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Andreas Kappeler „Die Kosaken“: Unverwüstliche Legenden und Mythen

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Von: Christian Thomas

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„Kosaken greifen einen Tross an“, Aquarell von George Hand Wright.
„Kosaken greifen einen Tross an“, Aquarell von George Hand Wright. © Imago

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (9): Andreas Kappeler: „Die Kosaken“.

Um Vorreiter zu werden, mussten sie allerdings umsatteln. Denn auf das Pferd, so berichtet es Andreas Kappeler in seinem Buch „Die Kosaken“, waren sie nicht immer schon eingestellt. Während ihrer Anfänge „geschickte Bootsfahrer“, die nicht nur vom friedlichen Fischfang auf dem Dnjepr lebten, sondern auch vom Beutemachen unter den Mitmenschen ihrer Zeit, schauten sie sich weiter um – den verfeindeten Steppenreitern deren Mobilität ab.

Historisch waren die Kosaken so etwas wie die Nachhut der Reiterkrieger, die Europa seit der Spätantike in Furcht und Schrecken versetzten. Neutral gesagt, bildeten die Kosaken einen „Personenverband“, der spätestens seit dem 16. Jahrhundert fest im Sattel saß. Das waren namentlich die ukrainischen Dnjepr-Kosaken ebenso wie die russischen Don-Kosaken oder weitere Kosakengemeinschaften, deren Lebensraum nicht mehr allein die Flüsse und Ufer waren. Auch die Lebensweise der Spezies am Dnjepr war ungestüm, deren Zusammenleben erstaunlich egalitär organisiert. Nicht zuletzt waren sie Bahnbrecher der religiösen Orthodoxie, brutale Bahnbrecher.

Beschränken wir uns auf die Ukraine, wo die Kosaken von ihren Basislagern in den Uferwäldern und auf den Inseln des Dnjepr operierten. Da die Befestigungen geografisch „hinter den Dnjepr-Stromschnellen“ lagen, wurde sie als Zaporoger-Kosaken bezeichnet. Deren Burg (Sic) diente als Versammlungsort aller Kosaken, als „Ring“ (Kolo) und als „Rat“ (Rada), um die Hauptleute und das Oberhaupt, den Hetman zu wählen. Ihm, der über Leben und Tod gebot, war absoluter Gehorsam geschuldet von einer exklusiven Männer-Gemeinschaft, die unter ungewöhnlich gleichberechtigten, „demokratischen“ Bedingungen lebte, wie Kappeler betont. Dabei verfolgten die Dnjepr-Kosaken nicht selten ein Geschäftsmodell, das auf Raub, Entführung und Lösegeld basierte. Beträchtlich ihr Ruf am Lagerfeuer als „edle Räuber“ oder in wissenschaftlichen Abhandlungen als „Sozialbanditen“.

Das mal beiseite, setzten die Kosaken in der frühen Neuzeit eine territoriale Konsolidierung durch: gegen Russland, gegen Polen-Litauen, nicht zuletzt das Osmanische Reich, worauf in der Ukraine der Gegenwart bis heute rekurriert wird. Eine lebhafte Legendenbildung, ob in der Werbung, in der Populärkultur, auf Banknoten oder in der politischen Symbolik.

Zweifellos sind die Kosaken diejenige Macht, ohne die sich die Ukraine so nicht entwickelt hätte. Nicht ihre vormoderne Eigenständigkeit zwischen Russland und Polen, nicht ihre Rolle seit der frühen Neuzeit – aufgegriffen ebenfalls stark in der Literatur des 19. Jahrhunderts, ob bei dem gebürtigen Ukrainer Nikolai Gogol oder bei dem ukrainischen Nationaldichter schlechthin, Taras Schewtschenko. Unverwüstlicher Kosakenmythos, nicht von ungefähr auch, so darf man hinzufügen, bei Juri Andruchowytsch, in dessen Debüt „Karpatenkarneval“, hineingeschrieben in die Zeitenwende nach 1991. Darin anarchische Akteure einer sich überstürzenden Libertinage.

Wie auch immer man die tausendjährige Entwicklung der Ukraine beurteilt: Zwietracht stiftete der Vertrag von Perejaslaw, im Januar 1654, bei dem die Kosaken einen Schwur auf den Zaren leisteten. Aus der Sicht des Moskauer Kaisers wurde damit die Eingliederung der „Ukraine in den Moskauer Staat“ vollzogen. Was sich aus der Perspektive Moskaus seitdem als „Wiedervereinigung“ der Ukraine mit Russland darstellt, begriffen die Kosaken als ein „Beistandsabkommen“ und ein „Protektorat, das wieder gekündigt werden konnte.“ So verstand man es zum Teil dann auch in der Ukraine.

