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Andrej Kurkow: „Herbstfeuer“ und „Samson und Nadjeschda“ – Das Abwegige glaubhaft machen

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Von: Christian Thomas

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Kurkows Engel sind ausgesprochen stylisch. Das hier ist aber in echt bloß ein Bild vom „Crystal Angel“ Festival in Kiew, 2017.
Kurkows Engel sind ausgesprochen stylisch. Das hier ist aber in echt bloß ein Bild vom „Crystal Angel“ Festival in Kiew, 2017. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (18): „Herbstfeuer“ und einige weitere Werke von Andrej Kurkow.

Die Erfahrung besagt, dass Engel zu dosieren verstehen. Sie wissen ihr Erscheinen gut einzuteilen. Empirisch ist erwiesen, dass diese Wesen für den Alltag nicht gemacht sind. Dass sich zwei von ihnen zudem verspäten, geht gerade noch mal gut. Dass es so ausgeht, gilt ganz bestimmt nicht für sämtlich Geschichten Andrej Kurkows. Denn nicht wenige der acht unter dem Titel „Herbstfeuer“ veröffentlichten Erzählungen enden tragisch, einige auch tödlich, was unsere beiden Engel zu verhindern wissen. Unsere? Auch sie legt uns der Autor nahe als Figuren, nicht nur als quicklebendige, sondern seine Engel als echt lebende.

Das liegt daran, dass Kurkow ein glaubwürdiger Erzähler ist. Aber was bedeutet das, Glaubwürdigkeit? Es bedeutet, dass die Geschöpfe des Autors richtig was können. Und so bringen sie wegen ihrer Kompetenz als Hebammen erfolgreich ein Kind zur Welt, was unter denkbar ungewöhnlichen Umständen geschieht, in einem Luftschiff, einem mit einem Höhenmesser, einem, der nicht funktioniert. Jedes Detail ist wichtig. Es reichert den Realismus einer phantastischen Erzählung an, es lädt das Phantastische wirklichkeitsaffin auf. Der Tag der Geburt ist Weihnachten, der Höhenmesser, plötzlich intakt, zeigt 2004 an. 2004 Meter über Kiew, im Jahr – genau.

Eine Schmunzelgeschichte, nein, vielleicht eine Schnurre? Auf jeden Fall ist es nicht die einzige Weihnachtsgeschichte, die 2009 erschien. Es ist diejenige, die, wie die Erfahrung mit dem Genre lehrt, sicherlich eine frohe Botschaft zu verkünden hat, allerdings fällt auf das Frohgemute immer ein Schatten.

Weil Kurkows Erzählungen stets gesellschaftspolitisch verortet und gegenwartsgesättigt sind, sind die beiden von ihm außergewöhnlich geerdeten Wesen ausgesprochen stylisch gekleidet. Das macht sie auf den ersten Blick nicht unbedingt vertrauenserweckend, aber sofort ungemein glaubhaft. Und das ist für Literatur, wie phantastisch auch immer sich ihre Geschichten ausnehmen mögen, ein sehr wichtiges Kapital. Unbedingt auch bei Kurkow. Er verschaffte seinen Wesen einen Auftritt in der für die Ukraine so prekären Umbruchzeit seit 1991, zugleich unter so komplett verrückten Umständen wie einem „großen grünen Luftschiff mit der Aufschrift UdSSR und einem roten Stern auf der Seite“.

Kurkow, der 1961 in Leningrad (heute wieder St. Petersburg) geboren wurde, lebte seit seiner Kindheit in Kiew, woran er in letzter Zeit, seit dem Krieg Moskaus gegen Kiew, häufig gehindert wurde. Er schreibt bis heute auf Russisch, umso unmissverständlicher ist daher seine Kritik an Russlands Krieg „gegen die ukrainische Identität“. Umso deutlicher das Veto einer Schriftstellerstimme gegen „Putin und seinem Genozid an der ukrainischen Bevölkerung“, wie Kurkow es kürzlich zur Eröffnung des Literaturfests in München formulierte.

Kurkow hatte bereits mit seinem Debüt „Picknick auf dem Eis“ enormen Erfolg, einem Longseller bis heute. Das vermeintlich Beschwingte, der Vorwärtsdrang einer Satire verweist auf betrügerische Verhältnisse. Zu Beginn dieses Herbstes veröffentlichte Kurkow „Samson und Nadjeschda“, erklärtermaßen einen Kriminalroman über das Kiew im Jahr 1919, im Bürgerkrieg, Thema bereits in dem Jahrhundertroman „Die weiße Garde“ von Michail Bulgakow. Und nicht anders als der gebürtige Kiewer Bulgakow (1891-1940) in seinem Werk, so macht auch Kurkow Anleihen bei den Grotesken des gebürtigen Ukrainers Gogol (1809-1852).

