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So viel Hoffnung auf eine friedliche Zukunft: Junge Frauen bei Maifeiern 1936 in Moskau.

Russischer Roman

Andrej Platonow „Die glückliche Moskwa“: Die Frau, die Stadt, die Luft, die Blumen

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Visionär oder Neurotiker: In seinem Roman „Die glückliche Moskwa“ beschwört Andrej Platonow die Unerfüllbarkeit der Liebe und die Zukunft des Sozialismus.

Eine Frau ist im Werk von Andrej Platonow im Grunde nie wirklich eine Frau im Sinne von „ein weiblicher Mensch“. Kaum ein anderer Autor denkt die irdische Existenz des Menschen so konsequent vom Manne her. Die Frau dagegen gehört in eine andere, eher symbolisch zu denkende Sphäre. In seinen Notizen für „Die glückliche Moskwa“ schrieb Platonow: „Frauen sind wie Luft, sie umgeben uns, sie tun, was sie tun, und erfüllen den Willen derer, die sie geschickt haben, sie sind unschuldig, und es lohnt nicht, sich mit ihnen zu befassen.“

Platonow, der 1951 starb, hatte bis ins Jahr 1936 an „Die glückliche Moskwa“, seinem letzten Roman, geschrieben. Er hinterließ ihn unvollendet. Auf einer Bahnfahrt war der zweite Teil des Manuskripts gestohlen worden. Und eigene Prosa zu veröffentlichen, war dem Autor während der Zeit der stalinistischen Repressionen auch nicht mehr möglich. Er musste sich auf die Bearbeitung von Märchen verlegen. Die jetzige deutsche Neuausgabe von „Die glückliche Moskwa“ basiert auf einer umfassend editionskritischen Ausgabe, die 2010 in Moskau erschien. Sie enthält auch vorbereitende Notizen des Autors und alternative, verworfene Romananfänge, in denen Platonow jeweils eine andere Herkunft sowie berufliche Bestimmung seiner Protagonistin erprobt hatte. Denn die Hauptfigur des Romans ist eine Frau; natürlich ein Wesen „wie Luft“ und hochsymbolisch aufgeladen. Im Original ist der Romantitel doppeldeutig und bedeutet ebenso „Das glückliche Moskau“.

Als namenlose Waise in einem Heim aufgenommen, ist das kleine Mädchen nach ihrer Heimatstadt benannt und mit dem Familiennamen „Tschestnowa“ („die Ehrliche“) versehen worden. Der erwachsenen Moskwa Tschestnowa folgt die Sehnsucht der Männer, wohin sie auch geht. Nachdem sie einer kurzen frühen Ehe entflohen ist, nimmt ein schüchterner Esperantist die blutjunge Frau auf und finanziert ihr die Ausbildung zur Fliegerin. Durch Tollkühnheit zur Berühmtheit geworden und von der Fliegerakademie freigestellt, wird Moskwa Tschestnowa Arbeiterin beim Metrobau (in den dreißiger Jahren eines der spektakulären Großprojekte der jungen Sowjetunion) und verliert dabei ein Bein. Der Chirurg, der sie operiert, verliebt sich ebenso in sie wie zuvor alle anderen. Jeder dieser Männer ist gewissermaßen ein Prototyp einer gesellschaftlichen Gruppe: der Mediziner, der Ingenieur, der Intellektuelle, der Behördenmensch, der Ex-Militär.

Moskwa wendet sich allen zu, liebt jeden auf ihre Art, kann aber bei keinem lange bleiben. Wäre sie eine echte Frau, würde man denken, dass die zerquälten Platonowschen Kerle sie mit ihrer unstillbaren Sehnsucht wohl ersticken. Den Ingenieur Sartorius – der sich mit der Präzisierung von Waagen beschäftigt; ein Tätigkeitsbereich, in dem auch der studierte Ingenieur Platonow berufliche Erfahrungen gesammelt hatte – trifft es am schlimmsten; direkt nach dem Liebesakt verzehrt er sich schon wieder vor Sehnsucht und „war gekränkt, dass seine Liebe (...) gleich beim ersten Mal unerwidert zugrunde ging“. Für den Mediziner Sambikin wiederum – der, wenn er nicht operiert, sich darum bemüht, aus Leichen ein Lebenselixier zu extrahieren – ist seine Liebe ein „geistiges Rätsel“, über das er so intensiv nach-denkt, dass Moskwa ihn schon deswegen verlassen muss.

Während all diese Menschen mit großem Ehrgeiz danach streben, eine bessere Welt zu schaffen, werden sie immer wieder zurückgeworfen auf ihr altes Menschlein-Ich. Versehrtheit, Leid und Tod sind unausweichlich, und die Liebe ist weder zu fassen noch zu begreifen. Da hilft auch kein Kommunismus.

In Wirklichkeit kam es dann anders

Obgleich die Handlung eingängiger erscheint als in anderen Romanen Platonows, bewirkt die komprimierte Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen ein starkes surrealistisches Flimmern. Trotz aller grundsätzlichen Leidensneigung, die Platonows Protagonisten mitbringen, ist der Erzählton von nachsichtigem, oft sogar spöttischem Sarkasmus. Über eine Pianistin heißt es: „Sie lebte fürs Spiel, nicht für die Verdauung“; über einen Verwahrlosten: „die Kleidung (...) wärmte den Menschen nur dank langwährender Unsauberkeit“; und über eine Tischdekoration: „Blumen, die vor Schönheit nachdenklich wirkten (...), verströmten einen postumen Duft.“

Diese Personifikation ist kein Zufall, denn wie Platonow notierte: „Tiere und Pflanzen sind unsere Zeitgenossen, und das hat nichts mit Atavismus zu tun, sondern mit Freundschaft, mit Seelenhygiene.“ Seelenhygiene: die tief empfundene Einsicht, dass Blume wie Mensch vergänglich sind?

Trotz allem ist „Die glückliche Moskwa“ auch eine grandiose, lebendige Hommage an das vom Aufbaufieber gepackte, von arbeitsamen Menschen nur so wimmelnde Moskau der frühen dreißiger Jahre. Noch kündigt die Zukunft sich in Form einer friedlichen Vision an: „Der lächelnde, bescheidene Stalin bewachte auf Plätzen und Straßen alle offenen Wege der frischen, unbekannten sozialistischen Welt, das Leben erstreckte sich in die Ferne.“ Gerade das Unvollendetsein dieses Romans macht ihn im Nachhinein auch zu einem berührenden literarischen Zeitdokument. So viel Verheißung, so viel unerfüllte Sehnsucht!

Solange dieser Roman unbeendet bleibt, kann Moskwa/Moskau vielleicht noch glücklich werden. In Wirklichkeit kam es ja anders. Ende 1936 begannen die stalinistischen Verfolgungen. Und 1938 kam die Geheimpolizei und steckte Platonows 15-jährigen Sohn in ein Arbeitslager.

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