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Andrea Sawatzkis „Brunnenstraße“: Die Überforderung

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Von: Cornelia Geißler

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Andrea Sawatzki.
Andrea Sawatzki. © Jeanne Degraa

Wenn ein Kind auf seinen Vater aufpassen muss: Andrea Sawatzkis bedrückender, offenherziger Roman „Brunnenstraße“.

Ein dauerhaft krankes Familienmitglied verändert das Gefüge in der kleinen Lebensgemeinschaft. Einige Autoren und Autorinnen haben sich in jüngerer Zeit dieses Themas angenommen und Probleme beleuchtet, die meist hinter Wohnungstüren, Gartenzäunen oder in Heimen versteckt bleiben. Wenn Eltern von Demenz betroffen sind, sieht man schwinden, was vertraut war. Arno Geiger („Der alte König in seinem Exil“) und David Wagner („Der vergessliche Riese“) haben beeindruckende Bücher darüber geschrieben. Gabriele von Arnim schildert in „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ bewegend und zugleich reflektiert die Jahre an der Seite ihres vom Schlaganfall veränderten Mannes. In diese Reihe gilt es, auch „Brunnenstraße“ von Andrea Sawatzki aufzunehmen.

Allein mit der Belastung

Was es für Kinder im Schulalter bedeutet, wenn Mutter oder Vater pflegebedürftig sind, kann man sich als Erwachsener kaum vorstellen. Zumal die Verhältnisse in jeder Familie anders sind, die kranke Person mehr oder weniger im Zentrum der Wahrnehmung des Kindes steht. Will man darüber nachdenken, geht das nur am Einzelfall. Einen solchen hat der Roman „Brunnenstraße“ zum Gegenstand, in dem Sawatzki vom Aufwachsen mit einem an Alzheimer erkrankten Vater erzählt. Das Buch verweist zugleich auf gesellschaftliche Strukturen. Sie sind heute zwar weniger starr als damals in den siebziger Jahren. Das Hinwegsehen über die mit Krankheit verbundenen Belastungen aber erleben Pflegende bis heute.

Das Buch

Brunnenstraße. Roman. Piper Verlag, München 2022. 176 Seiten, 20 Euro.

Bis zu ihrem achten Lebensjahr wuchs die Erzählerin bei ihrer Mutter im schwäbischen Vaihingen auf. Wenn der Vater, verheiratet mit einer anderen Frau, zu Besuch kam, „schlief er in einem Hotel, damit die Nachbarn nicht auf unanständige Gedanken kamen“. Günther Sawatzki, 25 Jahre älter als die Mutter, hatte sich als Journalist einen Namen gemacht. Als die Eltern endlich heirateten und das Erdgeschoss eines Hauses in Baldham östlich von München bezogen, in der dortigen Brunnenstraße, dachte das Mädchen, dass ein richtiges Familienleben beginnen würde. Doch „vorerst war er damit beschäftigt, die versäumten Jahre mit meiner Mutter nachzuholen“.

Bald macht sich zudem die Krankheit bemerkbar, viele Monate ohne Diagnose. Nicht nur, dass der Vater nicht mehr arbeiten kann, er gibt auch viel mehr Geld aus, als er auf dem Konto hat. Die Mutter, von der das Mädchen kurz geglaubt hat, sie würde endlich sein wie andere Mütter, die stets zu Hause sind, geht wieder arbeiten. Am neuen Krankenhaus wird sie ständig in die unbeliebte Nachtschicht eingeteilt. Was bedeutet, dass die Zwölf-, Dreizehnjährige auf den Vater aufpassen muss. Tagsüber, damit die Mutter schlafen kann, nachts, wenn sie mit ihm allein ist.

Er macht ihr Angst

„Immer öfter tat mein Vater Dinge, die ich nicht verstand. Er machte mir Angst damit, und ich reagierte immer sensibler auf ihn. Zunehmend ertrug ich den Klang seiner Schritte nicht mehr.“ Sie versucht, sich ihm in den Weg zu stellen. „Aus meiner Verunsicherung wurde Widerwillen und daraus eine tiefe Abneigung gegen ihn.“ Die Situation wird, ja brutal. „Ich stellte mir nie die Frage, warum es keinen einzigen Erwachsenen in unserem Leben gab, der Näheres über unsere Not wusste oder erfahren sollte.“

Der Roman verstört, ist aber stilistisch so überzeugend, dass man sich ihm nicht entziehen möchte. In einer Art Vorrede deutet die Autorin an, mehrmals zum Schreiben angesetzt zu haben, aber erst in der Lage dazu gewesen zu sein, als sie sich selbst als fremde Person betrachtete. Erst spät konnte sie sich von der als Kind empfundenen Schuld lösen. Sie hat immer versucht, die Mutter zu schützen und nicht zu enttäuschen, doch deren Entscheidung war es, den Vater nicht in ein Heim zu geben. Sie sagt „ich“ und hätte genauso „sie“ schreiben können. Sie benennt Gefühle, ohne sie zu schildern, durchleuchtet nicht die Psyche der Person. Sie lässt dieses Ich erleben, handeln, zurückblicken, weiterhandeln. Die Episoden sind so deutlich, dass die Autorin die Reflexion der Leserin, dem Leser überlassen kann.

Sawatzki, eine vielbeschäftigte Fernsehschauspielerin, veröffentlicht seit einigen Jahren unterhaltsame Bücher. Das neue ist anders, packt durch Authentizität und Klarheit der Sprache. Manchmal sagt man, um Einsatz und Leidenschaft zu charakterisieren, jemand tue etwas, als ginge es um sein Leben. „Brunnenstraße“ kann man ablesen, dass es Sawatzki um die Rettung ihrer Seele ging.

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