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Andrej Kurkow: Herbstfeuer. Erzählungen. Aus dem Russischen von Angelika Schneider. Diogenes, Zürich 2009. 234 S. 11 Euro.

Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda. Roman. Aus dem Russ. von Johanna Marx und Sabine Grebing. Diogenes, Zürich 2022. 368 S., 24 Euro.

Zuletzt ins Regal gestellt: Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“, Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“, Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“ und Erzählungen von Nikolai Gogol.

Das nächste Buch wird Artem Tschechs Kriegsbericht „Nullpunkt“ sein.

Bei Kurkow ist es ein Ohr, das, obwohl abgeschlagen, in „Samson und Nadjeschda“ ein besonderes Körperteil ist. Es ist eines, das, nicht anders als Gogols „Die Nase“, ein selbstständiges Leben führt. Bei Kurkow ist das abgetrennte Ohr ein Organ in einer Schachtel und Schublade, um mitzuhören, was nicht nur unmittelbar um ihn herum geplant wird – es sind vor allem infame Verbrechen. Das Ohr à la Gogol, wahrhaftig ein Abhörorgan, das nicht eine Wanze der Tscheka, der grauenvollen Geheimpolizei der Bolschewiki ist, erweist sich für den Romanhelden als überlebensnotwendig. Zugleich ist das phantastische Ohr eine Gefahr für ein tödliches System, für das das gezielt eingesetzte Gerücht eine perfide Waffe war – und seitdem in Lenins UdSSR, im Stalinismus, in der Sowjetunion von 1956 bis 1991, in Putins Russland.

Dass Kurkow ein hochentwickeltes Sensorium für Nuancen und die unscheinbare Anbahnung des Absurden und Unheimlichen hat, stellt er in diesem kürzlich erschienenen Buch spärlicher unter Beweis. „Samson und Nadjeschda“ ist, die extravagante Eingangsszene hin, weitere nicht weniger grauenerregende Passagen her, ganz offensichtlich weniger ambitioniert erzählt als ein weiterer Kriegsroman, „Graue Bienen“, in denen ebenfalls die Gewalt ein gnadenloser Akteur ist, ein allgewaltig Handelnder im Donbas, wo seit 2014 prorussische Separatisten im Auftrag Putins die Ukraine bekriegen.

Anstelle des Ausnahmezustands im Donbas seit acht Jahren konfrontiert „Herbstfeuer“ mit den Turbulenzen einer Übergangszeit seit dem Zusammenbruch der UdSSR, den Jahren der Auflösung sozialer Standards und moralischer Werte. Eine enthemmte Marktwirtschaft ruft die Mafia auf den Plan, die an Samenraub und Erpressung verdient. Ein gerissener Geschäftsmann entführt eine Weihnachtsgesellschaft in eine befremdende Einöde – womöglich in die verstrahlte Tschernobylzone? Oder handelte es sich um Einbildung, gar insgemein Wunschdenken, animiert durch einen Start-up-Unternehmer, spezialisiert auf „Extremtourismus“? Fast untröstlich, wäre da nicht ein schier unglaubliches Happy-End, ist die Geschichte, in der nagelneue Telefonzellen es möglich machen, im Jenseits mit der Geliebten zu telefonieren. Symbiotische Seelenverwandtschaften, mafiotische Familien, eine hässliche Ehe.

Tödlich endet die Geschichte, in der eine Frau ihren Mann mit einer Heugabel ersticht, nicht weil sie der Ehe mit ihm seit Jahrzehnten überdrüssig ist, wofür die Erfahrung spräche, sondern aus Versehen. Also doch Empirie?

Grotesk sind die Bemühungen eines Ministers um die Bewahrung eines weißen Steinway-Flügels. Vollends ins Absurde treibt Kurkow die Geschichte eines Autors, der eine Lebertransplantation überlebt, um dennoch zu sterben – um über seinen Tod hinaus den Reaktionen am Grab beizuwohnen. Nur die Phantasie eines Schriftstellers, der noch die Nekrologe auf ihn hören möchte? Kurkow meinte mal vor Jahren, die „Sowjetunion war eindeutig das Vaterland der Absurdität. Heute ist die Ukraine die Nachfolgerin der Tradition“. Im Alltag wie im Tod traditionsbewusst zeigt sich auch Kurkows „Herbstfeuer“.

Überhaupt der Herbst: eine gute Zeit für Nekrologe, die „beste“, wie es in „Picknick auf dem Eis“ heißt, in einem Kiew der Korruption, der Clankriminalität und der Mafiakriege. Die meisten der Geschichten aus „Herbstfeuer“ sind ebenfalls Nekrologe auf eine Übergangszeit, empirisch gesehen. Es ist eine, in der die meisten Menschen, außer Minister oder Marktwirtschaftler, die Mafia oder zwei Engel, nicht wissen, wo es langzugehen hat.

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