonders, „dass sie sich in den Vorreden zu ihren Büchern stets für die Bildung von Mädchen einsetzte, die schließlich mit dem gleichen Verstand wie die Knaben geboren würden.“ Tatsächlich scheint die Zieglerin ihrer Zeit weit voraus zu sein und sogar unsere Gender-Debatten zu führen: „Wer seine Vernunft gebraucht, kann die deutsche Sprache nicht geschlechtergerecht finden. Seine, verstehen Sie?“

Mit Luise Gottsched wohnt nun ein weiteres „hochgelahrtes Frauenzimmer“ in der Stadt. Ja, die Ich-Erzählerin Dorothea wird sie gegen Ende des Romans gar als die gelehrteste Frau Europas bezeichnen. Die Gottschedin glaubt an die Kraft des Forschens und Denkens: „Mit der Zeit wird die Vernunft das Böse in der Welt überwinden, denn es ist unvernünftig, unlogisch und kann daher keinen Bestand haben.“ Bei Johann Sebastian Bach führt sie sich damit – historisch nicht nachweisbar – ein, dass sie ihm das Libretto fürs Weihnachtsoratorium in Schwung bringt. Der Meister selbst ist beeindruckt: „Die hat’s ja faustdick hinter den Ohren.“

Das Buch

Angela Steidele: Aufklärung. Ein Roman. Insel, Berlin 2022. 603 Seiten, 25 Euro.

Luise Gottsched kann am Ende ihres Lebens auf zahlreiche Veröffentlichungen verweisen, auf Gedichte und Dramen, Aufsätze und Übersetzungen. Und die vielen Briefe, die sie schrieb, gibt ihre Freundin Dorothee Henriette von Runckel (1724-1800) posthum in drei Bänden heraus. Aus dieser Korrespondenz hat Dorothea dann auch von der Liebe der beiden Frauen erfahren. Das ist ein Schock, den sie erst einmal verkraften muss. Aber sie kriegt es hin.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, steht auf einem historischen Fundament. Wo es sich anbietet, werden sogar Anmerkungen am Fuß der Seite gemacht. Dass es gleichwohl ein Roman ist, der viele Details nur imaginieren kann, wird einige Male angedeutet. Am deutlichsten in der Selbsteinschätzung der Dorothea: „Ob ich meine Erinnerungen in Prosa, als Gedicht oder als Gespräch wiedergebe – ganz wahr werden sie nie sein, aber ganz falsch auch nicht.“

Der Roman ist heiter und verspielt. Augenzwinkernd führt die Kölnerin Angela Steidele den Kölner Angelus Stadeler ein, der in Leipzig Mitglied der „Deutschen Gesellschaft“ werden möchte und über den es dann heißt: „Was nimmt sich eigentlich ein Kölner heraus, ein Buch über Leipzig zu verfassen?“ Lustvoll wird einige Male der Zeit vorgegriffen. Da verrät der junge Goethe, was Immanuel Kant „mal“ schreiben werde: „Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Doch selbst ein Goethe konnte zu jenem Zeitpunkt in Leipzig nicht ahnen, was der Philosoph in Königsberg 20 Jahre später zu Papier bringen würde. Apropos große Namen: Das Personal-Tableau ist recht üppig geraten – Lessing, Voltaire, selbst das „Wunderkind“ Mozart im fernen London wird erwähnt.

Wie der Geist der Aufklärung den Roman durchzieht, so tut dies auch die Musik. Der Lobgesang auf die Werke von Johann Sebastian Bach schwingt immer mit. Die Musik ist Steidele auch stilistische Inspiration für den eigenen Text. Von der „Schwesterkunst“ könne man, meint sie, viel lernen in Sachen Rhythmik und Atemholen, Accelerando und Decrescendo. Sprachlich erlaubt sich die Autorin einige Verweise auf den zeitgenössisch-mundartlichen Wortschatz. Da wird gesächselt, gebabbelt und über den spitzen Stein gestolpert, aber all das wohldosiert.

Ja, leichtfüßig kommt die „Aufklärung“ daher. Und ganz gegenwärtig. Zur Erkundung der Geschlechterverhältnisse kommen Intermezzi zu Urheberrecht, Raubkunst, Lichtverschmutzung oder öffentlicher Schmährede. Vor allem aber rückt das Werk ins Bewusstsein: Das Projekt „Aufklärung“ ist nicht in der Vergangenheit verankert. Immer wieder aufs Neue muss bedacht und geprüft werden, was wahr und richtig ist. Darum ist dieser historische Roman, der die Aufklärung feiert und betreibt, ein Roman für unsere Zeit.

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