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Der jüdische Friedhof vor den Toren Friedbergs mit den zwischen 1935 und 1939 angelegten Gräbern, darunter das von Theodor Seligmann (2.v.r.).

Literatur

Andreas Maier setzt mit „Die Familie“ seine Wetterau-Saga fort 

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Andreas Maier hat seine auf elf Teile angelegte Saga fortgesetzt. Was er in „Die Familie“ erzählt, hat den Erzähler auf dem falschen Fuß erwischt. Ortsbesichtigung eines Heimatromans.

Diesmal nicht immerzu weiter, sondern immer wieder. Kein Ausgreifen in die Ferne, über Friedberg im Hessischen hinaus, sondern am Ende ein Fokus auf zwei Orte am Ort, wie schon gesagt: Friedberg. Um den siebten Band der sog. Wetterau-Saga Andreas Maiers zu verstehen, muss man nicht an den Stadtrand von Friedberg fahren, dorthin, wo gleich zwei Trassen, Umgehungstraßen, eine Ortsumgehung bilden, vollkommen absurd. Kann so was wahr sein? Eine Ortsbesichtigung ist nicht falsch.

Gießener Straße, gib die Adresse im Navi ein.

So erreichen wir den Friedhof, dreizehn Grabsteine, von Hecken eingehegt. Eingehegt? Hecken? Weißdorn, sagst du. Schau nicht hin, hinterm Acker, den gestreckten Zeigefinger entlang, ein Obi-Baumarkt. Eine Handbreit überm Obi ein Mittelalterturm, der gehört zu Friedberg.

Auf elf Bände hat Maier seine Wetterau-Saga konzipiert

Ein größeres Friedhofsalutor ist in Fußtritthöhe verbogen. Durch einen zweiten, schmaleren Eingang kommt man auf das Bestattungsfeld für dreizehn Juden. Beim Umsehen über der Wiese fielen ein, zwei Wetterauäpfel nicht weit vom Stamm. Auch rollte ein Apfelweinapfel in eines der Wühlmäuselöcher wie ein Golfball.

Machst du eine Aufnahme?

Nimm mehr den Grabstein, weniger die Birke.

Schwierig, so im Gegenlicht. Man muss die Bilder wahrscheinlich bearbeiten.

Muss man den Dingen nachhelfen? Nie hat es sich der Autor Andreas Maier damit einfach gemacht, leicht sowieso nicht – jetzt hat es den Ich-Erzähler in seiner groß angelegten Saga unangemeldet erwischt. Auf elf Bände hat Maier seine Wetterau-Saga konzipiert. Am Ende steht der Ich-Erzähler auf den Resten des jüdischen Friedhofs von Friedberg, am Rande einer Umgehungsstraße, vor dem Grabstein von Theodor Seligmann, geboren 1869, gestorben 1937.

„Die Familie“ heißt der Roman, man könnte ihn eine Autofiktion nennen, die Erkenntnis ist nicht neu so wenig wie das literarische Etikett Autosoziobiografie. Bieten solche Einordnungen Maier-Lesern einen Halt? „Die Familie“ ist nicht der Stoff, um es bei der literaturkritischen Tagesordnung zu belassen. Zur Geschichte gehört der Seufzer des Icherzählers: „Meine schöne Wetterau! Die ganze Zeit konnte sie Literatur sein. (…) Sie konnte alles sein, universal! Sogar Nazis konnten darin vorkommen. Der nazibraune Variant meines Onkels! Das war ein großes Spiel. Dass das alles eine Form des Schweigens war, kam nicht vor. Mein Gott.“

Andreas Maier weiß nicht, was ihn erwartet

Wahrhaftig oder übertrieben? Man mag das Eingeständnis für Stilisierung halten, interessant womöglich die Theatralik, tatsächlich dürfte sich für den Autor Andreas Maier die Frage stellen: wie weiter? Hat es doch dem Erzähler den Boden unter den Füßen weggezogen, als ihm eine alte Freundin, dem Leser der Saga bekannt als die Tochter aus der Bindernagelschen Buchhandlung, klar macht, dass das Grundstück, auf dem der Andi als Kind spielte, das Grundstück, das den Reichtum der Familie begründete, 1937 von dem Friedberger Juden Theodor Seligmann übernommen und in den Besitz der Bolls, der Vorfahren des Erzählers überging.

Übernommen? Überging?

Ein Raubgrundstück.

Nicht dass das Wort fiele, aber dem Erzähler geht auf, dass es sich bei dem Grundstück, das er immer schon als ein „verwunschenes Gelände“ erfahren hat, nicht nur um ein zauberisches handelt, mit den Obstbäumen aus Großvater-Zeiten, vielmehr um ein vermintes Gelände, um ein von den Eltern beschwiegenes Terrain, ein verflucht vergangenheitsbelastetes.

Andreas Maier:  Die Familie. Roman. Suhrkamp Verlag 2019. 168 S., 20 Euro.

