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Andrea Maria Schenkel „Der Erdspiegel“: Mit Nachrichten vom Geliebten locken

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Von: Sylvia Staude

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Ein Viehmarkt im Süddeutschen.
Ein Viehmarkt im Süddeutschen. © Imago

Andrea Maria Schenkel erzählt in „Der Erdspiegel“ einmal mehr einen historischen Kriminalfall.

In der Popmusik gibt es den Begriff des „One Hit Wonders“, sogar CDs sind auf dem Markt, die ebensolche Ein-Hit-Phänomene versammeln. Auf dem Gebiet des Kriminalromans ist es der 1962 geborenen Andrea Maria Schenkel ähnlich ergangen: 2006 erschien ihr schmaler, auf einem historischen Fall beruhender Debütroman „Tannöd“, mit etwas Verspätung wurde dieses Buch nicht nur ein Bestseller, sondern in zwanzig Sprachen übersetzt und verfilmt. Zwar gab es für „Kalteis“ (2007) ebenfalls den Deutschen Krimipreis. Aber dann wurde es doch still um Schenkel, die mit ihrer Familie in den USA lebt und studiert. Doch immer noch schreibt sie nach „Tannöd“-Muster dichte, sprachlich äußerst sorgfältig und reizvoll gearbeitete Krimis.

Der Bichel, ein Serienmörder

Auf einen historisch verbürgten Fall greift sie auch für „Der Erdspiegel“ zurück, es ist der eines Serienmörders aus einem Ort nahe Regensburg. Der Bichel, ein scheinbar ganz unbescholten mit seiner Frau lebender Viehhändler, lockt junge Frauen mit dem Versprechen, ihnen ihre Zukunft in einem magischen „Erdspiegel“ zeigen zu können. Oder er spricht sie dort an, wo sie zum Beispiel als Kellnerin arbeiten, und verspricht, ihnen eine gute Stelle in einem angesehenen Haushalt zu besorgen. Er gibt ihnen zu trinken, darin ist Laudanum, eine Opiumtinktur. Auch eine Mitwisserin tötet er, aber die Nachbarn glauben, die alte Frau sei an ihrer Gier auf ein Stück Rauchfleisch erstickt.

Ein Whodunnit ist „Der Erdspiegel“, Schenkels jüngster Roman, also nicht, gespannt sein kann die Leserin, der Leser lediglich, was dem Bichel, der sich aus jeder Situation geschmeidig herauszureden weiß, zum Verhängnis werden wird. Wird es der Hund vom Schlupp sein, der vor Bichels Schupfen winselt und gräbt? Wird die junge Frau, die er am Friedhof anspricht und der er unheimlich ist, ihn enttarnen können? Werden die Stadtknechte bei der Durchsuchung seines Hauses etwas finden?

Was die Romane Andrea Maria Schenkels auszeichnet, ist, wie penibel sie die Atmosphäre einer vergangenen Zeit schafft, dabei auch den regionalen Zungenschlag und Wortschatz verwendend. Der im Süddeutschen aufgewachsenen Kritikerin sind viele Wendungen altvertraut, der oben schon erwähnte „Schupfen“ für Schuppen etwa, schon zweimal, wenn es darin aussieht „wie in einem jeden Schupfen“.

Das Buch:

Andrea Maria Schenkel: Der Erdspiegel. Roman. Kampa, Zürich 2023. 192 S., 22 Euro.

Aus lakonischer Entfernung

Aber während schlechtere historische Krimis gern in den Kopf der Figuren schlüpfen, ihnen eine Sprache und Gedanken zuschreiben, die viel zu modern sind, hält sich Schenkel zurück, blickt – selbst wenn es dann um das Ausgraben zerstückelter Körper geht – aus einer gewissen lakonischen Entfernung auf die Handelnden. Auch auf den mörderischen Bichel: Er mag das sein, was man heute einen Psychopathen nennen würde, nach außen freundlich, ja charmant, nach innen eiskalt, doch warum er den schrecklichen Kick des Tötens braucht, führt die Autorin nicht aus.

Andrea Maria Schenkel, so erzählte sie damals, als „Tannöd“ ein Überraschungserfolg war, ringt um jeden Satz, um jede Formulierung. Sie feilt und verschlankt dabei, kein Fitzelchen Fett dürfen ihre Romane ansetzen. Das macht diese Bücher zu einem intensiven, aber kurzen Vergnügen.

„Der Erdspiegel“ spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts im Oberpfälzischen, nahe Regensburg. Viele Leute sind arm – Viehhändler Bichel freilich nicht –, Mädchen aus armem Elternhaus müssen sich verdingen, Burschen zum Militär gehen. Sich eine sonnenfarbene Weste nähen zu lassen, ist eine große Sache für eine junge Frau. Versprochen zu bekommen, dass man den fernen Geliebten im Zauberspiegel wird sehen können, ebenfalls. Sich gar nach dem Tod der Eltern als Frau auf einem Hof zu behaupten, sei es auch mit zwei Schwestern, erfordert besonderen Mut. Gleich gilt man als „stolzes Frauenzimmer“.

So erzählt dieser historische Kriminalroman nicht zuletzt von einem Leben, in dem es viel Arbeit und wenig Abwechslung gibt, in dem man bis zum Tod als Dienstmagd oder Knecht schuftet. Und in dem ein Stück Geräuchertes ein Anlass ist, sich wie auf ein Festmahl zu freuen. Und das Kruzifix an der Wand mit einem Tuch zu verhängen, denn es ist Fastenzeit und der Herr Jesus soll nicht sehen, was man sich da schmecken lässt.

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