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Die Welt, vom Grunde eines Schwimmbeckens aus betrachtet, sieht ganz anders aus als beim Auftauchen.

Argentinische Literatur

Andressierte Empfindsamkeit

Ein Kind und die Metastasen der Diktatur: Alan Pauls’ „Geschichte der Tränen“ Sie ist die Geschichte eines Missbrauchs. Sie erzählt von einem Kind, das nach der Trennung seiner Eltern emotional verloren geht, unfähig, ein eigenes Inneres zu entwickeln.

Von Karin Ceballos Betancur

Die Welt, vom Grund eines Schwimmbeckens aus betrachtet, ist eine vage, ungefähre. Die Fortsetzung dessen, was vor dem Eintauchen um uns herum geschah, dringt verzerrt, ausschnitthaft an Augen und Ohren. Während das eigene Blut im Kopf pocht und der Wasserdruck den Körper umschließt wie ein enger Anzug. Eine verstörende Art des Bei-sich-Seins.

Der Grund eines Schwimmbeckens ist der Ort, an dem der Protagonist von Alan Pauls’ schmalem Roman „Die Geschichte der Tränen“ zu sich kommt. Als Kind taucht er so lange, mit den Fingern einen am Boden aufgemalten Tintenfisch berührend, bis ihn die Kuppen schmerzen und er glaubt, in dieser „Mischung aus Brennen, Verletzlichkeit und Beklemmung“ Wahrhaftigkeit zu erfahren: „Dieses Brennen, dieses Ausdünnen der Haut, die das Innere vom Äußeren trennen sollte, ist es, was er fühlt, wenn Superman auf den Seiten des gerade gekauften Heftchens dem kriminellen Glanz der bösen Steine anheimfällt.“

Der Roman, eine sprunghafte, biografische Rückschau von einem unbestimmten Punkt der Gegenwart aus, beginnt mit einem Unfall. Als Vierjähriger jagt er, die Hauptfigur, im Superman-Kostüm durch die Glasscheibe einer Balkontür.

Wie ein Standbild, das die Scherben in der Luft fixiert, kehrt der Augenblick immer wieder zurück: ein Kind in einem schlecht sitzenden, im Wortsinne unpassenden Kostüm eines Superhelden, dessen Existenz um verordnetes Empfinden, Wut und Immunisierung kreist.

Seine Eltern haben sich acht Monate zuvor getrennt. Die Mutter verbringt lethargische Nachmittage im abgedunkelten Schlafzimmer. Von Liebesabenteuern, zu denen sie gehetzt und ungeduldig aufbricht, kehrt sie stets niedergeschlagen zurück, blind vor Einsamkeit.

Der Vater feiert den Sohn für seine Sensibilität, die andere Menschen veranlasst, dem Kind ihre Nöte zu offenbaren. „Die Geschichte der Tränen“ ist insofern auch die Geschichte eines Missbrauchs. Sie erzählt von einem Kind, das nach der Trennung seiner Eltern emotional verloren geht, unfähig, ein eigenes Inneres zu entwickeln.

Kein Geschichtsbuch

Die in sich verschränkten, langen, zuweilen ihr Ziel aus den Augen verlierenden Sätze, die Alan Pauls’ Stil zu eigen sind, spiegeln diese fehlende Innerlichkeit, das endlose Kreisen um wenig fassbare, unkonturierte Episoden. Haltlos springt er durch die Zeiten, vertieft und rafft und lässt Auslassungsklammern über den Bericht prasseln, in denen die Punkte wie Luftblasen vom Boden eines Schwimmbeckens aufsteigen.

Er, der Erwachsene, der Rechenschaft abzulegen versucht, tut selbst, was er seinen Vater vorwirft, weicht aus, weil er gar nicht anders kann.

Am 11. September 1973, als das Fernsehen die Bilder vom Putsch in Chile überträgt, Flugzeuge, die den Regierungspalast in Santiago bombardieren, muss er feststellen, dass ihm seine gerühmte, dressierte Empfindsamkeit als autonome Emotion nicht zur Verfügung steht.

Während sein Freund Tränen vor dem Fernseher vergießt, steht er – wiewohl „Beispiel einer Tradition politischer Frühreife, der kommunistischen“, jemand, „der mit dreizehn einige Klassiker der politischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts liest“ – reglos daneben, gereizt, mit trockenen Augen.

An Leidenschaft und Pathos, die die Juventud Peronista am Vorabend des argentinischen Coup d’Etat beschwört, kann er sich nur noch konsumtiv beteiligen. Und selbst der Zorn, der ihn Jahre später beim Konzert eines ehemals exilierten Liedermachers überkommt, findet kein Ventil mehr.

„Die Geschichte der Tränen“ ist kein Geschichtsbuch mit den Mitteln der Belletristik. Alan Pauls ist zu klug, vielleicht auch einfach zu sehr Argentinier, um der narrativen Bearbeitung des Terrors schlicht eine weitere Variante hinzuzufügen.

Die argentinische Diktatur selbst, 1976 bis 1983, wird nicht erzählt. Das Geschehen reicht bis an sie heran und setzt nach der Rückkehr zur Demokratie erneut ein. Es gibt ein Vorher und ein Nachher, eine Entstehung und ihre Auswirkungen. Wenn das Regime der Tumor ist, konzentriert sich Pauls auf die Metastasen im umgebenden Gewebe.

Dennoch frisst sich die Zeitgeschichte wie ein Brandeisen in die Biografie. Der Militär aus der Nachbarwohnung, dessen Uniform sich durch einen losen Saum von der Perfektion der Patrouillen in den Straßen unterscheidet, der aus kindlicher Perspektive betrachtet erst durch diese Lässlichkeit menschliche Gestalt annimmt, der Militär entpuppt sich am Ende als Opfer seiner selbst.

Und im Bild einer ermordeten Comandante finden die Pole der Familiengeschichte zusammen, die idealistischen Ziele des Vaters und das scheintote Dasein der Mutter. „Fortan“, heißt es, werde sie nicht mehr behaupten können, „die Sache mit dem Militär“ sei „nie passiert“. Gesellschaftliche Reaktion blitzt auf als paraphrasiertes Zitat.

„Geschichte der Tränen “ ist der erste Teil einer Trilogie, die Pauls bereits vor Erscheinen als seinen Beitrag zur Geschichte der argentinischen Diktatur bezeichnet hat. Sein Zugang ist voraussetzungsvoll, manchmal auch mühsam, aber in jedem Fall lohnend.

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