Maier hat gelegentlich betont, dass er, sobald er sich an einen weiteren Teil seiner Saga setze, nicht wisse, was ihn als Autor erwarte, auf was er sich einlasse. Das klingt plausibel. Tatsächlich erzählt der „Prolog im alten Hallenbad“ alles andere als eine unbeschwerte Schwimmbadepisode aus der Schulzeit in den Siebzigern. Der ältere Bruder, der sie erlebt, ist 13 und muss einen Unterricht über sich ergehen lassen, der nichts anderes war als die Zurichtung zu einem autoritären Charakter. Ein Lehrer der alten Schule, der von „Iststärke“ und „Sollstärke“ der Schulklasse schwadroniert. Nicht Ichbewusstsein ist gefragt, sondern Wirstärke. Allein unter dem Wort „sich“ möchte sich der Prologleser wegducken: Man entledigt sich der Kleidung, man versammelt sich, man stellt sich auf in Reih und Glied. Das auf der ersten Seite mehrfach verwendete Pronomen, das rückbezügliche Wort „sich“, so legt es der Sprachartist Maier nahe, ist eine Einübung des Selbst in die totale Unselbständigkeit. Keine Figur, die wirklich, nun ja, bei sich wäre. Ist es ein Wunder, wenn dem Erzähler so scheinen will, es handele sich bei den Familienmitgliedern um Avatare? Zunächst will ihm der Vater so scheinen, dann die Mutter wie ein künstliches, unwirkliches Gebilde.

Maiers Saga war von Anfang an eine unheimliche Heimatsaga

Hat es den Erzähler während des Schreibens am alten Schreibtisch der Familie „erwischt“ oder hat „sich“ die Aufklärung durch die Buchhändlertochter ergeben? Er schreibe, bekennt der Erzähler schließlich gegen Ende des Romans „die ganze Zeit Nachkriegsliteratur“. Maiers Nachkriegssaga ist praktisch Trümmerliteratur, sie ist es literarisch, denn „Die Familie“ ist formal sehr disparat. Der Roman ist es thematisch, denn im Mittelpunkt der Selbstzerstörung einer durch und durch bürgerlichen Familie steht die Zertrümmerung einer Mühle.

Die Teilzerstörung wird minutiös als brutale Gemeinheit geschildert, doch schon abends ist nur noch von einer Beschädigung des Hauses die Rede, auf das der Denkmalschutz sein Auge geworfen hat, zwecks Bewahrung (und das in den so ungemein fortschrittsfidelen und abrissfreudigen 70ern, dem Anbeginn der Ortsumgehungen, die seitdem ein Kerngeschäft der Verkehrsplaner sind). Nach allerlei Gerüchten wird auch die vierte Gewalt wach, die die Vorgänge allerdings als Einsturz darstellt, im Unterschied zur Meinung auf der Straße. Ob womöglich der Vater und CDU-Politiker seine Hände im Spiel hatte zwecks Spekulation? Der Verdacht erhärtet sich, es kommt zu einem Prozess, der sich über Jahre hinzieht.

Das Beschweigen der Zertrümmerung der Mühle steht in einem größeren Zusammenhang, dem Beschweigen der Vergangenheit. Maiers Saga war von Anfang an eine unheimliche Heimatsaga: „Hineinstechen in die Heimat, bis es nur so spritzt“ (FR v. 9.9.2010). Das ist jetzt neun Jahre und rund 1000 Seiten her, auf denen immer schon der beschwiegene Mentalitätshintergrund der Nationalsozialismus war. Die Nazizeit mochte noch so sehr verdrängt und verleugnet worden sein – wie in der Familie dahergeredet und gefühlt, gedacht und gesprochen wird, ist der autoritäre Charakter nicht etwa vage virulent, sondern total präsent, angefangen mit den Ritualen bei Tisch.

An erster Stelle steht in Friedberg die CDU

Tatsächlich geht es in der auf Etikette pochenden und an fadenscheinigen Konventionen festhaltenden Familie zu wie in einer Mühle. Die Familienverhältnisse werden zerrieben, zermahlen und zermalmt. Der Vater, so hilflos er ist, versteht sich als Jurist auf Tricksereien, um den gegen ihn angestrengten Prozess zu gewinnen. „Die Familie“, eben die erzählte, stellt so etwas wie eine Notunterkunft dar, in die auch die asoziale Schwester enorm hineinwirkt. In Maiers immer schon tiefkomischen und daher abgründigen Erzählkosmos schneidet insbesondere die Mutter nicht gut ab, sicher, auch der Erzähler nicht mit den ihr gegenüber hinterhältigen Provokationen, die die Mutter, als junge Frau offenbar ein fideles Wesen, umso mehr aufreizen und in absurde Rechtfertigungen verstricken, groteske Ausflüchte. Die nur noch vergrämte Mutter agiert als eine Gebetsmühle.

