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Andreas Schäfer „Die Schuhe meines Vaters“: „Ich weiß nichts von ihm“

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Von: Martin Oehlen

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Andreas Schäfer. Foto: Mirella Weingarten
Andreas Schäfer. Foto: Mirella Weingarten © Mirella Weingarten

Andreas Schäfers erinnernde Spurensuche „Die Schuhe meines Vaters“.

Das Bedürfnis, die Erinnerung an lebenswichtige Personen wachzuhalten? Es regt sich sicherlich bei vielen – zumal dann, wenn der Tod die Leerstelle jäh vor Augen führt. Aber wie erfasst man, was bewahrt werden soll? Da scheinen Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Vorteil zu sein: Ihnen fällt es womöglich leichter als anderen, die Geschichte eines Lebens zu erzählen. Oder doch nicht?

Andreas Schäfer („Das Gartenzimmer“) macht sich an die aufwühlende Aufgabe, als ihm bei einem verregneten Open-Air-Konzert plötzlich bewusst wird, dass ihm das Gesicht seines verstorbenen Vaters abhanden zu kommen droht. Jetzt soll keine Zeit vergeudet werden: „Während ich dies schreibe, trage ich meine dünne, noch immer feuchte Daunenjacke. Nach Hause gekommen, setzte ich mich sofort an den Tisch, um etwas festzuhalten, zu retten, nein, ans Licht zu bringen, noch weiß ich nicht, was und wie genau.“

Der autobiografische Text „In den Schuhen meines Vaters“, der sich nicht hinter dem Gattungsbegriff „Roman“ wegduckt, schildert zunächst die dramatische Entscheidung, die von der Familie getroffen werden muss. Robert Schäfer, der krebskranke Vater des Ich-Erzählers Andreas Schäfer, erleidet bei einer Autopsie eine Hirnblutung. Möglicherweise war es ein Behandlungsfehler. Der Oberarzt in Frankfurt sagt, dass mit einer Blutung in diesem Hirnbereich „leider kein Leben mehr möglich“ sei. Der Vater liege im künstlichen Koma. Und die Familie müsse entscheiden, „wann wir die Maschinen abstellen.“

Der Wucht der Ausnahmesituation wird man sich bei der Lektüre kaum entziehen können. Die eingeforderte Entscheidung treffen der Erzähler und seine aus Griechenland stammende Mutter, die seit über 30 Jahren getrennt vom Ehemann lebte, aber dennoch in gutem Einvernehmen mit ihm stand. Der dritte im Bunde ist ein weiterer Sohn, der sich allerdings nicht aktiv einbringt.

Das Buch:

Andreas Schäfer: Die Schuhe meines Vaters. DuMont, Köln 2022. 190 S., 22 Euro.

Er war leicht zu kränken

Schon in dieser frühen Buchphase erfahren wir, dass der Vater kein „einfacher“ Mensch gewesen ist. Er neigte zu Impulsivität, Dominanz im Gespräch, Wutanfällen. Er war leicht zu kränken und kränkte andere. Der Erzähler bekennt in seiner „Schöneberger Schreibklause“, sich für seinen Vater geschämt zu haben. Und er fragt sich, ob es ihm bei seiner Spurensuche auch darum gehe, dem Vater „Anerkennung“ zu verschaffen – „auch vor mir selbst.“ Jahrelang habe er seinen Vater „versteckt, aus Angst vor dem, was andere über ihn (und mich?) denken“ könnten. Diese „Vaterscham“ verfolge ihn bis heute.

Andreas Schäfer bringt das Verhalten des Vaters „mit den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts“ in Verbindung – mit Bombenalarm und Existenzverlust. Auch erzählt er von „der Gewalt und der Unbarmherzigkeit“ der Großeltern. Sie haben ihn verstoßen und enterbt, „weil er meine Mutter, eine Ausländerin, trotz der elterlichen Drohung geheiratet hat.“

Der Erzähler prüft Reisetagebücher, Erinnerungsstücke, Fotoalben – all das, was „als Quelle und Material bei der Verwandlung eines realen Menschen in eine Buchfigur dienen könnte.“ Und er analysiert das komplexe deutsch-griechische Familienverhältnis. Manchmal scheint es so zu sein, als käme er dem „Vaterrätsel“ näher. Doch dann schlägt so ein Frustsatz dazwischen: „Ich weiß nichts von ihm, und das wird immer so bleiben.“

Andreas Schäfer erzählt von einer Suche, die nicht zum Ziel führt. Für den Sohn ist dies persönlich schmerzhaft, stellen wir uns vor, aber für den Autor ist es literarisch ertragreich. Das macht „Die Schuhe meines Vaters“ zu einem besonderen Erinnerungsbuch: Am Ende steht die Erkenntnis, dass das intensive Graben im Gedächtnis die Distanz zwischen Vater und Sohn womöglich noch vergrößert hat. Der Vater ist nicht zu fassen.

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