Oder er redet mit seinen Schafen.
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Oder er redet mit seinen Schafen.

Polen

Andrzej Stasiuk erspart einem mit kleinen Pointen manchmal einen Regalmeter Politologie

  • Norbert Mappes-Niediek
    vonNorbert Mappes-Niediek
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Schwere Wolken, staubige Steppe. Und manchmal muht eine Kuh. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk als Kolumnist.

Der Schriftsteller sitzt vor dem Biedronka-Supermarkt und trinkt Bier aus der Flasche. Da hält ein rot blinkender Maserati vor ihm und heißt ihn gebieterisch einsteigen. Der Schlitten gleitet über den Parkplatz und hebt dann ab und fliegt über die südpolnischen Dörfer. Der Fahrer, ein ganz Cooler, gibt Tipps, worüber der Autor besser mal schreiben könnte. Nicht über so langweiliges Zeugs. Sondern über Biotechnologie zum Beispiel, über Genie oder die menschliche Potenz. Er philosophiert herum. „‚Der Kommunismus ist gar nicht so schlecht‘“, sagt er, „eher zu sich selbst. ‚Der Kapitalismus ist auch nicht schlecht. Am besten ist beides zusammen.‘“

Alle Welt zerbricht sich den Kopf über den europäischen Osten. Dabei ist es doch ganz einfach. Wäre es nicht toll, man hätte das Geld und die klaren Verhältnisse, die man damals hatte, aber auch die vollen Geschäfte und den Sportwagen, die nicht zu haben waren? Heraus käme ein buntes, autoritäres Biedermeier mit lauter blitzenden Neon-Lichtlein, ein Maserati-Flug über eine heile Welt mit vielen Faller-Häuschen, nicht dieses ständige Hin- und Herkippen zwischen Freiheit und Sicherheit, das alle frustriert zurücklässt, kein ständiges Dreinreden. Mehr Potenz, mehr Biotechnologie. Andrzej Stasiuk erspart einem mit kleinen Pointen manchmal einen Regalmeter Politologie.

Die „Beskiden-Chronik“ umfasst nicht weniger als 76 kleine Zeitungsfeuilletons von meistens drei oder vier Buchseiten – Episoden, Beschreibungen, Ausschnitte aus dem Alltag. Die Beskiden sind ein Mittelgebirge an der Grenze zur Slowakei. Den Lesern von Andrzej Stasiuk, der hier seit 34 Jahren lebt, sind sie wohlbekannt. Viel los ist hier nicht. Für eine wöchentliche Kolumne ist das eine Herausforderung.

So fährt der Autor oft Auto. Manche Dörfer in der Umgebung kennt man nach 30, 40 Kolumnen schon ganz gut. Manchmal redet er mit seinen Schafen, die artig, aber auch etwas gelangweilt Antwort geben. Andere Fahrten führen ihn an den Bug, den Strom im Nordosten, an der Grenze zu Weißrussland. Mal, selten allerdings, geht es nach – oder sagt man besser: in den? – Westen. Immer wieder jedoch lesen wir von großen langen Reisen nach Zentralasien, Begegnungen mit Grenzpolizisten und betrunkenen Einheimischen.

Auch hier, in der Fremde, passiert nicht viel: Staubige, baumlose Steppen, Skelette von Wohnblocks, am Horizont Kamele. Ödnis und Langeweile im Osten, Überdruss und Überflutung mit trivialen Reizen im Westen; dazwischen liegt Polen, „mein Land“, wie Stasiuk es nennt. Es erstrahlt in billiger chinesischer Weihnachtsbeleuchtung und lässt sich vom Fernsehen und von seinen Politikern vollquasseln. Vor dem kulturkritischen Lamento, das sich ihm da aufdrängt, flüchtet der Kolumnist zuweilen in die polnische Literatur, manchmal in abstrakte Betrachtungen, selten in Träume wie in den vom Maserati, fast nie in Politik und Weltgeschichte.

Meistens zieht es ihn in die Natur. Fast immer ist es dort zu kalt, oft windig, jedenfalls aber früh dunkel. Schwere Wolken ziehen über das Land und drücken es nieder. Es regnet, und ab und zu muht eine Kuh. Erst in seinen lapidaren, kitschfreien Landschaftsbeschreibungen fängt Stasiuk die Stimmung im Land ganz ein. In ihnen steckt seine ganze poetische Kraft: die Leichtigkeit und Frechheit des einstigen Dissidenten, gepaart mit einer melancholischen Liebe für das Land. Stilistisch sind sie meisterhaft, auch und gerade in der legeren, ungezwungenen Übersetzung von Renate Schmidgall.

Die Feuilletons sind im „Tygodnik Powszechny“ erschienen, der legendären liberal-katholischen Wochenzeitung, die sich schon von den Kommunisten nicht unterkriegen ließ, später den Bischöfen trotzte und heute den autoritären Nationalisten die Stirn bietet.

Wie seine Leser ist ihr Autor in der Normalität angekommen, die sie so erstrebt haben und die sie nun achselzuckend leben. Westliche, liberale Predigten nerven sie, zumal es ihnen keine Mühe machen würde, sie selbst zu halten. Das hohle Getöse ihrer eigenen Machthaber widert sie an. „In der Politik Langeweile, in der Kultur Käse, draußen vor dem Fenster von einem Thema keine Spur“: Das ist mehr als die Koketterie des Kolumnisten, der sich mit dem wöchentlichen Schreibzwang quält. Was will ich sagen?, scheint er sich zu fragen. Und vor allem, wem?

Zwischen die ernsten, analytischen und oft ein bisschen deprimierenden Artikel einer politischen Wochenzeitung passt die elegante Ratlosigkeit der Andrzej-Stasiuk-Kolumnen perfekt hinein. Ob man wirklich 76 davon in ein Buch packen muss, ist eine andere Frage. Einen Roman hat Stasiuk aus guten Gründen nicht daraus gemacht.

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