Dass sie in die Firmenkasse griff, um 100 000 Mark zur Seite zu bringen für den Hausbau, ist nur ein Betrug unter vielen, vom Bruder offenbar durchschaut. Dieser (Mutter-)Bruder dürfte über die wahren Ursachen des familiären Reichtums des Steinmetzbetriebs auf Kosten eines Juden ebenfalls Kenntnis haben. Ahnt auch der (Erzähler-)Bruder etwas, der, früh engagiert ist bei den Grünen. Enorm überlegen stellt der Ältere dem Dreizehnjährigen die Frage, was er eigentlich der eigenen Familie zutraue. Es fällt der Satz von Mafiamethoden.

Er, der Erzähler, der den Vater seit seiner Geburt kennt, der Geburt des Erzählers, kennt die komplizierten Eigentumsverhältnisse auf dem Grundstück an der Usa, hochgradig heikle Erbengemeinschaftskonflikte. Als Kinder, auch so ein ungeheurer, wuchtiger Satz, „transzendierten wir den Horizont der Familien zunächst nicht, sondern wuchsen mit ihren Positionen auf“. Politischen Positionen an erster Stelle, und an erster Stelle steht in Friedberg die CDU, deren Autorität allerdings bröckelt. Der Generationenkonflikt trägt urkomische Züge.

Politisches Desaster, ein moralisches Debakel

Andreas Maier hat im Zuge seiner wahrhaftig großen hessischen Saga den Ich-Erzähler immer größere Kreise ziehen lassen, vom Erstling „Das Zimmer“, über das „Das Haus“, „Die Straße“, den „Ort“, den „Kreis“. Im vorigen Jahr war er in „Die Universität“ angekommen in Frankfurt. Jetzt kein weiteres Ausgreifen, vielmehr ein Verbohren. Dabei gibt es in dem Roman Gedanken, die die heiklen Beziehungen zwischen Realismus und Radikalität, zwischen Fiktion und dokumentarischer Rekonstruktion durchaus strapazieren, etwa der Vergleich Juden – Juz, dem Friedberger Jugendzentrum, das Einheimischen als eine „lichtlose rattenhafte Ansammlung von Gezücht“ erschien – so das Gerücht, so auch die Vermutung der Eltern, die das Juz als einen „Ort der Verkommenheit“ verdammten.

Juden – Juz? Spricht aus Kindermund, der bei Maier immer auch eine durch Grimmelshausen getönte Narrenperspektive ist, ein ungeheuerlicher Vergleich? Das Kind teilt die „Positionen“ der Erwachsenen eifrig, jedenfalls das Gesagte, das Ungesagte zieht nur langsam auf. Es ist eine ehemalige Geliebte und langjährige Freundin, die Buchhändlerin, die mit Blick auf all das Verdrängte, darunter den Mord an den Juden sagt: „Wir sind die Kinder der Schweigekinder.“ Was ist wahr, was ist falsch? Augen, so meint an einer Stelle der Bruder ungemein bedeutungsschwanger, „eigene Augen sind keine Kategorie“. Auch so ein monströser Satz, im Jargon der Durchblickenden. Der nicht nur hochkomische, sondern hochnotpeinliche Satz war der Grund, um uns zu sagen:

Lass uns mit eigenen Augen nachschauen.

Der Judenhass und die Wetterau

Also benutzten auch wir die Ortsumgehung von Friedberg, die Gießener Straße. „Ortsumgehung“ ist das Leitmotiv, unter das Maier seine Wetterau-Saga gestellt hat. Man muss im Auto den Roman Maiers nicht zur Hand haben, um an einen der bittersten Sätze zu denken. „Meine Familie ist eine Familie, die immer Grabsteine gemacht hat. Auch ihren eigenen.“

Ein erschreckendes Resümee, im Roman abgesetzt am Fuß der Seite, nur getrennt durch eine gestrichelte Linie von dem Besuch des verschreckten Autors auf dem jüdischen Friedhof. Ein an der Stelle des Romans angemessener Satz? Auf ihrem Friedhof kamen die wenigen Juden von Friedberg bis 1939 unter, wenigstens noch in ein eigenes Grab, aber weit entfernt vom Dorf.

Als hätten sie die Pest und die Cholera gehabt.

Der Judenhass hat heute noch ein vertreibungswilliges Verbreitungsgebiet in der Wetterau. Ja, sie lässt weit blicken. Oder auch nur bis nach Altenstadt, wo SPD, CDU und FDP soeben einen Neonazi zum Ortsvorsteher wählten, ein politisches Desaster, ein moralisches Debakel.

Immerhin vor den Toren Friedbergs keine Schmierereien, keine Hasstiraden an diesem Ort der Ortsumgehung. In dem Erzählkosmos Andreas Maiers ist das Wort Ortsumgehung zum Sinnbild der Sinnlosigkeit und Entwurzelung geworden. Umgehung des Wesentlichen auch hier, an einem Gedächtnisort, wie liegen gelassen, aus einer anderen Zeit. Hinter Leitplanken eine Hecke. Ein Ort der Verlorenen. Kein Halt hier, nirgends.

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