Kein Zweifel für Kappeler, dass die Kosaken zu einer „protonationalen Bewusstseinsbildung“ beitrugen, zumal mit Blick auf die zahlreichen Aufstände, die ins Jahrhundert des großen Aufbegehrens in ganz Europa zurückreichen, ins 16. Jahrhundert. Zur Ambivalenz gehört, dass die Kosaken im Laufe ihrer Entwicklung von Akteuren des sozialen Protests immer mehr zu „Bewahrern der autokratischen Ordnung“ wurden. Im 18. Jahrhundert von den Zaren brutal kaltgestellt, ließen sie sich von Moskau im 19. Jahrhundert bereitwillig in Dienst stellen, etwa als privilegierte Armeeeinheit, später als paramilitärische „Schergen“ (Kappeler) während der Revolution von 1905.

Zur Reihe:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Andreas Kappeler: Die Kosaken. Geschichte und Legenden. C.H. Beck Verlag 2013. 128 S., 8,95 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied (23. Juli), Serhii Plokhys „Die Frontlinie“ (30. Juli) und Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (6. August), Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“ (13. August), Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ (20. August), Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“ (27. August), Oksana Sabuschkos „Schwestern“ (3. September) und Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“ (10. September).

Das zehnte Buch wird Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“ sein.

Dass Kosaken jemals einem Krieg distanziert gegenübergestanden hätten, lässt sich, so schlecht die beklagte Quellenlage sein mag, nicht belegen. Als Verfechter der Orthodoxie kämpften sie gegen das katholische Polen, als Christen gegen die muslimischen Krimtataren und das Osmanische Reich.

Ein Schreckenskapitel für sich: die Judenfeindschaft der Kosaken. Die frühneuzeitliche Nationenbildung der Ukraine gründet auf Pogromen durch die Kosaken, einem Massenmord an wahrscheinlich 50 000 Menschen. Auch der Versuch der Staatenwerdung der Ukraine, Anfang der 1920er Jahre, ging nicht ab ohne unvorstellbares Grauen für zehntausende Jüdinnen und Juden, weitere Gewaltwellen der Kosaken.

Kappeler, eine der Instanzen der Ukraine-Forschung (unbedingt lesenswert: „Kleine Geschichte der Ukraine“, „Ungleich Brüder, Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, C.H. Beck Verlag), beschreibt, dass die Geschichte der Kosaken eine Gewaltgeschichte nicht zuletzt gegen sie selbst war. Die Bolschewiki propagierten 1919 deren „vollständige Liquidierung“, die durch Stalin weiterverfolgt wurde. Darin lässt sich ein Motiv für die Kollaboration der Kosaken mit den Nazis ausmachen, so dass sie innerhalb der Wehrmacht vor allem Partisanen in Weißrussland oder Italien bekämpften. An dem Vernichtungskrieg der Nazis beteiligten sich die Kosaken vor allem in Jugoslawien mit ihren eigenen entsetzlichen Kriegsverbrechen.

Zur Geschichte der Ukraine gehört das Hetmanat der Dnjepr-Kosaken im 17. Jahrhundert ebenso wie das kurzlebige von 1918 bis 1920 während der Schreckenszeit des Bürgerkriegs und der Ukrainischen Volksrepublik. Genug geschichtsträchtiger Stoff, reichlich Material für Mythen und Legenden. Eine Ressource, die nicht von ungefähr in den Monaten des Euro-Maidan, im Winter 2013/2014 aufgegriffen wurde. Eine Vielzahl von Symbolen, die der Kosakenmythos beschworen, ob anarchisch motiviert oder autoritär – die Zeichen von schillernder Ambivalenz.

Kappelers Buch, das 2013 erschien, wünscht man eine fortgeschriebene Neuauflage, angefangen mit dem Maidan. Auch in den letzten Jahren blieb das Ungebärdige häufig unterstellt einem rüden Männlichkeitsprinzip, so der Politikwissenschaftler Richard Arnold, einer „Kultivierung eines militaristischen Patriotismus“ (www.laender-analysen.de/ukraine-analysen/263/kosakenorganisationen-in-der-heutigen-ukraine/). Das hat den Ukraine-Forscher zu der eher heiklen Prognose verleitet, dass Kosaken „im Falle einer russischen Invasion (...) zweifellos zu jenen gehören, die an der Spitze eines Aufstandes stehen“.

Warum denn an der Spitze? Die Legendenbildung lebt offenbar fort, eine, wie von Kappeler beschrieben. Ein Vorreitertum aus dem Geist des 19. Jahrhunderts. Die Kosaken als patriotische Avantgarde, besungen in Volksliedern, verherrlicht in Volkserzählungen, vor Augen gestellt in Volksbilderbögen, holzschnittartig ganz bestimmt.

Lesen Sie hier Teil 8 der Serie: Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“.

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